Amelies bunte Welt

„Du betrachtest die Welt, in der du lebst, mit deinen Augen, wie in einem Spiegel“, sagte Herr Dachs. „Betrachtest du deine Welt mit traurigen Augen, dann wird sie für dich traurig sein. Willst du eine fröhliche Welt, dann wird sie für dich fröhlich sein. Es ist deine Entscheidung, in welcher Welt du leben willst.“

Amelie hob die Hand, ganz langsam. Sie hielt ihren neuen Zauberstab fest in der Faust und richtete ihn auf einen Krug in der Küche.

„Hokuspokus fidibus“, sagte sie.

Der Zauberstab zitterte ein wenig, und ihre Stimme auch, und plötzlich hob sich der Krug in die Luft.

„Und jetzt wieder runter“, sagte die Hexe Wanda, ohne ihre Zauberschülerin zu loben.

Amelie zeigte mit dem Stab nach unten, und der Krug senkte sich wieder an seinen alten Platz. Amelie war total stolz, aber sie zeigte es nicht.

„Und das ‚Hokuspokus‘, kannst du dir ab jetzt sparen“, sagte Wanda. „Das ist nur was für Anfänger. Es geht auch ohne.“

„Brauche ich nichts dazu zu sagen?“, versicherte sich Amelie.

„Nein. Schau!“ Die Hexe Wanda zeigte mit ihrem Finger auf ein Bild an der Wand, hängte es ab und wieder hin. Sie verlor dabei kein Wort.

Amelie probierte es auch aus und kicherte dabei.

Doch Wanda blickte sie streng an. „Hör auf zu kichern!“

Sie hexte Amelie ein Pflaster über den Mund. Amelie hexte den Pflasterstreifen wieder weg.

„Ich will nicht, dass hier so albern gekichert wird“, schimpfte Wanda weiter. „Kichern ist was für dumme Menschen. Wer kichert, ist dumm.“

Amelie antwortete nichts darauf. Sie kannte die alte Hexe nur zu gut. Wanda konnte nicht aufhören. Wenn sie sich erst einmal in Rage brachte, konnte sie alles Mögliche anstellen.

„Ich will überhaupt nicht, dass hier alles fröhlich ist. Nichts soll fröhlich sein“, schimpfte die Hexe Wanda und fuchtelte mit ihrem Zauberstab herum. „Nichts soll bunt sein.“

In ihrem Gesicht zogen sich alle Falten nach unten.

„Bunte Farben sind was für Dumme. Wer bunt ist, ist dumm.“ Sie zeigte auf das Bild an der Wand, und es wurde grau. Auch der Krug wurde grau und der Leuchter in der Ecke.

„Du machst alles grau“, sagte Amelie. Sie hatte keine Angst vor der Hexe. Sie hoffte nur, dass Wanda bald aufhören würde.

Doch weit gefehlt. Der Schrank wurde grau und die Katze auch. Amelie nutze schnell die Gelegenheit, als Wanda sich umblickte, um aus der Haustüre zu verschwinden. Hinter ihr flog auch Schuhu, die alte Eule hinaus, die sich um ihr schönes Federkleid sorgte.

„Komm, mir nach“, rief die Eule im Vorbeiflug, und Amelie folgte Schuhu in ihr Versteck.

Schuhu war so alt wie der große Baum an der Kreuzung und konnte perfekt menschendeutsch reden. Amelie fragte sich oft, warum sie überhaupt bei Wanda wohnte und nicht wegflog, aber Schuhu hatte schon lange vor Wanda hier gewohnt.

„Ich wohne nicht bei Wanda“, hatte sie einmal gesagt. „Sie wohnt bei mir.“

„Heute ist wieder einmal nicht mit Wanda zu spaßen“, sagte Schuhu in ruhigem Ton.

Amelie setzte sich unter den Ast, auf dem Schuhu saß.

„Ja, wenn sie fertig ist, muss ich alles wieder in Ordnung bringen – wie immer.“

„Aber heute ist sie besonders schlimm drauf“, sagte Schuhu, „schau mal, sogar die Wolken färben sich grau und der Himmel.“

Schuhu hatte eine Brille auf dem Schnabel. Wanda hatte ihr eine hingezaubert, als ihre Augen schlechter wurden. Und dadurch sah Schuhu besonders klug aus.

„Weißt du“, überlegte Amelie, „ich habe ja keine Angst vor der Hexe Wanda. Sie ist manchmal einfach ein bisschen komisch. Aber in Wirklichkeit ist sie für mich nicht zum Fürchten. Ich habe sie sogar ein bisschen lieb, glaube ich.“

Da musste die Eule lachen.

„Siehst du?“, lachte Schuhu. „Du bist schon genau wie sie.“

„Ich? Das verstehe ich nicht.“ Amelie fand nicht, dass sie genau so war wie Wanda.

„Du sagst, dass du sie ein bisschen lieb hast. Und Wanda sagt, dass sie überhaupt nichts lieb hat.“

„Aber dann bin ich doch das Gegenteil von ihr.“

„Glaubst du? Wanda bildet sich ein, alles sei negativ. Also macht sie ihre Welt grau. Und du hältst deine Welt für positiv und stellst dir vor, dass Wanda lieb ist.“

„Genau“, bestätigte Amelie. „Das ist das Gegenteil.“

„Wer hat denn recht?“, fragte Schuhu. „Ist die Welt wirklich dumm und grau? Ist Wanda wirklich lieb oder nicht? Jeder bestimmt das für sich selber. Jeder macht, dass die Welt so ist, wie er sie sich vorstellt.“

„Also, meine Welt ist nicht grau“, freute sich Amelie. „Meine Welt soll bunt und fröhlich sein.“

„Du machst deine Welt, und Wanda macht ihre Welt. Da seid ihr beide gleich. Alle Menschen machen ihre Welt, indem sie andere Menschen für lieb oder für nicht lieb halten, oder indem sie ihre Welt für schlecht oder für gut halten, oder für böse oder traurig oder bedrohlich, grau oder bunt.“

„Du meinst, ich kann mir die Menschen fröhlich machen?“

„Jeder Mensch tut das. Dazu musst du nicht zaubern können.“ Die Eule rückte mit dem Flügel ihre Brille auf dem Schnabel zurecht.

