Der alte Sumpfgeist

„Erinnerungen sind Gedanken“, sagte Herr Dachs, „was geschehen ist, lebt nur noch im Kopf weiter. Wenn ich beleidigt bin, halte ich krampfhaft eine Erinnerung aufrecht und versperre mir die Möglichkeit, das Schöne neu als schön zu betrachten. Manchmal ist es gut, einfach zu vergessen, um etwas neu zu betrachten.“

Wenn du schon einmal im Wutukaland warst, kennst du bestimmt noch den Weg nach Balasa. Ungefähr zehn Minuten, bevor du Balasa erreichtest, ging es früher rechts ab in den Sumpf. Heute stehen da Häuser.

Der Weg war noch einigermaßen stabil, aber hinter dem alten Baumstumpf konnte man nicht mehr laufen, und das sollte man auch nicht probieren.

Der alte Baumstumpf hatte einen einzigen Ast, der seitlich hervortrieb, und an diesem hing ein einziges grünes Blatt.

„Es ist nicht mehr so wie früher“, sagte der alte Baumstumpf. „Aber ich bin damit zufrieden, dass ich am Leben bin.“

An diesem Ast hatte eine dicke Spinne ein wunderschönes, großes Netz gesponnen. Sie hatte einen guten Platz gewählt, denn sie hatte viel Besuch.

„Das ist mein Hotel“, sagte sie. „Ich freue mich, wenn Gäste kommen.“

Von ganz oben, beim grünen Blatt, konnte die Spinne den Sumpf überblicken, über den immer ein niedriger Nebel hing. Die grünen, schleimigen, blubbernden Pfützen waren entweder sehr tief oder sehr flach. Man wusste nie, wo man hineintrat, und wen man da unten antraf.

Von drüben sah man ein Kaninchen herbeirennen. Der Fuchs war hinter ihm her. Lenni! Das Kaninchen tanzte von einem Grasbüschel zum andern, aber der tapsige Fuchs plumpste in eine schleimige Pfütze nach der anderen und versuchte verzweifelt, festen Halt zu finden.

„Auf Wiedersehen, Fuchs“, rief Lenni und lachte dabei, „oder besser nicht.“ Dann hoppelte er zurück auf den Weg nach Hause.

In einem der tieferen Löcher wohnte ein alter Sumpfgeist. Er sah genauso grün und schleimig aus wie seine Pfütze, in der er wohnte.

Eigentlich hatte der alte Sumpfgeist keinen Namen.

„Is mir doch wurscht, wie i hoaß“, sagte er.

Also gut, dann nennen wir ihn eben Karl.

„Wos erzählst du do von mir, hä? Host denn koa andre Gschicht?“

Äh, Karl, ich würde gerne deine Geschichte erzählen. Darf ich?

„Is mir doch wurscht, wos du do redst. Geh, schleich di, und lass mir mei Rua.“

Und wenn ich es ganz kurz mache? Von deiner Geschichte kann man nämlich viel lernen.

„Mach wos d`wuist. Hauptsach, i hob mei Rua.“

Karl hatte nicht viele Freunde, aber das war für ihn nicht so schlimm.

Wenn die Warzenkröte zufällig zu nah an seinem Loch vorbeikam, streckte Karl seinen Kopf heraus und machte laute Geräusche.

„Wos schleichst du do ummenand, hä? Auf, geh weider!“

Auch wenn ein schleimiger und stinkender Fuchs vor ihm stand und am ganzen Leib zitterte, hatte er kein Mitleid.

„Das is mei Gruam“, sagte er und machte dabei laute Geräusche. „Schaug, dass d` weider kimmst.“

Jeden Morgen, gleich nach Sonnenaufgang, blinzelte Karl zum alten Baumstumpf hinüber. Das neue Netz der Spinne, das sie in der Nacht gesponnen hatte, war meistens bedeckt von tausend kleinen Tauperlen vom Morgennebel, und es glitzerte so wunderschön. Es war das Einzige, was Karl wirklich mochte. Aber er konnte es der Spinne nicht sagen.

„Hä … Netz … blublubb … schwach … Klump … hält nix aus …“ Man konnte ihn nicht so gut verstehen, was er sagte, aber das war auch nicht so wichtig.

Als einmal die kleine Elfe vorbeiflog, war sie leider zu dicht über seinem Loch. Sie war neugierig und versuchte, Karl zu sehen. Doch Karl machte plötzlich so große Blubberblasen, dass die kleine Elfe einen ganz dicken Schleimspritzer abbekam und dabei auf einem Grasbüschel notlanden musste.

„Oje“, sagte sie. „Ich glaube, mein Zauberstab ist in die Pfütze gefallen.“

„Das ist mei Gruam“, sagte Karl.

