Das schwarze Loch

„Wenn ich unbedingt will, dass etwas passiert“, sagte Herr Dachs, „dann übe ich Macht aus. Ich erwarte vom anderen, dass er tut, was ich will. Ich habe Erwartungen, ich übe Druck aus, ich zwinge dem anderen meinen Willen auf. Wenn er nicht tut, was ich will, dann bin ich beleidigt. Doch wenn ich meinen Willen loslasse und akzeptiere, was passiert, dann darf alles passieren. Und ich kann mich darüber freuen.“

Es war an einem Dienstag, da bekam Pascal ein schwarzes Loch geschenkt. Sein Papa brachte es ihm von der Arbeit mit nach Hause.

„Hier mein Sohn“, sagte Papa, „damit du lernst, für etwas Verantwortung zu übernehmen, und nicht die ganze Zeit vor dem Fernseher sitzt.“

Mama fand diese Idee ganz ausgezeichnet.

„Ja“, sagte sie, „und damit du nicht immer nur an Cola und Pommes denkst.“

Pascal nahm das kleine Glaskästchen und schaute es an.

„Da ist ja gar nichts drin“, beschwerte er sich.

„Doch“, erklärte sein Papa. „Das ist ein schwarzes Loch. Es ist noch ganz klein. Wenn du genau hinschaust, siehst du es leuchten.“

„Ein schwarzes Loch kann doch gar nicht leuchten“, wusste Pascal zu berichten.

„Ja, das, was du siehst, ist nur außen. Es versucht das Licht zu schlucken, und es kreist um das schwarze Loch herum. Dann siehst du es leuchten.“

„Cool.“ Pascal fand das schwarze Loch cool. Mama und Papa schauten sich zufrieden an.

„Du darfst es einmal am Tag füttern“, sagte Papa.

„Was kriegt es denn zu essen?“, fragte Pascal.

„Ooch, alles Mögliche. Versuche es mit einem Stückchen Brot.“

Pascal sprang auf und holte sich eine Scheibe Brot.

„Aber nur ein bisschen“, sagte Papa. „Wir wollen ja nicht, dass es zu groß wird.“ Er lachte.

Pascal nahm ein Stück vom Brot, öffnete das Glaskästchen und warf den Krumen hinein.

„Nein, so nicht Pascal“, sagte Mama. „Du musst es ihm schon richtig geben, sonst mag es das Brot nicht.“

Pascal brach noch ein Stück ab und führte es an den kleinen Lichtpunkt.

„Coooool!“ Das schwarze Loch verschluckte das Stückchen Brot. „Hähähä, nochmal!“

Er fütterte es noch einmal.

„Jetzt ist es genug“, sagte Papa. „Weißt du den schon einen Namen dafür?“

„Na klar – Blacky.“

Blacky war wirklich süß. Pascal freute sich.

Am nächsten Tag sprang er gleich auf und schaute nach Blacky. Schnell holte er ihm etwas zu essen.

„Schau mal, Mama“, sagte er am Frühstückstisch. „Ich habe ihm was beigebracht.“

Er nahm eine Pommes und stellte es mit der Spitze auf Blacky. Dann ließ er die Pommes los. Sie begann sich zu drehen, wurde immer kleiner, bis sie verschwand.

„Er mag auch Ketchup“, erzählte er und machte den gleichen Versuch mit einer Pommes mit viel Ketchup dran. Mama freute sich.

„Und ich kann ihn sogar mit Cola überschütten. Das macht ihm gar nichts aus.“

Pascal nahm seine Cola und goss es langsam über Blacky. Blacky freute sich und schleckte alles aus.

„Darf ich ihn mit zur Schule nehmen?“

„Nein, mein Schatz“, sagte Mama.

Pascal nahm Blacky mit zur Schule. Alle Kinder opferten ihr Pausenbrot, um mit Blacky zu spielen. Es war sehr lustig. Blacky konnte auch Bleistifte und Lineale.

Am nächsten Tag war das Glaskästchen weg. Blacky leuchtete über dem Schreibtisch.

