Das Langzeit- Phänomen

„Wenn du an einem Fluss sitzt“, sagte der alte Herr Dachs, „dann erlebst du das Fließen des Wassers. Und du siehst in den Himmel und erlebst das Wandern der Wolken, oder den Flug der Vögel. Jedes reist in seiner eigenen Geschwindigkeit, ob langsam oder schnell. In welcher Zeit wanderst du?“

„Die Zeit“, sagte George, „wird umso größer, je mehr du sie verschwendest.“

Als ich vor drei Jahren meine Arbeit im psychiatrischen Klinikum von Pennsylvania begann, war ich spezialisiert auf psychische Krankheiten, die auf Gehirnschädigungen beruhen. Meine Arbeit begann damit, Daten von autistischen Patienten zusammenzutragen und nach bestimmten Kriterien zu sortieren.

Mr. Blitz nannte man mich. Ich war perfekt organisiert, brauchte fast keinen Schlaf, konnte drei Dinge gleichzeitig machen. Ich war ein Energiebündel. Bis ich George traf.

Die Daten von George unterschieden sich von denen anderer Patienten. Er konnte nicht als Autist bezeichnet werden. Nach den Daten zu urteilen, schien er nicht abwesend zu sein, brauchte nicht den äußeren Antrieb einer Aktion. Er schien nicht blockiert zu sein. Aber er war unendlich langsam.

George wohnte in einem Altersheim, ganz in der Nähe der Klinik und deshalb bestellte ich ihn zu mir. Seine Tochter Sally brachte ihn im Rollstuhl in meine Praxis.

„Hi, mein Name ist Sally. Ich bringe Ihnen Dad vorbei. Wann kann ich ihn wieder abholen? Braucht er noch einen Krankenschein oder sowas? Ich habe noch einen Termin. Dad, ich hole dich wieder ab. Lauf nicht weg, ja?“ Schon war sie weg.

„Hi“, sagte ich zu George. „Mein Name ist Tom. Wie geht`s?“

George war ein alter Mann, doch sein Gesicht strahlte jugendlich und frisch. Er lächelte bereits, als er herein kam. Ich hörte ihn singen. Einen einzigen Ton.

„OK“, sagte ich. „Danke, dass sie gekommen sind. Ich würde gerne einige Untersuchungen machen, wenn ich darf?“

George sang weiter und ich begann mit meinen Untersuchungen. Tatsächlich. Seine Reaktionen waren praktisch gleich Null und dennoch schien er kerngesund zu sein. Er hatte keinerlei Anzeichen von Autismus, also musste ich ihn aus der Liste für meine Datenerhebung streichen. Doch welche Art von Krankheit hatte er dann? Ich ließ ihn aufstehen und gehen. Georges Bewegungen waren etwa zehn bis zwanzig Mal langsamer, als die eines gesunden Menschen. Doch er bewegte sich mit klarem Ziel.

Ich stellte ihm einige Fragen, auf die ich keine Antwort bekam.

Hin und wieder änderte er seinen Gesang. Auf ein langes „Ooooh!“ folgte ein „Kkkkk…“.

Vielleicht könnte mir seine Tochter Sally weiterhelfen. Ich beschloss abzuwarten, bis sie wieder kam. Goerge hatte aufgehört zu singen und lächelte mich an.

Als Sally ihren Vater abholen kam, hatte ich Gelegenheit, ihr einige Fragen zu stellen. Mein Schreck, war diese Frau nervös! Geradezu hyperkandidelt.

„Dad war immer schon so, seit ich ihn kenne. Die Leute sagen, ich wäre genau das Gegenteil, hihihi. Na ja. Die sollten erst einmal sehen, wenn ich in Fahrt komme.“

Ich bestellte George zu einem neuen Termin und war froh, als sie meine Praxis wieder verließ.

Später am Abend durchfuhr mich plötzlich die Erkenntnis, dass George mit mir gesprochen hatte: „…. Ooktoo..  Doktor.“ Er sagte Doktor zu mir. Sein Gesang war unendlich lang, aber er sagte Doktor.

Mein altes Tonbandgerät war defekt und hatte die Eigenschaft, dass es umso langsamer lief, je lauter ich es stellen wollte. Ich holte es aus dem Keller und nahm es in der Früh mit in die Praxis. Ich konnte es kaum erwarten, George wieder anzutreffen.