„Kannst du meinen Zauberstab sehen? Er ist bei dir untergegangen.“ Die kleine Elfe war so zart und leicht. Sie putzte sich und war ganz traurig.

Elfen sind eigentlich nie traurig. Und wenn sie es einmal sein sollten, wie diese kleine Elfe, dann fängt sogar die alte Warzenkröte an zu weinen. Nur nicht Karl.

„Is mir doch wurscht. Schleich di!“, sagte Karl.

Die kleine Elfe musste ohne Zauberstab weiterfliegen. Seit dieser Zeit weinte die Warzenkröte dicke Tränen.

Es geschah an einem Montag, gleich um sieben Uhr. Die Erde bebte und man hörte laute Motorgeräusche. Bagger kamen heran und Bauarbeiter, die die Aufgabe hatten, den Sumpf von Balasa trockenzulegen. Viele Lastwagen waren mit Steinen und mit Kies beladen und schütteten die Löcher zu. Die Bagger nahmen die schleimige Erde aus dem Boden und tauschten sie aus gegen harte Steine.

„Heee, heee!“, rief Karl. „Das ist mei Gruam, schleichts eich. Zupft eich!“ Er blubberte und pupste und dampfte und war ganz schrecklich laut, aber die Bauarbeiter konnten ihn nicht sehen, und die Bagger nahmen keine Rücksicht auf ihn.

Karl konnte gerade noch seinen großen Koffer aus dem Keller holen und ihn mit Sumpfschleim füllen, da fingen die Bauarbeiter bereits an, sein Loch zuzuschütten. Mit letzter Mühe entkam er aus dem Loch.

„Puuuh, das stinkt aber hier“, sagten die Bauarbeiter und wedelten mit ihren Händen vor dem Gesicht.

Karl hatte jetzt kein Zuhause mehr. Er wusste nicht, wo er wohnen konnte. Sein Loch war nicht mehr schleimig. Er schimpfte, aber niemand konnte ihn hören.

Er nahm seinen Koffer und wanderte ein Stück weg und setzte sich in ein anderes Loch.

„Ach, der Herr Sumpfgeist!“, beschwerte sich die Warzenkröte. „Tut mir leid, tut mir leid, mein Herr. Hier kannst du nicht wohnen.“

„Die ham mei Gruam zugschüttet!“, wollte Karl erzählen, doch die Warzenkröte tat beleidigt.

„Aha, und jetzt?“, fragte sie. „Andauernd hast du uns alle fortgejagt, wenn wir zu nahe an deinem Loch waren. Glaubst du, jemand lässt dich noch bei sich wohnen? Vergiss es!“ Die Kröte machte einen dicken Blubber und tauchte unter.

Karl ging weiter, doch alle Sumpfbewohner schickten ihn wieder weg. Sogar der schleimige Fuchs knurrte grimmig, als er ihn sah.

„Geh weg, du stinkst“, sagte der Fuchs. Dabei stank er selber.

Bei der Spinne hatte Karl auch kein Glück.

„Es tut mir leid“, sagte die Spinne. „Aber dein Geruch verjagt meine Gäste.“

Karl wanderte herum und fand keine Bleibe. In der Nacht machte er den Koffer auf und legte sich in seinen Schleim. Er wurde ein bisschen traurig, aber nur ein bisschen. In Wirklichkeit gab er den Bauarbeitern die Schuld, dass sie seine Wohnung kaputtgemacht haben. Und er gab auch den anderen Tieren die Schuld, dass sie ihn nicht mochten und dass sie so gemein zu ihm waren. Alle hatten Schuld, nur er nicht.

Am Morgen, als die Sonne aufging, wollte Karl das Spinnennetz anschauen, und da fiel ihm ein, dass er ja ganz weit weg von Zuhause war.

„Hallo“, sagte da eine Stimme. Es war die kleine Elfe.

Sie flatterte um ihn herum und sah zu, wie der alte Sumpfgeist aus seinem Koffer stieg.

„Was wuist du do, hä!“, fragte Karl. „Wuist mi aa forttreibn, hä?“

„Nein“, antwortete die Elfe. „Ich will dich doch nicht verjagen. Hast du kein Zuhause mehr?“

„Nein“, sagte Karl.

„Oh, das ist schade“, sagte die kleine Elfe und schwirrte um seine Nase herum. „Jeder braucht doch ein Zuhause. Wir wohnen da drüben auf dem großen alten Baum. Wenn du willst, kannst du ruhig auch da mit uns wohnen.“

„Aufm Baum, hä?“

„Ja, da gibt es viel Platz.“ Die Elfe lächelte.

„I hob noch nie aufm Baum gwohnt. I wui mei Gruam.“

„Ich kann dir nur anbieten, was ich habe”, sagte sie. „Was ich nicht habe, kann ich dir nicht geben. Es tut mir leid.“ Sie fand es schade, dass sie nicht mehr für ihn tun konnte. Aber die kleine Elfe war beschäftigt. Sie musste zur Fee fliegen und ließ Karl allein.

