Der große Sprung

„Na los, spring schon!“, rief Mutter Pelikan.

Bonita war die Jüngste und traute sich nicht.

„Das ist aber so hoch, Mama.“

Bonita stand am Rand des Felsens und schaute in die Tiefe. Unten schlugen die Wellen gegen die schroffen Klippen. Weiße Gischt schlug meterhoch den Fels empor. Das blaue Meer schien immer wieder Luft zu holen, um neue Wellen gegen den Felsen auszuatmen.

Bonitas kleiner Felsvorsprung war so weit oben. Wenn die Wellen zurückdrängten, konnte sie durch das klare Wasser die schroffen Felsvorsprünge am Boden der Bucht sehen, die auf sie zu warten schienen.

„Und wenn ich das nicht schaffe?“ fragte sie ängstlich.

Drüben lästerten die Brüder über die kleine Bonita. Sie hatten es schon längst geschafft und flogen auf und ab, ließen sich vom warmen Aufwind dicht an die Felsen hoch treiben.

Ihr Gespött sollte Bonita antreiben, aber sie stand da und schaute über die Kante, als wäre dies das Ende.

„Es ist so leicht“, erklärte Mutter Pelikan, die ganz in ihrer Nähe auf der Klippe saß. „Du öffnest deine Flügel und denkst weit und hoch. Alles andere ergibt sich von selber. Du schaffst es, mein Kind. Nur Mut!“

Ganz nahe dem kleinen Absatz, auf dem Bonita stand, kletterten die Clavadistas den großen Felsen empor. Felsenspringer. Die mutigsten Männer Mexikos.

Viele Zuschauer begleiteten mit Rufen und Klatschen ihren Aufstieg und oben angekommen, küssten die Männer die kleine Marienstatue, die für sie aufgestellt wurde, damit sie heil und gesund ihren großen Sprung überstanden.

Der Felsen von Acapulco ist die La Quebrada. Wie oft hatte die kleine Bonita den Männern zugeschaut, wie sie oben standen und den Köpfer fünfunddreißig Meter in die Tiefe wagten.

Manche von ihnen wagten den Salto, andere den gemeinsamen Sprung mit einem Freund.

Sie stellten sich oben an die Kante, streckten ihre Arme von sich und sprangen los. Wie ein Pfeil schossen sie ins Wasser. Dabei mussten sie auf die Brandung hören, und abwarten, wenn das Wasser wieder in die kleine Bucht strömte. Denn wer zu spät los sprang, dem blieb nicht genügend Tiefe zum Eintauchen.

„Schau, wie mutig diese Männer sind“, sagte Mutter Pelikan. „Und sie haben keine Flügel. Du hast aber welche.“

„Ich muss nur los springen?“

„Ja“, antwortete Mutter Pelikan ruhig. „Es ist der Sprung in dein eigenes Leben. Es ist der Sprung, der dich zu einem erwachsenen Pelikan macht.“

„Aber…“

„Kein Aber, mein Liebling. Von irgendeinem Zeitpunkt an, müssen die Kinder ihr eigenes Leben führen, und dann brauchen sie den großen Absprung. Und von da an brauchen sie die Mutter nicht mehr. Vertraue dir einfach selber.“

„Du meinst, ich soll einfach springen?“

„Die Mutter sieht, wenn die Kinder den Mut haben loszuspringen, und dann kann sie die Kleinen loslassen. Wenn du Vertrauen zu dir selbst hast, dann habe ich auch das Vertrauen zu dir.“

Drüben am Felsen kletterten zwei Springer die Wand empor. Es war ein Vater mit seinem Sohn. Ganz offensichtlich hatte der Sohn noch nie den Sprung gewagt, und es war ihm sehr mulmig dabei zumute.

„Schau mal“, sagte Mutter Pelikan. „Die Clavadistas machen dasselbe.“

Es war der 35- Meter Sprung. Vater und Sohn küssten die Marienstatue, erklommen die Spitze der Klippe und stellten sich nebeneinander an den Felsvorsprung. Sie breiteten ihre Arme aus. Behutsam erklärte der Vater seinem Sohn, auf die Brandung zu lauschen, sich zu konzentrieren, sich gemeinsam vorn über fallen zu lassen, und mit dem großen Absprung den Felsen von sich zu stoßen.

Und beide flogen los, mit ausgebreiteten Armen. Und gemeinsam tauchten sie ein, um bald darauf vom Publikum bejubelt zu werden. Welch ein grandioser Sprung. Von nun an würde der Sohn seine Sprünge alleine machen können. Er brauchte dazu seinen Vater nicht mehr.

Bonita hatte Mut geschöpft. Jetzt wollte sie es auch wagen.

„Deine Flügel tragen dich ganz weit und ganz hoch“, sagte die Mutter. „Vertraue ihnen, vertraue dir.“

Und Bonita ging einen kleinen Schritt vor, umfasste mit ihren Krallen die Felskante. Sie breitete ihre Flügel aus, wie es ihre Brüder taten.

Dann lauschte sie auf die Brandung, ließ sich vorüber kippen und stieß sich vom Felsen ab. Wie schön war ihr Sprung, wie schön der Wind in den Federn wehte.

Und dann legte Bonita die Flügel an, presste sie ganz fest an ihren Körper, schloss ihren Schnabel, streckte ihren Hals ganz weit, ganz weit, und dann tauchte sie ein.

Das Wasser schloss sich über sie zusammen. Kaum einen Spritzer hinterließ sie, und dann tauchte sie wieder auf. Freudestrahlend.

„Ja, ich habe es geschafft“, rief sie. Droben auf dem Felsen blickten sich die Brüder mit großen Augen an. Mutter Pelikan hob erschreckt auf, um ihrer Tochter zu helfen, doch Bonita brauchte keine Hilfe.

Das junge Pelikanmädchen erhob sich in die Lüfte, streckte ihre Flügel weit und schlug sie kräftig und freudig gegen den Wind.

„Ha, haaa“, lachte sie, und ließ sich vom warmen Aufwind die Wand der La Quebrada emportragen.

Und oben, am gegenüberliegenden Felsen, klatschten die Brüder begeistert Beifall.