Wenn er tatsächlich so langsam sprach, konnte ich mit dem Tonbandgerät eine Aufzeichnung machen und im Zeitraffer abspielen.

„Hallo, George“, sagte ich, als er endlich wieder vor mir saß. „Ich habe ein Tonband mitgebracht, mit dem ich Sie aufnehmen und schnell wieder abspielen kann. Wollen Sie mir etwas drauf sprechen?“

George lächelte. Nach einer Weile öffnete er den Mund, nach wieder einer Weile sang er einen Ton, und nach einer unendlichen Zeit lächelte er mich wieder an. Eilig spulte ich das Tonband zurück und spielte es im Zeitraffer wieder ab. Die Stimme klang verzerrt hoch, aber sie war klar verständlich.

„Hallo, Herr Doktor“, sagte er.

„Das ist ja phantastisch“, jubelte ich. „George, Sie können sprechen.“

„Na los“, forderte ich ihn auf. „Sprechen Sie, sprechen Sie. Ich nehme alles auf.“

Und George fing an zu singen. Es war unendlich lange. Ich rutschte auf dem Stuhl hin und her, ich stand auf und ging im Zimmer herum, ich nahm mir mein Notizblock und kritzelte darin herum, ich nahm ein Buch, die Zeitung, ein Magazin. Das Tonband war für drei Stunden ausgelegt. Ich hatte früher ganze klassische Konzerte damit aufgenommen. Zum Glück brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, dass es plötzlich zu Ende ging.

George lächelte wieder.

„Sally, mein Mädchen“, sagte er. „So lange wollte ich dir sagen, wie lieb ich dich habe. Ich bin nicht krank, ich bin gesund. Ich bin ein Langzeiter und erlebe die Zeit anders als du. Wie gerne hätte ich es, wenn du mich verstehen könntest. Ich liebe dich.“

Als ich Sally das Band vorspielte, brach sie in Tränen aus und umarmte ihren Vater. Sie konnte nicht mehr von ihm lassen. Von nun an waren beide täglich in meinem Büro.

„Jeder erlebt seine Zeit in seiner eigenen Weise“, sagte George. „Für mich ist die Zeit endlos und phantastisch.“ –

„Langzeiter können alles spüren, alles fühlen. Darum brauchen sie diese Zeit. Kurzzeiter können alles sehr schnell machen, darum müssen sie sich beeilen.“ –

„In der Zeit, in der die Dinge kommen und gehen, kannst du sie mit deinem Geist begleiten und sie bestärken “ –

Die Aussagen, die George über die Langzeiter machte, zeigten einen Mann, der alles andere als krank war. Nur für Sally und mich war es eine Qual, auf das Ende seiner Rede zu warten.

Wie viele Dinge kann man machen, anstatt zu sitzen und ruhig zu warten? Gerade mich, als Mr. Blitz machte dieses Warten fertig. Ich spürte, wie in mir Unruhe aufkam, Ungeduld, Nervosität.

„Kämpfe nicht gegen mich“, sagte George. „Nimm es einfach an. Lerne zu akzeptieren.“

Es dauerte eine geraume Zeit. Ich brachte es nicht fertig, mich mit George in einer solchen Ruhe hinzusetzen.

„Komm, wir gehen an den Fluss“, sagte George.

Ich brachte George nach draußen. Zum ersten Mal saßen wir auf einer Parkbank nebeneinander und schauten auf den Fluss. Ich konnte mein Tonbandgerät nicht mitnehmen und versuchte, mich auf den Satz von George zu konzentrieren.

Er begann zu singen und beendete seinen Satz mit einem Lächeln.

„Wer bestimmt, wie schnell du gehen musst?“ fragte er.

„Niemand“, antwortete ich. „Niemand… Ich bestimme das selber.“

„Schenke jemandem deine Zeit, dann bekommst du noch mehr zurück.“

Zum ersten Mal hörte ich auf, gegen die Langsamheit Georges anzukämpfen. Ich befreite mich von allem, was mich in Zwang versetzte, erledigen zu müssen. Ich hatte nichts zu erledigen. Das Glitzern der Sonne im Fluss vereinte sich zu einem Leuchten. Das Treiben der Menschen auf den Wegen vereinte sich zu einem großen, fließenden Strom aus Lebewesen. Die Geräusche der Umgebung wurden zum Geräusch des Windes.

