Burrito und Perro Tonto

„Oh, ooh! Jetzt ist er schon wieder stehengeblieben.“

Der alte Pedro stieg von seinem einachsigen Karren herunter und nahm seinen großen Hut ab. Nachdenklich kaute er auf dem Strohhalm und kratzte sich die Stirn.

Burrito, der bockige Esel, mochte nicht mehr weiter. Pedro hatte so viele Getreidesäcke auf den Karren geladen, dass dieser schon gefährlich knirschte. Und jetzt wollte Burrito nicht mehr gehen. Für ihn war dieser Weg zu Ende.

„Ich glaube, es ist die Hydraulik“, überlegte Pedro.

Er hob Burritos Schwanz und pumpte einige Male auf und ab. Doch Burrito blieb stehen.

„Mmh“, überlegte Pedro. „Vielleicht ist es die Mechanik.“

Pedro hatte sich schon immer einen Traktor gewünscht. Einen roten Traktor zu besitzen war sein größter Traum. Er wusste, dass er nie genug Geld besitzen würde, um sich diesen Traktor zu leisten, darum war er schon damit zufrieden, sich einen kaputten Traktor zu wünschen, auch wenn dieser immer stehen bleiben würde, so wie Burrito.

Pedro holte einen Hammer unter dem Sitz hervor und untersuchte Burritos Hufe. Schließlich holte er aus und kloppte mit voller Wucht auf Burritos rechten Vorderhuf.

„Iihh ahhh“, schrie Burrito auf, aber er blieb stehen.

„Die Mechanik ist es auch nicht“, überlegte Pedro. „Vielleicht ist das Benzin ausgegangen.“

Er schaute Burrito ins Ohr, dann holte er eine Möhre aus seiner Tasche und stopfte sie dem Esel ins Maul.

Burrito mampfte die Möhre und blieb stehen.

„Der ist endgültig hin. Ich muss ihn stehen lassen“, beschloss Pedro.

Doch weil er wusste, dass er seinen Karren nicht alleine lassen durfte, nahm er Burrito das Geschirr ab, und legte es sich selbst um.

Mit einem kräftigen Ruck zog er den Wagen an und wanderte los. Burrito stand plötzlich alleine da.

Die Sonne war heiß, die Grillen zirpten, es war still.

„Iihh, ahhh“, rief Burrito und wartete. Doch tatsächlich, Bauer Pedro war mit dem Karren abgezogen.

„Frei, ich bin frei“, überlegte Burrito. Er wusste nicht genau, ob das gut oder schlecht war. Aber eigentlich fühlte sich das gut an.

Wie viele Jahre hatte Burrito für seinen Bauern gearbeitet? Siebeneinhalb Jahre.

„2.756 Tage genau genommen“, überlegte Burrito.

Burrito ging los und kam an eine Kreuzung. Wenn er rechts abbog, kam er zu Pedros Bauernhof. Noch nie war er geradeaus oder links abgebogen. Doch jetzt konnte er zum ersten Mal links abbiegen. Das war ein gutes Gefühl.

Nach einer guten Stunde kam Burrito in ein kleines Dorf. Die heiße Sonne briet die niedrigen, weißen Häuser wie Spiegeleier in der Pfanne. Allein die Grillen schienen hier zu leben und zirpten unermüdlich ihr monotones Liedchen. Von irgendwo her schallte der Ruf eines Gockelhahns.

Burrito stand auf dem kleinen Marktplatz und überlegte sich was.

Plötzlich ertönte ein Geräusch aus einem Haus, die Türe ging auf und heraus eilte ein alter Hund, verfolgt vom Besen einer runden Frau. Sie hieß Donna Clara.

„Mach, dass du endlich wegkommst, die blöder Köter“, schimpfte die runde Frau und kehrte mit dem Besen den Hinterteil des Hundes. „Perro Tonto!“

Dann knallte die Türe wieder zu. Der Hund wackelte mit dem Schwanz und freute sich, dass die Türe bald wieder auf ging.

