Das Graffiti

Ein junger Graffitisprayer sprühte eines Tages an der S- Bahn Linie von München ein Wort an die Wand: GLÜCK.

Jeder der Buchstaben war mannshoch, und die Schrift bedeckte die gesamte Ziegelwand in einer Länge von gut fünf Metern.

Am Morgen fuhren die S- Bahnen an dieser Stelle vorbei und man konnte weithin sichtbar die Botschaft lesen: GLÜCK. Mindestens Einhundert tausend Menschen lasen an diesem Tag diese Botschaft.

Die Buchstaben waren nur einfach und dünn mit der Spraydose gesprüht, in weißer Farbe.

Weil der zuständige Sachgebietsleiter der Stadt München Alois Bückmeister auch ein S- Bahn Fahrer war, und dieses Graffiti entdeckte, beschloss er, gleich in der Früh, wenn er in das Amt kam, sich um diese Sache zu kümmern.

Zuerst erstattete er Strafanzeige gegen Unbekannt, wegen Sachbeschädigung öffentlichen Eigentums.

„Diesen Schmierern muss man endgültig das Handwerk legen“, beschloss er. „Ich werde ein Exempel statuieren und mit aller Härte und Schärfe gegen diese Graffitisprüher vorgehen.“

Die Polizei machte Aufnahmen von dem Graffiti und verglich das Schriftbild mit ähnlichen Bildern. Sie suchte Verdächtige auf, verhörte sie, doch die Suche nach dem Täter blieb ohne Erfolg.

Alois Bückmeister musste gegenüber der Polizei den Schaden beziffern, den er geltend machen wollte, und so ließ der Beamte das fachgerechte Entfernen dieses Graffitis anordnen, damit der Schadensersatz ausgemacht werden konnte.

Maler Tobias Buntspecht bekam den Auftrag, das Graffiti zu überstreichen.

„Soll ich nicht für einen kleinen Aufpreis die ganze Wand anstreichen?“ fragte Maler Alois.

„Nein, es geht um eine Schadensausbesserung“, bestimmte Alois Bückmeister. „Sonst zählt das als Sanierung und das kann ich nicht als Schaden geltend machen.“

Also machte sich Maler Tobias am nächsten Tage bereits an die Arbeit und überstrich das Wort mit weißer Farbe. Er überstrich nur die Schadensstellen und benutzte dazu eine große Malerrolle und wetterfeste Dispersionsfarbe.

Und am nächsten Morgen lasen die S- Bahn Fahrer der Stadt in riesengroßen, dicken, weißen Buchstaben: GLÜCK.

Alois Bückmeister blieb fast das Herz stehen, als er sah, was der Maler dort gemacht hatte. Die Botschaft war nun besser und schöner zu lesen, als zuvor.

„Sie sollten die Schrift überstreichen und nicht noch größer machen“, schimpfte er am Telefon. „Sofort nehmen sie eine neutrale, ziegelrote Farbe und überstreichen alles nochmal.“

Maler Tobias suchte also eine passende Farbe aus und probierte sie an einer versteckten Stelle der Wand. Sie sah wirklich neutral aus.

Er hatte nicht bedacht, dass der weiße Hintergrund der Schrift die Leuchtkraft der Farbe verstärkte und so zeigte sich am darauffolgenden Morgen den neugierigen Passagieren der S- Bahn eine wunderschöne, leuchtend rote Botschaft: GLÜCK.

Der Sachgebietsleiter Alois Bückmeister kündigte Maler Tobias und ließ ein Bauunternehmen antreten: „Der gesamte Schriftzug soll aus der Wand ausgekratzt werden, bis nichts mehr zu sehen ist. Diesem Graffiti- Schmierer werden die Augen übergehen, wenn er die Schadensersatzklage zu lesen bekommt.“

Baumeister Sepp Meyer, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Braumeister, ließ seine Maurer mit Schleifmaschinen die Schrift auskratzen. Doch weil die alte Ziegelwand so porös war, war die Farbe gut einen Zentimeter tief in den Stein eingesaugt. Baumeister Sepp Meyer ließ andere Werkzeuge herbeikommen, richtige Fräsmaschinen. Und so frästen die Bauarbeiter die Schrift aus der Mauer aus. Sie waren sehr ordentlich dabei und zogen gerade Linien und saubere Bögen.

Die S- Bahn Fahrer freuten sich. Wieder präsentierte sich die Ziegelwand in einem wunderschönen Relief: GLÜCK. Der Spruch war bereits Stadtgespräch und tatsächlich: Die Menschen fühlten sich auch glücklicher als vorher.

Die Menschen in der Stadt lächelten, sie spazierten leicht und froh in der Fußgängerzone herum. Sie begrüßten einander, summten fröhliche Lieder und warfen den Musikern am Wegrand opulente Trinkgelder zu.

Alois Bückmeister jedoch, musste sich wegen dieser öffentlichen Gerüchte bei seinem Vorgesetzten melden. Der Bauamtsdirektor Doktor Ingenieur Manfred Eisenstein verstand überhaupt keinen Spaß: „7.845 Euro Reparaturkosten, und der Schaden ist immer noch nicht behoben“, schimpfte er. „Wissen Sie nicht, wie man eine Schadstelle an einer Wand repariert?“

„Herr Dr. Eisenstein“, brummelte Alois. „diese Wand ist…“

„Ich will keine Widerrede hören“, polterte der Direktor. „Lassen Sie die Stelle gefälligst mit Putz ausbessern, wie sich es gehört, und dann ist Ruhe damit.“

„Es ist besser, die ganze Wand zu sanieren“, gab Alois Bückmeister zu bedenken.

Doch Direktor Eisenstein war kein S- Bahn Fahrer, sonst wüsste er, dass die Ziegelwand nicht verputzt war. Und da er keinen Widerspruch duldete, führte Alois Bückmeister seine Anordnung aus.

Er beauftragte Baumeister Sepp Meyer damit, die ausgefräste Stelle mit Putz auszukleiden.

Und weil Sepp Meyer ein sehr akkurater Auftragnehmer war, führte er seinen Auftrag in äußerster Sorgfalt aus.

Seit dieser Zeit war für jeden S- Bahn Fahrer von München eine wunderschöne, in der Mauer eingravierte und verputzte Botschaft zu lesen: GLÜCK.