Das Schloss über dem Nebel

„Es ist das Glück“, rief Olaf. „Es ist das Glück. Das ist das wichtigste Ziel in meinem Leben.“

Der Alte nickte und lächelte Olaf zu.

Olaf war bereits über sechzig Jahre alt. Der Aufstieg auf den großen Galdhøpiggen hatte ihm viel Kraft gekostet. In seinem Alter klettert man keine Berge mehr. Doch dieser Aufstieg bedeutete ihm sehr viel. Er musste es tun.

Er konnte sich noch gut erinnern. Damals, vor beinahe vierzig Jahren, da hatte er noch die Kraft und die Behändigkeit einer Bergziege.

„Du bist verrückt“, beschimpften die Leute den jungen Bergsteiger. „Diesen Berg kannst du niemals bezwingen.“

Olaf Olafson war Bergsteiger in nunmehr dritter Generation. Die Menschen in den Tälern kannten sehr gut die Geschichten vom Großvater Sven und vom Vater Hendrik, wie sie die Berge wie im Vorbeigehen nahmen. Berühmte Berge waren darunter, noch nie begangene Pfade. Die Nordwand des großen Eisbergs und der schmale Grat der vier Zinnen. Vater Hendrik beging sie alle mit seiner Kraft und mit seinem Übermut. Er bestieg nicht die Berge, nein, er bezwang sie, er schnappte sie sich.

Olaf war feiner und bedächtiger, als sein Vater. Er berechnete die Überhänge, er kalkulierte seine Kraft, seine Zeit und sein Material. Doch wenn er einmal die Felswand mit der Hand berührte, gab es für ihn kein Zurück mehr, und er zog seine Linie unbeirrt hinauf, bis zum Gipfel.

Dieser Berg jedoch, war anders. Zahlreiche Versuche sind an ihm gescheitert. Selbst sein Vater und sein Großvater mussten in vollem Respekt bei der Hälfte aufgeben und umkehren. Der große Galdhøpiggen zählte zu den höchsten Gipfeln im Nordland, und noch nie war er bezwungen worden.

Denn dieser Berg war völlig anders, unberechenbar, gefährlich. Plötzlich aufkommende Stürme, eisige Winde, die innerhalb von Minuten die Wand in eine Eisfläche verwandeln konnten, unbarmherzige Steinschläge, und vor allem, der ständige Nebel in der Felswand ließen die Bergsteiger andere Ziele suchen.

Nur Olaf ließ sich nicht beirren. Ausgerechnet er, der Bedächtigste, der Vernünftigste. Gab es nicht Hunderte andere Berge, die noch ihrer Erstürmung harrten?

„Er ist verrückt geworden“, sagten die Leute.

Und Olaf legte die Hand an die Felswand und kletterte los. Sein Pfad führte ihn schnurstracks nach oben. Die Fingerkuppen krallten sich in kleine Vorsprünge, winzige Spalten, schmale Rinnen. Keine Eisen, beweglich bleiben, auf Geräusche achten. Die Finger wurden kalt. Kurze Pause. Kleiner Überhang, der erste Hammerschlag. Der Wind blieb stabil, ein paar Vögel strichen neugierig vorbei.

Jetzt kam die Nebelzone. Es wurde kälter. Ein Wind kam auf. Eis rieselte kristallen von oben herab. Noch niemand kam bisher soweit. Olaf konzentrierte sich. Sicherer Griff, fester Tritt. Das Blickfeld wurde immer enger. Die Felsspalten waren mit Eis überzogen. Nicht ausrutschen. Der Nebel verdichtete sich zur finsteren Wolke, Schneeregen. An den Rückweg denken, Kräfte einteilen. Einatmen, ausatmen. Konzentrieren.

Plötzlich verzog sich der Nebel. Die Sonne strahlte grell. Olaf hatte die Nebelzone überwunden. Der Blick weitete sich, war der Gipfel schon zu sehen? Riesengroß und mächtig stand das Felsmassiv vor ihm. Jetzt hatte er die schwierigste Passage hinter sich gelassen. Doch der nächste Streckenabschnitt konnte nicht vorkalkuliert werden. Er musste sich jetzt allein auf sein Können verlassen, auf seinen Instinkt und sich seinen besten Weg von hier aus bestimmen. Der Berg hatte an dieser Stelle einen runden Rücken, und es war schwer den Pfad nach oben zu kalkulieren.

Wie lange noch? Keine Ahnung. Weiterklettern. Eiskalte Finger. Einatmen, ausatmen.

Und plötzlich, nanu? Eine Stufe und noch eine. Sie war von Menschenhand gemacht. War das möglich? Ein schmaler Pfad. Eine kleine Plattform. Endlich. Pause. Finger wärmen.

Wie lange waren diese Stufen schon da? Wer hat sie in den Fels gehauen, und warum? Hier oben? Wer machte sich diese Mühe? Olaf folgte dem schmalen Pfad. Die Stufen ließen sich leicht begehen, aufrecht, ohne Festhalten, wenig steil. Er folgte der aus dem Stein heraus gemeißelten Treppe, links an der Steilwand entlang.

