Das Spinnennetz

„Wenn du ein Ziel vor Augen hast“, sagte der alte Herr Dachs, „dann lerne das Ziel genau kennen. Versetze dich in die Lage des Ziels und du wirst es leichter erreichen. Wenn du zum Beispiel ein wichtiges Gespräch vor Dir hast, dann versetze dich in deinen Zuhörer, bevor du anfängst zu sprechen.“

„Wie schaffst du es nur?“ wollte Agathe wissen. „Dein Netz ist schäbig, viel zu klein, du hast nur sieben Beine, bist so alt, wie dieser Baum da, und doch bekommst du die meisten Fliegen.“

Berta lächelte. „Willst du es wirklich wissen?“

„Na klar“, antwortet Agathe. „Was ist dein Geheimnis?“

„Also gut“, sagte Berta. „Ich werde es dir sagen. Pass gut auf: Denke wie eine Fliege.“

„Hä?“ Agathe hatte weit mehr erwartet. „Und weiter?“

„Das war`s. Das ist alles.“

„Denke wie eine Fliege? So`n Quatsch!“ Agathe hatte verstanden. „Du willst mir das Geheimnis doch nicht verraten stimmt´s?“

„Denke darüber nach“, sagte die alte Spinne.

Agathe tat beleidigt und ging weg. Dann kletterte Berta den Ast hoch, um noch einen Faden an ihm zu befestigen. Das Netz war fertig. Und Agathe hatte recht: Es war klein, schäbig, ungleichmäßig, und Berta musste ziemlich keuchen. In ihrem Alter fiel ihr das Netze- Spinnen nicht mehr so leicht, zumal mit sieben Beinen.

Doch Berta war mit Abstand die beste Jägerin. Sie hatte so viel Beute übrig, dass sie den anderen Spinnen immer davon abgab. Ihre Nachbarin Agathe freute sich stets darüber, denn ihre Ausbeute war gering, obwohl sie die größten und schönsten Netze hatte.

„Noch kleinere Netze kann ich schon nicht mehr bauen“, sagte Berta. „Sonst hätte ich noch mehr Fliegen.“ Niemand wusste, wie sie das fertigbrachte.

„Ich weiß, dass du nur darauf wartest, mich zu kriegen“, rief Paul, als er vorbeiflog.

Berta lächelte. „Ja, du machst es mir wirklich nicht leicht.“

Paul war eine wunderschöne, saftige und große Stubenfliege. „Hähä“, grinste er. „Auf dich falle ich nicht rein.“

„Wart`s ab“, rief Berta. „Das morgige Netz ist nur für dich.“

Paul flog lachend weg: „Du kriegst mich nie…“

Als es am nächsten Morgen anfing zu dämmern, waren die Spinnen aktiv. Agathe rief noch schnell einen „Guten Morgen“ hinüber. Ihr Ärger von gestern war verflogen. Berta aber rührte sich nicht. Sie schaute zu, wie Agathe in einer wunderschönen, feinen Spirale ein herrliches Netz baute. Sie war wirklich eine große Künstlerin.

Berta wartete den Sonnenaufgang ab: „Mhh! Es wird ein herrliches Wetter heute“, sagte sie. Sie kletterte auf eine Blattspitze und atmete die Luft ein.

„Der Wind wird heute leicht wehen, zuerst von der Wiese, doch heute Nachmittag aus dem Wald. Wir haben noch sehr viel Tau.“

Sie betrachtete sich die Äste des Baumes. „Hier wird ein warmes Lüftchen durchwehen, ein erfrischend, kühler Luftzug. Die Fliegen, die emporsteigen, nachdem der Morgentau verzogen ist, werden vom Wald herkommen, und sie werden sich von diesem Luftzug leiten lassen.“

Berta stieg herab und betrachtete sich eine ideale Stelle zwischen zwei Ästen.

„Sie werden verspielt sein, und sie kennen Agathes Riesenrad. Diese beiden Äste bilden eine Schneise. Und hier warte ich.“

„Darf ich dir zugucken?“ fragte Agathe, die mit ihrem Netzt schon fertig war.

„Du kannst noch so perfekt sein, in dem, was du tust“, sagte Berta. „Dein Erfolg hängt aber davon ab, ob du dein Ziel kennst.“

„Ist das wieder so ein Geheimnisspruch?“

„Schau dir dein Ziel genau an, lerne es kennen, werde mit ihm vertraut, werde selbst zum Ziel. Erst dann wirst du Erfolg haben.“

Berta fing an zu bauen. Mit ein paar wenigen Fäden und einer viel zu großmaschigen Spirale setzte sie ihr Netz zwischen die Äste.