„Was hast du mit dem Kästchen gemacht? Böser Blacky“, schimpfte Pascal. Blacky schämte sich. Jetzt konnte Pascal Blacky nicht mehr mit zur Schule nehmen.

„Zur Strafe musst du hierbleiben.“

Pascal stülpte ein Wasserglas über Blacky. Nun war Blacky traurig. Zum ersten Mal war er alleine.

Als Pascal von der Schule wiederkam, war der Schreibtisch weg.

„Mama“, rief Pascal. „Blacky hat meinen Schreibtisch aufgefressen. Böser Blacky!“

Mama schaute und wunderte sich. „Ich wollte doch noch den Staub abwischen.“

Blacky schaute ganz unschuldig. Er begann am Teppich zu knabbern.

„Schau, was er macht“, lachte Pascal und schob Blacky mit dem Baseballschläger vom Teppich weg. Blacky nagte den Schläger an, wollte aber nicht vom Teppich gehen.

„Mama, der will mir nicht gehorchen“, beschwerte sich Pascal.

„Ja“, antwortete Mama. „Jetzt weißt du, wie es mir immer geht. Nie gehorchst du mir. Es ist gut, dass du jetzt auch mal siehst, wie das ist.“

Pascal war ganz schön enttäuscht von Blacky. Er nahm den Baseballschläger fest in die Hand. „Ich werde ihn jetzt tot machen.“

„Nein Pascal. Warte, bis Papa von der Arbeit heimkommt. Komm, ich mach dir was zu essen.“

„Ich will Pommes.“

Nach dem Essen ging Pascal zurück in sein Zimmer zu Blacky. Das Zimmer war leer.

„Mama, Blacky hat mein Zimmer aufgeräumt.“

„Ooh!“, freute sich Mama. „So schön war dein Zimmer noch nie.“

„Aber Blacky will nicht mehr mit mir spielen“, sagte Pascal. „Wenn ich zu nahe komme, will er mich beißen. Böser Blacky!“

„Ja, mein Schatz“, erklärte Mama. „Das ist so mit Leuten, die immer ihren Willen durchsetzen wollen. Sie sind voller Zwang und voller Gewalt. Immer muss es nach ihrem Willen gehen. Du bist auch so, Pascal. Jetzt weißt du, wie ich mich fühle, wenn du immer über mich bestimmst.“

Pascal wusste jetzt, wie Mama sich fühlte, wenn er immer seinen Willen durchsetzen wollte.

„Ich will fernsehen.“

Als Papa gegen fünf Uhr von der Arbeit nach Hause kam, saßen Mama und Pascal auf dem Bänkchen im Garten, und das Haus war weg.

„Was habt ihr denn mit Blacky gemacht?“, fragte Papa ganz erstaunt.

„Blacky will nicht mehr mit mir spielen“, sagte Pascal.

„Und wo ist er jetzt?“

„Beim Nachbarn.“

Das Haus vom Nachbarn wurde immer kleiner, und sein Hund Lumpi bellte ganz laut.

„Hallo, Herr Krause“, winkte Papa zum Nachbarn, als dieser vor die Tür kam. „Jetzt staunen Sie, was?“

Herr Krause staunte wirklich.

„Das geht ja ruckzuck!“, sagte er.

„Wo ist denn Blacky jetzt?“, fragte Papa.

„Der ist gerade im Keller bei den Wintersachen“, antwortete Herr Krause.

Frau Krause kam herbei. Das Loch, in dem der Keller früher gewesen war, war schon ziemlich tief, und die Autos fielen hinein.

„Der ist ja wirklich nicht groß“, sagte Frau Krause.

„Ja“, antwortete Papa. „Wenn er die Erde aufgefressen hat, wird er nur so groß wie eine Murmel, dann muss er sich etwas anderes suchen.“

„Die Sonne?“

„Ja, zum Beispiel.“

„Interessant“, sagte Herr Krause. Das hatte er auch nicht gewusst.

Gegen sechs Uhr fiel der Kirchturm um, und niemand konnte mehr auf die Uhr schauen.

Am Donnerstagabend, um sechs Uhr dreißig, verschluckte Blacky die Erde. Und tatsächlich – er wurde nicht größer als eine Murmel.

Böser Blacky!