Ich saß mit George und hatte mir endlich die Zeit dazu genommen.

„Langzeiter sind ein sehr altes Volk. Sie unterscheiden sich nicht von anderen Menschen und sie bekommen sowohl Langzeiter, als auch Kurzzeiter als Nachkommen. Sally ist ein Kurzzeiter. Ihre Gedanken sind sehr schnell.“

„Gibt es noch mehr Langzeiter?“ fragte ich.

„Ja, viele.“

In den folgenden Tagen recherchierte ich nach Patienten in Kliniken und Heimen, die mit dem gleichen Krankheitsbild beschrieben wurden, die zu George passten. Und tatsächlich: Es waren viele. Alle abgeschoben in Heime und Anstalten, weil sie nicht verstanden wurden.

Ich besuchte Mathilda, eine nette Dame aus einem Heim in der Nähe. Ihr Lächeln war bezaubernd. Ich hatte bereits gelernt, mich vollständig auf meinen Patienten einzulassen, ohne jeglichen Gedanken auf einen Nachfolgetermin. Und zwischenzeitlich brauchte ich das Tonbandgerät nicht mehr.

„Mathilda, Sie sind eine Langzeiterin?“

„Ja, woher wissen Sie das?“

„Langzeiter werden einfach nicht verstanden.“

„Ja“, sagte Mathilda. „Jeder lebt in seiner Zeit. Jede Zeitgeschwindigkeit ist anders. Du kannst sie nur spüren, wenn du deine eigene Geschwindigkeit findest.“

„Ich möchte Ihnen gerne George vorstellen. George ist ein Langzeiter.“

„Ja, ich kenne ihn. Ich würde ihn gerne treffen.“

„Woher kennen Sie ihn?“

„Unsere Gedanken sind miteinander verbunden.“

„Ich bringe ihn morgen mit.“

„Ich platze vor Ungeduld, ihn zu sehen.“

Ich musste lachen. „Dies ist der langsamste Scherz, den ich je gehört habe.“

Die Parkanlage, von Mathildas Heim war sehr schön angelegt. George und Mathilda saßen auf einer Parkbank und waren im Gespräch vertieft.

Sally lächelte mich an. Sie hatte darauf bestanden, ihren Vater zu begleiten.

„Je langsamer Dad redet“, sagte Sally, „umso besser kann ich ihn jetzt verstehen.“

„Ich habe gelernt loszulassen“, sagte ich. „Das war eine harte Lektion.“

„Ich auch. Dad ist wundervoll.“

„Wir wollen Zwei Ringe besuchen“, sagte Mathilda, als ich sie auf der Parkbank besuchte.

„Zwei Ringe ist unser Oberhaupt“, sagte George.

„Können sie uns zu ihm bringen?“

„Ja, natürlich“, antwortete ich, und ich freute mich und war überrascht zugleich. „Ihr Langzeiter habt ein Oberhaupt. Das ist ja phantastisch!“

„Er freut sich schon, uns zu sehen.“

Schon wieder hörte ich den Hinweis darauf, dass die Langzeiter irgendeine telepathische Kommunikation miteinander führten. Mathilda kannte George, ohne ihn zuvor gesehen zu haben.

„Könnt ihr untereinander mit euren Gedanken kommunizieren?“

„Ja“, antwortete Mathilda. „Wir sind alle miteinander verbunden.“

„Aber wie funktioniert das?“ fragte ich.

„Unsere Gedanken sind stärker, als deine Beine“, lächelte George.

Wir holten uns das Einverständnis von Mathildas Angehörigen ein und drei Tage später saßen Mathilda, Sally, George und ich im Flugzeug auf dem Weg in ein Indianerreservat nach Wyoming, wo Zwei Ringe wohnte. Mathilda wusste den Weg zu seinem Haus.

Zwei Ringe war etwa Mitte Vierzig und war erstaunlich jung für ein Oberhaupt. Er lebte zusammen mit seiner Familie in einer entlegenen Farm, mitten in einer von Wäldern bewachsenen hügeligen Landschaft. In der Ferne erstrahlte das Weiß hoher, schneebedeckter Berge.