Burrito staunte nicht schlecht: „Blöder Köter hat sie gesagt.“

Er ging zum Hund und sagte. „Hast du das gehört? Sie hat ‚Blöder Köter‘ zu dir gesagt.“

Der Hund wackelte wieder mit dem Schwanz und freute sich. „Du bist ein Esel, stimmt’s?“

„Das wievielte Mal ist es denn, dass sie ‚Blöder Köter‘ zu dir sagte?“ wollte Burrito wissen.

„Keine Ahnung“, sagte der Hund. „Das ist mein Name. Ich heiße so: Perro Tonto.“

„Aber das ist doch eine Beleidigung. Und mit dem Besen gehauen hat sie dich auch.“

Burrito konnte es nicht fassen. Der Hund freute sich immer noch.

„Mein Bauer hat mich 934 Mal ‚blöder Esel‘ genannt. 752 Mal ‚störrischer Bock‘. 377 Mal hat er mich mit der Peitsche gehauen und 65 Mal mit dem Hammer auf den Fuß gekloppt.“

Burrito wusste alles ganz genau, denn er merkte sich alle Beleidigungen und alle Schläge, die er in seinem Leben bekommen hatte. Und er war wirklich beleidigt. Wenn jemand nicht gut zu ihm war, dann merkte er sich das.

„Dann heißt du also ‚Blöder Esel‘?“, fragte Perro Tonto. „Das ist ein schöner Name. Ich nenne dich Burro Tonto.“

„Ich heiße Burrito!“ Burrito rümpfte die Nase und zählte eine Eins für die erste Beleidigung von Perro Tonto.

Die Türe ging wieder auf und Perro freute sich, dass er wieder hinein durfte. Doch dieses Mal war es nicht so.

Donna Clara warf seinen Futternapf in hohem Bogen zur Türe hinaus, dann sein Bällchen, und danach seine Schmusedecke. Und dann knallte sie die Türe wieder zu.

„Bällchen“, freute sich Perro Tonto und holte das Bällchen. Immer wieder legte er das Bällchen vor die Türe ab, nahm es wieder auf, wackelte mit dem Schwanz und kläffte freudig, aber die Türe blieb weiterhin zu.

„Gib‘s auf“, sagte Burrito. „Sie will dich nicht mehr sehen. Mein Bauer wollte mich auch nicht mehr sehen.“

„Dann spiel du mit mir“, freute sich Perro. „Wirfst du mir das Bällchen?“

„Ich kann kein Bällchen werfen“, sagte Burrito.

„Na los, na los, nur ein Mal, nur ein Mal.“

Burrito nahm das Bällchen zwischen die Zähne und schleuderte es von sich. Perro lief sofort los, holte es und legte es vor Burrito ab.

„Noch einmal, noch einmal“, bat er. Burrito tat ihm den Gefallen.

Nach ungefähr achtundzwanzig Mal, mochte Burrito nicht mehr.

„Jetzt ist genug“, brummte er. Perro wackelte mit dem Schwanz.

„Na los, noch ein Mal, noch ein Mal“, bat er.

„Ich glaube, ich weiß, warum die runde Frau dich rausgeschmissen hat“, sagte Burrito.

Perro freute sich. „Ach die arme“, sagte er. „Immer hat sie so schwere Gedanken. Erinnerungen machen das Herz so schwer. Du hast auch so schwere Gedanken.“

Burrito überlegte sich, ob er jetzt eine Zwei zählen sollte für die zweite Beleidigung.

„Komm, ich zeig dir was“, sagte Perro Tonto. Sie gingen hinter das Haus.

Hinter dem Haus lag ein riesengroßes, dickes Schwein in der prallen Sonne. Es war in einem Gatter eingesperrt. Der Futtertrog war leer, die Erde ausgetrocknet und die kleinen, sieben Ferkelchen lagen im schmalen Schatten vom Bauch der Mama.