Karl schmollte. Den ganzen Tag saß er im Schatten unter dem großen Baum in seinem Koffer und überlegte, was er tun sollte. Er wusste, dass der Schleim in seinem Koffer bald austrocknen würde.

„Die Elfe hatte recht“, sagte der alte Baum zu ihm. „Ihr könnt es euch bei mir gemütlich machen. Du wohnst im unteren Stock und die kleinen Elfen ganz oben.“

„I hob noch nia mei Gruam teilt mit em andern. I wui mei Rua, sonst nix.“

„Du kannst ja auch woanders hingehen.“

Karl wusste, dass kein anderer Platz im Sumpf mehr frei war, wo er hingehen konnte.

„Wenn i bei dir naufsteig, bin i koa Sumpfgeist mehr.“

„Du kannst ein Baumgeist sein. Baumgeister sind sehr selten.“

„Und im Sommer machen die Spatzn en Heidnlärm.“

„Weißt du“, sagte der alte Baum, „wenn du gegen alles ankämpfst, wirst du auch ständig im Kampf sein. Wenn du aber wirklich deine Ruhe haben willst, dann akzeptiere das, was da ist, und kämpfe nicht dagegen an.“

„Was soll i bei dem Lärm akzeptieren?“

„Du bist immer damit beschäftigt, dass du deine Ruhe haben willst. Und du kämpfst und kämpfst. Nie hast du wirkliche Ruhe. Lass doch einfach zu, dass etwas passiert, dann hast du endlich Frieden.“

„Mmhpf.“

Da kam die Spinne vorbei, die immer so schöne Netze spann.

„Ich möchte ein neues Hotel eröffnen“, sagte sie. „Darf ich bei euch wohnen?“

„Na klar“, sagte der Baum. „Bei mir ist doch immer Platz.“

„Dankeschön.“ Die Spinne kletterte den Baum empor und suchte sich eine schöne Stelle, um ihr neues Hotel zu eröffnen.

Am Abend kam die kleine Elfe von der Fee zurück. Sie hatte alle ihre Freundinnen dabei. Es summte und brummte, und die Elfen flogen lustig herum. Nachts konnten sie leuchten, und der ganze Baum strahlte dabei in wunderschönen Farben.

Der Sumpfgeist mochte das sehr gut leiden, und ein kleines bisschen gab er das sogar zu.

„Hallo, Sumpfgeist“, lächelte die kleine Elfe. „Hast du dir denn schon ein schönes Plätzchen ausgesucht?“

„Bestimmt ists kalt aufm Baum und mi werds friern“, brummte er und machte noch einen letzten Versuch, Widerstand zu leisten.

„Na komm schon“, lächelte sie. „Ich weiß, dass du ein freundlicher Sumpfgeist bist. Du willst es nur niemandem verraten.“

„Mpf!“

Karl stieg also auf den Baum und probierte eine breite Stelle zwischen zwei Zweigen aus, nicht weit vom Spinnenhotel entfernt. Es ging eigentlich ganz gut, und gemütlich war es auch.

„Ja“, sagte der alte Baum. „Das ist eine schöne Stelle.“

„An deinen Geruch werden wir uns schon gewöhnen“, sagte die Elfe. Sie hatte ihren Platz direkt über Karl in den dünnen Zweigen.

„Ein Baumgeist stinkt ned“, brummelte Karl. „Jetza bin i ein Baumgeist und koan Sumpfgeist mehr. Bald stink i nimmer.“ Die Spinne blickte zufrieden.

Sie saßen eine ganze Weile und schauten stumm vor sich hin. Karl holte einige Male tief Luft. Er merkte, wie sein Grummeln im Bauch langsam verschwand.

„Warum host mi ned weidergschickt, als i heid kemma bin?“, fragte Karl die Elfe. „I war recht eklig zu dir und zu den andern Elfen auch.“

„Ach, daran habe ich gar nicht mehr gedacht“, sagte sie. „Ist doch egal. Ich habe es schon ganz vergessen. Weißt du, ich habe gesehen, wie du jeden Morgen das Spinnennetz angeschaut hast. Da wusste ich, dass du überhaupt nicht so ein Grant bist, wie du immer tust. In Wirklichkeit bist du ein ganz lieber Geist.“

Karl blickte stumm vor sich hin. Er musste lächeln. So etwas Nettes hat noch niemand zu ihm gesagt. Nach einer Weile kletterte er den Baum hinunter und kramte in seinem Koffer. Schließlich stieg er wieder hoch und grinste dabei. Er reckte sich und reichte etwas hoch zur kleinen Elfe.

Die Elfe lächelte und nahm es an sich. Es war ihr Zauberstab.