„Wenn ich dich für dumm und für traurig halte, dann heißt das nur, dass ich selbst so denke. In Wirklichkeit bist du klug und fröhlich, und es dauert lange, bis du mich davon überzeugen kannst. Es geht nur, wenn ich meine Einstellung zu dir ändere. Und dann kann ich dich so sehen, wie du bist, oder so, wie du gerne sein willst. “

„Ich habe eine Idee.“ Amelie sprang auf. „Ich werde zu Wanda zurückgehen und ihr die Welt wieder bunt machen. Sie soll einfach sehen, dass die Welt auch bunt sein kann.“

„Es ist nur das, was du daraus machst“, lachte die Eule. „Geh nur. Zeige ihr deine Sicht der Welt.“

Amelie hielt ihren Zauberstab fest in der Hand und stapfte mit tapferem Schritt zurück zum Haus.

„Ha, da bist du ja“, schimpfte Wanda gleich los. „Du dachtest, du kannst mir entkommen, aber das kannst du nicht.“

Schwupp zauberte sie Amelie grau. Sie hatte graue Haare, graue Haut, graue Kleider, sogar die Fingernägel waren grau.

„Du hast mich grau gemacht“, sagte Amelie.

„Genau“, schimpfte die Alte. „Alles soll grau sein.“

„Und warum machst du dich nicht grau?“

„Ja“, kreischte Wanda. „Ich muss auch grau sein. Alles soll grau sein.“

Wanda wurde ganz grau, sogar ihr Hut. Nur nicht die Haare, sie waren es nämlich schon vorher gewesen.

„Und ich will die Farbe Grün“, lächelte Amelie.

Sie zeigte mit ihrem Zauberstab auf das Bild an der Wand und zauberte eine leuchtend grüne Blume darauf.

„Ha, was machst du da?“, kreischte die Alte. Doch bevor sie es sich versah, leuchteten überall grüne, gelbe und rote Blumen auf den grauen Gegenständen.

„Ich mache meine Welt so, wie ich sie sehe“, lachte Amelie und hörte nicht auf, überall bunte Blumen hinzuzaubern.

Plötzlich leuchtete eine wunderschöne rosa Blume auf Wandas Zaubermantel und dann noch eine und noch eine. Wanda sah ihren Mantel an und bekam große Augen.

„Hör auf!“, rief sie. „Ich will nicht bunt sein. Ich nehme dir jetzt den Zauberstab weg.“ Der Zauberstab segelte durch die Luft und blieb im alten Globus stecken.

Doch Amelie konnte mit ihrem Finger weiterzaubern.

„Für mich bist du nicht böse“, lächelte Amelie und zauberte weiter. „Für mich bist du lieb und bunt, klug und fröhlich und sogar schön und freundlich.“

Wanda war damit beschäftigt, ihre Blumen wieder wegzuhexen, aber es kamen immer wieder neue dazu.

„Wer lieb ist, ist dumm“, murmelte die Alte. Jetzt hatte sie sogar eine Blume auf der Nase.

Amelie musste laut lachen. Sie zauberte sich auch Blumen auf ihr Kleid. Und da! Wanda lächelte ein bisschen. Nur einen kleinen Moment. Amelie lachte wieder.

„Für mich bist du lieb“, lachte sie und tanzte im Kreis.

Wanda machte die Blumen wieder grau, doch nicht alle. Die auf der Nase hatte sie nicht gesehen. Und Amelie entwarf neue Muster, neue Blüten, Ranken, alle bunt, alle farbenfroh und verteilte sie überall im Haus. Auf dem grauen Untergrund sahen die Blumen noch bunter aus.

Die alte Hexe gab allmählich ihren Widerstand auf und ließ Amelie gewähren. Sie schimpfte noch ein bisschen herum, aber dann musste sie grinsen, weil ihre Zauberschülerin einfach nicht aufhören konnte.

„Meine Welt ist schön“, sang diese. „Ich mache mir meine Welt bunt.“

Schuhu flog herein und bekam prompt eine Blüte verpasst.

„Ooh“, staunte Schuhu. „Die ist aber schön. Die macht mich bestimmt um zweihundert Jahre jünger.“

Alle lachten. Sogar Wanda. Sie konnte nicht anders. Es tat ihr leid, dass sie so eklig gewesen war. Ja, sie half sogar Amelie dabei, ein paar Blüten auszuschmücken, bis sie selbst anfing, Blüten zu zaubern.

„Das macht Spaß“, lächelte sie. Sogar die Wolken bekamen Blumen ab. Schließlich wurde alles bunt. Wanda und Amelie lachten und freuten sich. Die Katze lag am Ofen und bekam von ihrer Farbveränderung nichts mit.

Und dann zauberten beide die Dinge so, wie sie vorher gewesen waren. Der Krug wurde wieder weiß, das Bild hatte wieder sein Haus, der Teppich wurde wieder schön rot, die Katze hatte wieder weiße Pfötchen. Alles bekam wieder seine alte Farbe zurück.

Nur Schuhu wollte gerne ihre Blume behalten.

„Die ist wirklich schön“, freute sie sich. „Immer, wenn ich in den Spiegel schaue, dann kann ich die schöne Welt sehen. Amelies Welt.“