„Das ist Mama Cerdo“, sagte Perro. „Sie hat auch immer so schwere Gedanken, die Arme. Aber jetzt kann sie was erleben. Schau mal!“

Perro zeigte Burrito einen alten, verrosteten Feuerlöschhydranten, der in der Nähe stand. Die rote Farbe war schon lange abgeblättert und die seitlichen Anschlüsse sahen nicht sehr dicht aus.

„Schon immer wollte ich Mama Cerdo einen Gefallen tun“, freute sich Perro. „Und jetzt kannst du helfen.“

„Ich, helfen? Wobei?“

„Komm, dreh dich um, ja genau so.“ Perro führte Burrito mit dem Hinterteil zum Hydranten. „Und jetzt tritt zu. Na los, tritt ganz feste drauf.“

Burrito hob sein Hinterteil und trat mit voller Wucht gegen den Hydranten. In diesem Moment wurde sein Hintern patschnass. Der Anschluss brach und ein dicker Wasserstrahl strömte aus dem Hydranten. Der Strahl ging direkt in das Gatter von Mama Cerdo.

„Es funktioniert, es funktioniert“, freute sich Perro.

Mama Cerdo staunte nicht schlecht, als sie plötzlich nass wurde. Der Strahl wischte die kleinen Ferkelchen in die nächste Ecke.

„Juhuu“, sie begriffen sofort und stellten sich in das Wasser und ließen sich wieder in die Ecke spülen.

Mama Cerdo erhob sich und stellte sich auch in den Strahl. Sie rutschte aus, strahlte, stemmte sich gegen das Wasser, ließ ihren Rücken massieren, ihren Nacken und den Bauch. Dann lachte sie und suhlte sich in den Pfützen.

„Komm, wir auch“, lachte Perro und sprang in das Gatter zu den Schweinen.

„Juhuuu!“, rief er. „Burrito, komm!“

Burrito überlegte zuerst, doch schließlich sprang er ebenfalls über den Zaun. Das Wasser war herrlich kühl, und der Wasserstrahl dick und fest. Die kleinen Ferkelchen prusteten und lachten, auch Mama Cerdo lachte, suhlte sich, und tobte mit den Kleinen.

„Keine schweren Gedanken mehr“, lachte Perro und ließ Burrito in den Schlamm fallen. Sie suhlten sich, wie Mama Cerdo, lachten und waren über und über mit Schlamm bedeckt.

„Keine schweren Gedanken“, freute sich Burrito und es fiel von ihm ab, wie ein schweres Päckchen, so als hätte ihn der Bauer zum zweiten Mal vom Karren losgeschnallt, den er ziehen musste.

„Ich danke euch“, lachte Mama Cerdo. „Dies ist der schönste Tag meines Lebens.“ Sie legte sich in eine Pfütze und ließ den kühlen Wasserstrahl der Rücken hinauf fließen.

Bald erschien die Feuerwehr. Der Feuerwehrhauptmann, der zugleich auch der Polizeihauptmann war, hieß Capitan Bomberos.

Der Capitan holte eine große Wasserpumpenzange aus dem Spritzwagen und versuchte, den Feuerlöschhydranten abzusperren. Doch der Strahl wurde nur noch größer. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als die Hauptversorgungsleitung des Wassernetzes abzudrehen. Die Bewohner kamen aus ihren Häusern und fuchtelten mit den Armen, doch es half nichts, das Wasser blieb vorerst aus, bis der Hydrant repariert wurde.

„Wer von euch hat den Hydranten kaputtgemacht?“ fragte der Capitan und schaute die Tiere im Gatter streng an. Perro wackelte mit dem Schwanz und Burrito rief „Iihh, ahh!“

„Ihr beiden mitkommen!“ bestimmte der Capitan, denn der Vorfall brauchte jetzt Schuldige, um die Bevölkerung zu beruhigen.

Perro Tonto und Burrito kamen mit zur Wache und der Capitan nahm alles zu Protokoll: „Wau, wuff, kläff, iih aah, iih ahh.“ Dann nahm er die Pfoten- beziehungsweise Hufabdrücke. Und dann kamen Perro Tonto und Burrito in die Untersuchungszelle.

