Der Löwe auf dem Kirchendach

„Manchmal scheinen Wege aussichtslos zu sein“, sagte der alte Herr Dachs, „dann willst du am liebsten alles aufgeben. Doch plötzlich wird alles ganz anders. Große Probleme werden plötzlich ganz klein. Auf einmal kannst du die Dinge mit anderen Augen betrachten und über dich selbst lachen.“

„Der Zirkus kommt, der Zirkus kommt!“

Die Kinder von Kleinspeckstein zogen ihre Eltern hinaus auf die Straße.

„Kommt mit, kommt mit! Eine Parade. Die Zirkuskapelle. Wie schön sie spielt.“ Es wurde laut auf den Straßen. Noch bevor etwas zu sehen war, hörte man Trommeln und Trompeten.

In bunten Uniformen schritten die Musiker des Zirkus Martinelli auf der Hauptstraße entlang. Vornweg die großen Pauken, dicht gefolgt von den Tubaspielern. Trompeter und Geiger tänzelten hinterher. Ein Mädchen im Ballettröckchen ritt auf einem großen Tanzbär. Zwei arabische Beduinen auf bunt geschmückten Dromedaren schwangen wild ihre Krummsäbel. Lustige Clowns mit weiß bemalten Gesichtern und riesengroßen Schuhen verschenkten Blumen an die neugierigen Zuschauer.

Ein Feuerspucker sprühte eine riesige Feuersäule aus dem Mund. Der Zirkusdirektor lächelte breit und winkte mit seinem roten Zylinder. Und dann kamen die Elefanten in weichen, wiegenden Schritten, die Rüssel zum Signal erhoben. Obenauf die indischen Wächter in rotem Turban. Tänzerinnen schwangen bunte Tücher und drehten Pirouetten.

Zwei Löwen mit prächtiger Mähne an der Leine, geführt von Ali Bengali, dem großen, schwarzen Dompteur aus Zentralafrika. Die Peitsche knallte und die Löwen rissen ihre wilden Mäuler auf. Sie fauchten wild. Normalerweise schnurrten sie wie Kätzchen, aber die Parade bedeutete für sie eine große nervliche Belastung.

Vorne stolperte einer der Trompeter und fiel der Länge nach auf die Straße. Der Zirkustross kam ins Stocken. Die Musiker traten auf der Stelle und spielten unbeirrt weiter. Nur die Nachzügler konnten nicht so schnell reagieren und so stießen die Elefanten in den Rücken des Zirkusdirektors Mario Martinelli, so dass sein Zylinder zu Boden fiel.

Die Kinder lachten den unglücklichen Trompeter aus. Toni Fanfaro schämte sich und sprang schnell wieder auf die Füße. Der junge Musiker blickte sich nach seinen Kollegen um, die ihn mit ihren strengen Blicken in kleine Würfel zerlegten. Die Uniformhose hatte jetzt ein Loch. Schnell wischte sich Toni den Staub von den Knien und versuchte wieder in seine Trompete zu blasen. Doch nicht ein einziger Ton wollte ihm gelingen. Nun lachten auch die Erwachsenen und ein geistesgegenwärtiger Clown steckte ihm eine Blume auf seinen Hut, um die Situation zu retten. Die ganze Stadt lachte über Toni, und er wäre am liebsten wie ein Quecksilber in einen Bodenspalt versunken. Er wusste, dass dies noch ein übles Nachspiel haben würde, vielleicht sogar den Rauswurf aus der Kapelle. Toni war sich sicher, dass er ab heute nur noch den Elefantenstall ausmisten würde, wenn die Parade wieder am Festplatz zurück war.

„Bitte, bitte, meine Herren!“ Bürgermeister Spitz-Wegerich klopfte unterdessen mit seinem Hammer auf das Rednerpult im Rathaussaal. „Lassen Sie mich doch ausreden.“

„Eine Unverschämtheit ist das“, schimpfte Finanzwart Kleinhamsterbein. „Sie verschleudern unsere Stadtgelder.“

„So etwas können wir nicht dulden“, rief der Stadtschreiber und fuchtelte mit seinem Zeigefinger in der Luft.

„Wir fordern Ihren Rücktritt“, schrie ein Stadtrat und klopfte auf den Tisch.

Der Schall ihrer Worte wurde durch den Trommelschlag der herannahenden Pauken übertönt.