„Das ist ja noch schrecklicher, als alle anderen Netze, die du jemals gebaut hast“, sagte Agathe.

„Ich weiß“, sagte Berta.

Es wäre ihr ein leichtes gewesen, hier ein schöneres Netz zu spannen, genau in der Flugschneise, ohne Probleme. Und bis zum Nachmittag hätte sie eine Ausbeute von zehn oder fünfzehn Fliegen, genug, um Agathe und den anderen Nachbarinnen davon abzugeben.

Doch heute war ein anderer Tag. Das Netz, das heute gespannt werden sollte, galt allein Paul. Um Paul zu fangen, musste sie sich heute wirklich anstrengen. Normalerweise hätte sie sich noch einmal schlafen gelegt.

Paul flog nicht mit den anderen, soviel war sicher. Er war nicht leichtsinnig, ließ sich nicht von Luftzügen treiben. Er flog nie mit dem Wind, sondern er nahm ihn seitlich. Dies war nicht einfach, denn es kostete viel Kraft. Doch damit hatte er immer die Chance, einem Netz auszuweichen, das sich plötzlich vor ihm auftat.

Berta lächelte Agathe listig an und fing ein neues Netz zu spinnen an.

„Hä? Und was machst du da oben?“ Agathe verstand die Welt nicht mehr.

„So, fertig“, sagte Berta, als sie wieder hinunter stieg.

„Das soll ein Netz sein? Und wozu dieses zweite Netz? Es besteht ja nur aus drei Fäden, mit ein bisschen Klebstoff drin. Berta, wenn man einer Spinne sagt, sie spinnt, dann ist das normalerweise ein Lob. Doch ich glaube, du spinnst.“

„Schau mal“, antwortete Berta. „Normalerweise würde ich dort nie ein Netz bauen. Aber es genügt für Paul. Mehr brauche ich nicht.“

„Paul, du meinst die große, schöne, fette Fliege, die sich nie fangen lässt und uns immer auslacht?“

„Klar, gleich müsste er kommen. Schnell verstecken wir uns.“

Da kam Pünktchen vorbei.

„Hallo, weiß jemand von Euch, wo es zur obersten Spitze geht?“

„Nimm diesen Ast, Kleines“, sagte Berta. „Ich glaube, die beiden anderen sind nicht gut für dich.“

„Danke.“

Es dauerte nicht lange, da kamen die Mücken, Fliegen und Schwärmer aus der Waldrichtung herbeigeflogen – direkt auf Bertas Netz zu. Bertas schäbige Netz war heute viel zu schwach für die vielen Insekten, die jedoch geschickt durch die weiten Maschen flogen, nachdem sie sich ordentlich erschreckt hatten.

Und dann kam Paul von rechts. Er entdeckte das Netz, lachte „Ha, haaa“, wich nach oben aus und „Oh, ooh!“ landete direkt im Klebstoffbatzen des kleinen Netzes. Jetzt war Paul gefangen.

Agathe wollte schnell hinzueilen, um Paul einzuwickeln.

„Halt!“ rief Berta, die nicht so schnell laufen konnte. „Warte noch.“

„Jetzt hast du mich tatsächlich erwischt“, sagte Paul.

„Gut, gell?“ antwortete Berta. „Ein Jäger darf viele Fehler machen, aber der Gejagte nicht einen.“

Agathe nahm alles zurück, was sie zu Berta gesagt hatte. „Du bist wirklich eine Meisterin“, sagte sie.

„Ich wusste, dass du nie in das schäbige Netz fliegen würdest, das ich für die anderen Fliegen gebaut habe“, sagte Berta. „Doch ich konnte damit rechnen, dass du anfängst zu lachen und übermütig wirst. Und weil Übermütige einen Luftsprung machen, wartete dein persönliches Netz hier oben auf dich.“

„Also, das hat aber auch wirklich prima geklappt“, sagte Paul. „Respekt.“

„Ich mache dich wieder frei“, sagte Berta und half Paul aus dem Netz.

„Hä?“ fragte Agathe. „Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.“

Paul flog schnell weg, doch nach einer Runde kehrte er zurück.

„Warum hast du das getan?“ fragte er.

„Wenn du nicht gefangen werden willst“, sagte Berta, „dann denke wie dein Jäger. Lerne ihn genau kennen, denke und fühle wie er. Du hast dich bisher nie fangen lassen, weil du die Spinnen genau kanntest. Das erkenne ich dir hoch an. Deshalb möchte ich dich am Leben lassen. Du bist ein Meister der Fliegen. Nur dein Übermut ist deine Schwäche. “

„Danke!“ rief Paul und flog auf. „Darf ich dich morgen wieder besuchen?“

„Klar“, antwortete Berta. „Aber schau das nächste Mal nach oben.“