Und plötzlich öffnete sich wieder das Blickfeld und über Nebelfeldern, wie in den Himmel hinein gebaut, stand ein weißes, schlankes Schloss, mit vielen hohen, spitzen Türmen, schmalen, kleinen Fenstern, Dächlein mit Schiefer bedeckt, Spitzen aus glänzendem Metall. Das Schloss war eng an der Felswand angeschmiegt, wie ein Schwalbennest an der Hauswand. Und doch schien es leicht und unbeschwert emporzustreben, fast zu schweben. Nebelwolken umgaben seine Mauern, und die Sonnenstrahlen des späten Morgens durchdrangen die flüchtigen Schwaden, so dass die Kontur des Schlosses wie in strahlendem Licht beleuchtet wurde.

Noch nie hatte Olaf etwas Schöneres gesehen. Noch nie in seinem Leben hätte er sich einen solchen Anblick träumen lassen. Er rieb sich die Augen. Was war mit ihm passiert? War dies ein Traum, eine Wahnvorstellung?

Er ging auf das Schloss zu. Sollte er vorsichtig sein? Niemand war zu sehen. Keine Spur von Leben. Er berührte die Mauer. Sie bestand aus sorgfältig behauenen Steinen, ohne Mörtel. Er konnte es immer noch nicht glauben, hier oben ein Schloss vorzufinden.

Das Tor ließ sich öffnen. Olaf trat leise herein. Er legte seinen Rucksack ab, seine Seile, seinen Gurt. Leise betrat er den schmalen, schattigen Innenhof. Schneeverwehungen rundeten die Kanten ab. Alles schien rund und weich zu sein. Er hörte auf Geräusche, achtete auf Bewegungen.

Zum Hauptgebäude führte eine steile Treppe empor. Olaf öffnete die Tür und betrat den Thronsaal. Strahlend schien die Sonne durch die bunten Fensterscheiben und beleuchtete den Saalboden mit unendlich vielen, farbigen Tupfern. Der Thron stand erhöht auf einem Podest. Er war nicht besetzt. In diesem Raum war es warm.

„Komm herein“, erklang eine Stimme. Olaf blickte erschreckt um sich.

Er entdeckte einen alten, kleinen Mann, der seinen Rücken am Kachelofen wärmte. Der Mann lächelte Olaf an und winkte ihm zu. Er legte seine Hand auf die Sitzbank neben sich.

Olaf trat näher und setzte sich neben den Alten. Der Alte lächelte und schwieg und betrachtete das Lichterspiel der Sonne im farbigen Fenster.

„Das, das alles… Es ist so wunderschön“, unterbrach Olaf die Stille.

Der Alte antwortete nicht.

„Hier oben, ich meine, ein Schloss“, versuchte Olaf weiter, das Gespräch zu führen. „Es ist unglaublich.“

Der Alte lächelte.

„Sind Sie ein König oder so?“, fragte Olaf weiter.

Nach einer Weile blickte der alte Mann Olaf fragend an.

„Wenn du alles in deinem Leben betrachtest“, sagte er zu ihm. „Was von alledem ist dein wichtigstes Ziel?“

„Die Berge“, gab Olaf sofort zur Antwort. „Ganz klar, oben zu stehen, die Gipfel zu erreichen.“

„Und was davon ist dein wichtigstes Ziel?“

„Ääh“, das hatte er doch gerade gesagt.

„Was ist dein wichtigstes Ziel?“, fragte der Alte noch einmal.

Olaf schwieg. Er kam an die Antwort nicht heran. Er überlegte.

„Eines Tages wirst du wieder kommen, und es mir sagen“, sagte der Alte.

Das war vor fast vierzig Jahren.

Olaf hatte sich freundlich verabschiedet und war zurück in das Tal geklettert. Er wollte den Menschen nicht vom Schloss erzählen. Er wollte das Schloss nicht einem Ansturm von Sensationslustigen ausliefern.

„Der Nebel“, erzählte er. „Es ging nicht mehr. Ich musste umkehren.“

Jetzt verstand er seinen Vater und er verstand seinen Großvater. Beide waren im Nebel umgekehrt. Beide schwiegen über den Berg, als man sie fragte.

„Ich habe das Schloss gesehen“, erzählte Olaf seinem Vater zu Besuch. Der Vater nickte.

„Und was ist dein wichtigstes Ziel?“, fragte der Vater.

„Weiß nicht“, antwortete Olaf. „Die Berge, die Gipfel?“

„Ich habe lange darüber nachgedacht“, erzählte Vater Hendrik. „Ist es meine Familie? Sind es die Berge? Ist es unser Haus an der Bucht des Meeres? Vielleicht ist es meine Gesundheit. Vielleicht einfach nur, dass die Sonne scheint?“

„Wirst du den Alten noch einmal besuchen?“

„Erst wenn ich die Antwort weiß“, antwortete Vater Hendrik.

Beide haben danach nie mehr über das Schloss gesprochen. Aber Olaf erinnerte sich nahezu täglich daran.