Meistens hat man etwas, was man jahrelang nicht benötigt. Doch in dem Moment, wo es kaputt geht, braucht man es am dringendsten, wie zum Beispiel einen Feuerlöschhydranten.

Denn genau in dieser Nacht fing das Haus von Donna Clara an zu brennen. Kein Wunder. Sie war nämlich vor lauter Aufregung über die verdreckten Schweine eingeschlafen, während der Kuchen noch im Herd war. Dieser fing an zu brennen und entzündete das ganze Haus.

Feueralarm! Capitan Bomberos dachte, er hörte nicht recht. Die Alarmglocke funktionierte also doch noch. Eifrig bestieg er den Spritzenwagen und raste los. Weil die Sirene am Wagen kaputt war, sang er ganz laut „Lulala, lulala, lulala.“

Als er den Spritzenwagen am Feuerlöschhydranten anschließen wollte, bemerkte er erst, dass die Wasserversorgung abgestellt war. Schließlich bemerkte er, dass der Hydrantenanschluss nicht mehr passte, und letztendlich hatte sein Schlauch ein Loch. Dies konnte er aber nicht merken, denn es kam sowieso kein Wasser.

Perro roch das Feuer und war ganz aufgeregt.

„Schnell wir müssen hier raus.“

Die Untersuchungszelle war der Anbau von Capitans Haus, direkt neben dem Hühnerstall. Und wenn man sich ein bisschen gegen die Wand lehnte, dann stürzte der ganze Anbau in sich zusammen. Zum Glück passierte den Hühnern nichts, als sich das Strohdach über ihre Nester senkte.

Perro und Burrito waren frei und liefen schnell zum Haus von Donna Clara. Der Capitan war immer noch mit seinem Hydranten beschäftigt. Donna Clara war aber noch im Haus.

„Dreh dich um“, rief Perro und führte Burrito mit dem Hinterteil zur Türe.

„Und jetzt tritt ganz fest zu!“

Burrito hob seinen Hintern und trat so fest er konnte gegen die Haustüre. Diese zersprang, Perro stürmte hinein, schnappte Donna Clara am Kragen und zog sie hinaus.

„Ich glaube, das liegt an der Mechanik“, sagte plötzlich der Bauer Pedro neben dem Capitan Bomberos. Pedro hatte seinen Hammer dabei und schlug mit einem gewaltigen Schlag gegen den Hydranten.

„Das ist mein Bauer“, freute sich Burrito und war ganz stolz. Perro nickte.

In diesem Moment zischte der mächtige Wasserstrahl wieder aus dem Hydranten und spritzte durch den löcherigen Schlauch. Zwei Dorfbewohner richteten den Wasserstrahl gegen das Haus und die übrigen füllten ihre Wassereimer mit den seitlichen Spritzern, die aus dem kaputten Schlauch kamen. So konnten alle Bewohner gemeinsam Donna Claras Haus retten.

„Das ist mein Esel“, sagte Bauer Pedro und war ganz stolz.

Perro Tonto kam mit seinem Bällchen zu seinem Frauchen und wedelte mit dem Schwanz.

„Du hast mich gerettet“, rief Donna Clara und nahm ihren Hund in den Arm. Sie drückte ihm einen dicken Kuss auf die Stirn. „Ich werde dich nie wieder schimpfen“, versprach sie.

Pedro umarmte seinen Esel: „Du bist ein Held“, sagte er. „Ab sofort wirst du keinen Karren mehr ziehen. Helden ziehen keine Karren.“

Burrito freute sich.

„Aber wer soll dann meinen Karren ziehen?“ fragte sich Bauer Pedro.

„Ach, dafür weiß ich was“, rief Donna Clara. „Kommt mit!“

Donna Clara führte Pedro und Burrito in die kleine Scheune neben dem Haus.

„Der ist für euch, meine Retter“, sagte sie und zeigte ihnen einen kleinen roten Traktor, der in der Scheune unter Strohballen versteckt stand.