„Was ist denn da draußen los?“

Bürgermeister Spitz-Wegerich schaute aus dem Fenster des Rathauses von Kleinspeckstein und sah die Zirkusparade herannahen. Auf dem Marktplatz bahnte sich ein Problem an.

Das hatte er nicht verdient. Nein. Dass er jetzt nach über zwanzig Jahren Dienst aus dem Rathaus hinausgeworfen werden sollte. Kein Dank, keine Milde. Ein einziger Fehler und schon bedeutete dies das Ende seiner Karriere.

Dabei sollte alles so schön werden. Der Bau des neuen Heißluftballons sollte der Stadt Ruhm und Ehre bringen. Der Mensch war in der Lage, Luftfahrtgeräte zu konstruieren. Die neue Nachricht aus Frankreich, dass sogar Menschen in einem Ballon in die Lüfte aufsteigen konnten, begeisterte Bürgermeister Spitz-Wegerich, und so setzte er alles daran, um auch in Kleinspeckstein einen solchen Ballon steigen zu lassen.

Viele Handwerker in der Stadt waren mit dem Bau des Ballons beschäftigt. Der Zimmerer, der Maler, der Seiler. Ziel war es, ein Gefährt zu konstruieren, das zugleich leicht und stabil war. Für den Zimmermann war die Leichtbaukonstruktion eine ganz besondere Herausforderung.

Doch die Konstruktion des Ballons verschlang Unsummen. Die ersten beiden Modelle waren zu schwer. Allein die blaue Tapete mit den roten und weißen Blumen kostete exakt genau so viel, wie das Jahresgehalt des Finanzwarts Kleinhamsterbein. Dies stieß ihm sauer auf.

Auf dem Marktplatz war bereits der Heißluftballon aufgestellt, und für heute, pünktlich zur Mittagszeit, war der Jungfernflug des Ballons angesetzt. Unter dem Ballon qualmte bereits ein kräftiges Feuer, das die Feuerwehr unter fachgerechter Aufsicht des Hauptmanns Doppelkopp entfachte.

Der Zimmermann, blickte voller Stolz auf sein Werk, und auch der Maler retuschierte mit einem Pinsel noch schnell ein paar Flecken weg.

Dass ausgerechnet zur gleichen Zeit die Zirkusparade ihren Weg durch den Marktplatz suchte, war nicht im Programm vorgesehen, denn für solch einen großen Festzug blieb nicht genügend Platz, zusammen mit dem Ballon. Die ersten Musiker betraten bereits den Marktplatz. Bald würde es hier ziemlich eng werden. Das sah der Bürgermeister, und er musste sofort handeln.

„Meine Herren, ich muss die Sitzung vertagen“, rief er.

Er verließ schnell den Sitzungsraum und hinterließ die erbosten Stadträte mit erstaunten Gesichtern. Doch nun gab es aber auch wirklich wichtigeres zu tun, als über Geld zu streiten.

Warum mussten die Stadträte auch ausgerechnet eine Stunde vor der Ballonfahrt eine Krisensitzung einberufen? Die ganze Organisation und die letzten Vorbereitungen waren damit in Verzug geraten.

Als Spitz-Wegerich den Marktplatz erreichte, drängten gerade die Löwen mit Dompteur Ali Bengali auf den Platz. Ehrfürchtig machte das Publikum Platz.

Feuerwehrhauptmann Doppelkopp war natürlich ein hervorragender Fachmann. Nicht nur, dass er es verstand, große Brände zu löschen, nein er war Meister darin, ebensolche auch kontrolliert zu entfachen. Das Feuer unter dem Ballon züngelte perfekt in die Höhe, ohne die Tapete zu berühren. Und so wiegte sich bereits die Spitze des Heißluftballons leicht im Wind. Vier lange Seile hielten das Luftgefährt am Boden fest, und der große Weidenkorb, der um die Öffnung herum geflochten war, hob sich allmählich von der Feuerstelle auf.

„Schnell, schnell, die Passanten!“ rief Bürgermeister Spitz-Wegerich. Der Eifer des Hauptmanns, ein schönes Feuer zu entfachen, brachte den Zeitplan etwas durcheinander, denn es war erst Viertel vor Zwölf. Bis zum Glockenschlag der Kirchturmuhr konnte er den Ballon nicht mehr unten behalten. Doch weil sowieso die Zirkusparade auf dem Platz war, umsäumt von allen Bewohnern der Stadt, war es nicht weiter schlimm, dass der Bürgermeister etwas überhastet den Befehl zum Start ausgab, nicht ohne sich ein klein bisschen schelmisch darüber zu freuen, dass die ganzen Miesepeter vom Stadtrat oben im Sitzungssaal saßen und vom Start des Ballons nichts mitbekamen.