„Das ist es!“, freute er sich, als er sein Mädchen kennenlernte. „Das ist das wichtigste Ziel meines Lebens: Mit ihr zusammen zu sein.“

Sein Mädchen war klug und schön. Sie verstand es, ihn zu mahnen, wenn er zu wild wurde, und ihn aufzumuntern, wenn er aufgeben wollte. Sie heirateten und bald darauf bekam sie ein Kind.

Und als Olaf seine Tochter in Händen hielt und es nicht fassen konnte, wie wunderwunderschön sie war, da wusste er es wieder:

„Ja, das ist es. Mein Kind. Das ist das Schönste, das ist mein wichtigstes Ziel.“

Olaf zog es immer wieder in die Berge, und als er auf dem Gipfel des Everest stand, und er in die Sonne blickte, da wusste er, dass nichts, aber auch gar nichts wichtiger war, als dieser Moment. Es war der Moment, oben zu stehen, und alles, alles auf der Welt war nur noch nebensächlich und unbedeutend. Oben zu stehen und zu wissen: „Ich habe es erreicht.“

Jeder Berg ließ ihn erneut die Frage stellen. „Ist es das jetzt? Ist dies mein wichtigstes Ziel?“

Und als er seine Tochter zum Traualtar begleitete, und er ihr den Mann ihres Lebens übergab, da wusste er wieder, dass dies das wichtigste Ziel für ihn war.

Olaf und seine Frau erwarben ein wunderschönes Grundstück mit einem weiten Ausblick und bauten darauf ein Haus. War das nun sein wichtigstes Ziel? Oder war es der Moment, als zum Präsidenten der Bergsteigervereinigung ernannt wurde?

Olaf sah in die Augen seiner Frau, die er liebte und sie schaute ihn verständnisvoll an und fragte ihn:

„Olaf, mein Liebster, was machst du alles, nur um glücklich zu sein?“

Da wusste er es. Das war der Kern, das war der Mittelpunkt. In dieser Frage steckten alle Antworten, die er sich zuvor bereits gegeben hatte.

„Was mache ich alles, um glücklich zu sein.“

„Ganz egal, was immer ich auch gemacht habe“, sagte er seiner Frau. „Es hatte immer nur ein einziges Ziel.“

Jetzt wusste er, was für ihn das wichtigste Ziel war. Ja, es war so einfach und doch brauchte er so lange, um es zu verstehen.

„Es ist so einfach“, lachte er. „Ist es nicht das einzige Ziel, das wir haben, ganz egal, was wir anstellen, um es zu erreichen?“

Olaf umarmte seine Frau, küsste sie und drückte sie an sich. „Danke, mein Liebling“, sagte er, „Danke.“

Olaf nahm seine Ausrüstung aus dem Schrank. Es war früh morgens um zwei. Er fuhr die schmale Straße hinauf zum Pass. Dann ging er zum Berg und legte seine Hand an den Fels.

Als die Sonne hoch im Vormittag stand, öffnete Olaf die Tür zum Thronsaal.

„Es ist das Glück“, rief Olaf zum Alten. „Es ist das Glück. Das ist das wichtigste Ziel in meinem Leben.“

Der Alte nickte und lächelte Olaf zu.

„Es ist immer mein Ziel gewesen, glücklich zu sein, das Glück zu erleben“, ergänzte Olaf. „Was habe ich alles angestellt, um es zu erreichen?“

„Alles, was der Mensch macht“, bestätigte der Alte, „hat letztlich das einzige Ziel, dass er glücklich wird.“

„Ja“, sagte Olaf. „Ohne mir darüber im Klaren zu sein, habe ich alle Anstrengungen nur deshalb unternommen.“

„Brauchtest du all diese Anstrengungen wirklich, um das Glück zu erleben?“, fragte der Alte.

„Ja, ich denke schon“, überlegte Olaf und dachte an die vielen schönen Momente, als er auf den Gipfeln stand.

„Brauchst du äußere Einflüsse, um Glück zu erleben?“, fragte der Alte noch einmal.

„Ja, ich denke, ich weiß nicht“, überlegte Olaf.

„Wenn das so ist, dann ist dein Glück immer nur von kurzer Dauer“, sagte der Alte. „Hui, ist es wieder weg, und du brauchst einen neuen Anlauf, um das Glück wieder zu erleben.“

„Na, ja, so schnell ist es auch wieder nicht…“

„Der Glückliche ist wie ein hohes, leichtes Schloss auf dem Berg“, sagte der Alte. „Er ist einfach glücklich. Nebel, Stürme und Schneegestöber unter ihm können ihn nicht aus seinem stillen Frieden reißen.“

„Ja, es ist so schön hier…“, musste Olaf gestehen.

„Der Glückliche muss keinen äußeren Reizen folgen, um sein Glück zu erleben. Er ist es einfach“, erklärte der Alte.

„Mmmh, so habe ich es noch nicht gesehen“, überlegte Olaf.

„Eines Tages wirst du wieder kommen und mir davon berichten, wie du dein Glück gefunden hast.“

„Ja“, versprach Olaf.

„Ich werde so lange auf dich warten.“