„Willkommen“, rief Zwei Ringe in der gleichen Geschwindigkeit, wie wir Kurzzeiter. „Schön, dass ihr da seid.“

Ich konnte natürlich meine Neugier nicht verbergen.

„Sind Sie ein Langzeiter, oder ein Kurzzeiter, Zwei Ringe?“

„Natürlich bin ich ein Langzeiter“, lächelte er. „Aber ich habe gelernt, mich in eurer Zeit zu bewegen.“

Von diesem Moment an sprach Zwei Ringe nur noch in der Geschwindigkeit der Langzeiter. Wir setzten uns unter eine mächtige Eiche im Kreis. Er fing langsam an zu sprechen.

„Den Flug der Vögel erkennst du an ihrem Flattern“, begann er. „Ist das Flattern der Flügel kurz und hektisch, so ist ihr Flug auch nicht lang. Schwebt der Vogel in langsamen Bewegungen, so ist sein Flug sehr weit. – Je tiefer du die Zeit in dir spürst, umso weiter kannst du mit ihr fliegen. Das weite Fliegen in der Stille der Zeit, das ist die Fähigkeit der Langzeiter. Dein Flug ist lang, ohne Hektik. Der Schlag deiner Flügel bringt dich in Verbindung mit allen Dingen. Andere verbinden sich mit dir. Bist du mit allen Dingen verbunden, dann kannst du über weite Räume miteinander kommunizieren. Diese Verbindung ist stärker, als ein großer Fluss.“

Als Zwei Ringe seine Rede beendete, lächelte er. Es begann zu dämmern. Ich war überrascht darüber, wie sehr mich diese Rede fesselte, ohne dass ich die lange Zeit bemerkte, die dabei verstrich. Ich wusste, dass Zwei Ringe nur Sally und mir zuliebe in seinen Worten sprach. Eine Versammlung der Langzeiter wäre in absoluter Stille geschehen.

„Sage mir, wie du es schaffst, in der Geschwindigkeit von uns Kurzzeitern zu sprechen?“ fragte ich Zwei Ringe.

„Oh, das geht nur mit viel Kaffee“, scherzte er. „Ich versetze mich in eine Stimmung der höchsten Aufregung und Hektik. In mir fängt es an zu kochen und zu vibrieren. In der höchsten Eile und in der höchsten Aufregung schaffe ich es, die Sprache der Kurzzeiter zu sprechen. Diesen Zustand kann ich nicht lange ertragen.“

„Wäre es möglich, dies mit George und Mathilda zu üben?“ fragte ich. „Wenn Kurzzeiter und Langzeiter eine Möglichkeit fänden, sich zu verständigen, dann schafften wir es, die Langzeiter aus den Heimen und Krankenhäusern zu nehmen. Sie werden dort als Kranke behandelt.“

Zwei Ringe dachte darüber nach, und am nächsten Morgen waren er und seine beiden Gäste dabei, den Zustand der Hektik zu üben.

Den Zustand der Hektik zu üben …. Nicht sie waren die Kranken. Nein, wir Kurzzeiter waren es. Ich setzte mich zu meinen Freunden und genoss die Ruhe und die Stille, das Ziehen der Wolken hin zu den weißen Bergen.

Dies war vor drei Jahren.

In der Zwischenzeit gelang es Sally und mir, ein Langzeiter- Zentrum in den Hügeln von Wyoming zu errichten, nicht weit vom Wohnort Zwei Ringes entfernt. Meine Publikationen in den Fachzeitschriften, unsere Vorträge und Seminare führten dazu, dass das Langzeiter- Phänomen anerkannt wurde. Zahlreiche Langzeiter mit Angehörigen und Neugierigen besuchten seither das Zentrum. Im ganzen Land wurden Wohneinrichtungen, Schulen und Begegnungsstätten für Langzeiter gegründet.

Eine große Anhängergemeinschaft verabschiedet sich seither vom Kurzzeit- Leben und taucht ein in das Leben der Langzeiter.

„Die Zeit“, sagte George, „wird umso größer, je mehr du sie verschwendest.“