Der Zimmermann mit seinem Gesellen und der Malermeister machten sich daran, die Halteseile von ihren Ankerplätzen zu entfernen.

Ursprünglich war vorgesehen, dass Hauptmann Doppelkopp persönlich in den Ballon stieg, um sich von ihm in die Höhe bringen zu lassen. Schließlich waren die beiden Franzosen am Schloss von Versailles auch persönlich in ihr Luftgefährt gestiegen. Doch aus Sicherheitsgründen beschloss Bürgermeister Spitz-Wegerich, den ersten Ballon von Kleinspeckstein mit drei Hühnern, einer Ente und einer Gans zu besetzen, die im Notfall noch selbstständig aus einem havarierenden Ballon aussteigen könnten.

Doch die Hühner waren widerspenstig. Sie entkamen Hauptmann Doppelkopp aus dem Griff und flatterten in die Höhe. Dieser Anblick entging den Löwen nicht, welche in aufmerksamer Unruhe auf eine Aktion warteten. Einer der Löwen, mit Namen Simbabwe, ausgerechnet der Jüngere von beiden, riss sich von der Leine seines Dompteurs los und hechtete in drei langen Sätzen auf das erste Huhn zu.

Dieses suchte im letzten Bogen, sich in den Weidenkorb des Ballons fallen zu lassen, doch der Löwe hob sich galant über die hölzerne Treppe hinweg, direkt in den Weidenkorb, so dass der erschreckte Vogel mit hysterischem Gegacker und mit vielen losen Federn wieder aus dem Korb emporflatterte. Hauptmann Doppelkopp streckte seine Arme empor, um das aufgeregte Huhn wieder einzufangen.

Nun saß Simbabwe, der Löwe, im engen Korbgeflecht stecken, das für ein Tier seiner Größe nicht gebaut war. Der Heißluftballon hob sich in die Lüfte und drei Seile hingen lose vom Korb herab. Das vierte Seil jedoch war noch angespannt. Dieses hätte der Hauptmann lösen sollen, was er jedoch in der Aufregung um das Huhn nicht tun konnte. Und ausgerechnet dieses vierte Seil war am Baugerüst angebunden, dass am Kirchturm hinauf aufgestellt war, um die goldene Spitze zu reparieren. Diese goldene Spitze war nämlich durch einen Blitzschlag so verbogen, dass sie schräg nach unten zeigte.

Hauptmann Doppelkopp war völlig außer sich. Ein Mann, der tapfer und selbstlos Hunderten von Bränden und Katastrophen ins Gesicht gesehen hatte, musste jetzt zusehen, wie sich ein fataler Fehler, von ihm verursacht, zu einem unabwendbaren Desaster entwickelte.

Er war es, der das Seil am Gerüst festgemacht hatte und er war es, der vergessen hatte, es rechtzeitig zu lösen. Aufgeregt sprang der Hauptmann zum Seil empor, doch es ließ sich nicht mehr ergreifen. Wie könnte er jemals wieder seinen Männern ins Auge schauen? Wie könnte er sich jemals wieder mit stolzer Uniform nach einem erfolgreich gelöschten Brand feiern lassen? Wie könnte er jemals wieder einem kleinen Kind die Katze zurückbringen, die auf den viel zu hohen Baum gestiegen war? Es schien ihm, als würde sein ganzer Ruhm in die Lüfte steigen, während er selber in einer Schlucht verschwand.

Der Ballon hob sich in die Höhe und lehnte sich an das Gerüst an. Der Löwe, aus dem Innern des Korbs konnte seine Stellung verbessern und blickte nun mit großen Augen über die Brüstung. Zum Springen war es selbst für einen Löwen jetzt zu spät. Das Gerüst ruckelte und zurrte, hob sich und senkte sich wieder. Da riss das Seil einige Klammern des Gerüsts auf, so dass die Schlaufe des Seils an der Führungsstange entlang immer höher und höher stieg.

Das Publikum der Stadt lief aufgeregt hin und her. Nun waren auch die Elefanten und der Rest des Zirkustrosses am Marktplatz eingetroffen und alle blickten erstaunt in die Höhe.

„Wenn das Gerüst umfällt, trifft es genau auf die Menschen“, rief Bürgermeister Spitz-Wegerich und versuchte vergeblich, die Menschen aus dem Marktplatz zu drängen.

Dies hörte Toni Fanfaro, der unglückliche Trompeter, und bevor dieser einen weiteren Gedanken fassen konnte, rannte er bereits die ersten Stufen des Gerüsts empor. Es wäre doch sicherlich möglich, schnell bis zur Schlaufe empor zu klettern und diese zu lösen, noch bevor der Heißluftballon das Gerüst umriss.

Toni sprang drei Stufen auf einmal und konnte das Seil bereits fast in Händen halten. Das Gerüst wankte gefährlich, doch der junge Mann stammte aus der dritten Generation einer Artistenfamilie. Sein Vater war der berühmte Alberto Fanfaro am Trapez, der in früheren Jahren mit einem doppelten Salto Mortale ohne Netz das Publikum begeistern konnte.

Ein gewaltiger Sprung aus dem Gerüst heraus und Toni Fanfaro hing am Seil, wie einst sein Vater. Er stieg zu Simbabwe in den Weidenkorb. Rasch und geschickt löste der den Knoten am Korb und ließ sich vom Ballon in die Höhe tragen. Der Ballon war frei, das Gerüst war gerettet.

Doch der Ballon wurde durch die fehlgeleitete Richtung zu nahe an den Kirchturm gedrängt und wurde nun von der verbogenen goldenen Spitze von oben bis unten aufgeschlitzt.

Dunkler Rauch stieg aus dem großen Schlitz heraus und der Heißluftballon senkte sich wieder nach unten. Dabei legte er sich in voller Breite auf das Kirchendach nieder und atmete seinen letzten Hauch aus. Die Leichtbaukonstruktion des Zimmermanns erwies sich für eine Seitenlage des Ballons als ungenügend stabil, so dass er sich mit einem knirschenden Geräusch der Form des Kirchendachs anglich. Das Kirchendach sah nun wunderschön aus. Es war blau mit roten und weißen Blumen.

Toni stieg aus dem Korb heraus und zog Simbabwe an der Leine hinter sich her. Beide stiegen mit vorsichtigen Tritten das Dach empor. Manche Dachziegel und Holzlatten knirschten unter ihren Füßen, doch bald hatten Sie den First erreicht.

So standen sie nun da und blickten mit überglücklichen Herzen vom Kirchendach auf das Publikum nieder: Toni Fanfaro, mit einer leuchtenden Blume im Hut und der Löwe Simbabwe, mit prächtiger Mähne und mit einem königlichem Brüller. Das Kirchendach erstrahlte in fröhlichem Blau. Auf dem Marktplatz war es still. Jeder hielt seinen Atem an. Niemand traute sich, ein Geräusch von sich zu geben.

Und dann nahm Toni Fanfaro seine Trompete aus dem Gürtel hervor. Er setzte sie an seinen Mund und er spielte. Er spielte einen langen und weittragenden Ton, gefolgt von leichten und tänzelnden Terzen. Unten auf dem Marktplatz setzten die Pauken ein und begleiteten sein Spiel. Tuba und Geigen folgten der Melodie, dann die Trommelwirbel und Tamborims und bald erscholl der Marktplatz in wunderschönem Klang.

Die Menschen umarmten sich und lachten und weinten gleichzeitig. Die Tänzerinnen tanzten und die Clowns heulten dicke Tränen. Bürgermeister Spitz-Wegerich umarmte Hauptmann Doppelkopp. Der Zirkusdirektor umarmte Ali Bengali, und David Kleinhamsterbein, der Finanzwart, tanzte mit dem Stadtschreiber im Takt der Musik.

Alles, alles war wieder gut. Niemand konnte mehr auf den anderen böse sein. Niemand war für seine Verfehlung zu tadeln. Kein Problem war nun so groß, als dass es jetzt noch eine Rolle spielte.

Noch viele Jahre nach diesem Vorfall berichteten die Menschen von der ausgelassenen Freude und vom tiefen Glück, das sie erfahren hatten, am Tage, als ein Löwe und ein Trompeter auf dem Kirchendach standen.