Der Regen in London

„Glaubst du wirklich, du kennst dich selbst?“ fragte der alte Herr Dachs. „Wenn du die Aufmerksamkeit hast, dich selbst zu erforschen, dann befindest du dich auf ein einem guten Weg.“

„Wie heißt du?“

Manche Begegnungen mit Menschen beginnen belanglos, andere enden ebenso. Manche Begegnungen dauern nur wenige Sekunden an, man trifft sich und danach nie wieder. Andere Begegnungen verändern das Leben.

Der kleine Junge, der sich neben mich auf die Bank in den Schatten setzte, sollte mein Leben komplett verändern. Dies war das Ende meines alten Lebens.

„Thomas“, antwortete ich und lächelte freundlich. „Sag Tom zu mir.“

„Tom“, wiederholte der Junge. „Was liest du denn da?“

„Ach das?“ Seit heute früh trug ich das Buch mit mir herum, ohne eine Zeile darin gelesen zu haben. „Sherlock Holmes, eine Kriminalgeschichte.“

„Auf welcher Seite bist du?“

„Äh, 274.“

Der Junge schaute mir in die Augen, und in einem Mundwinkel war ein bestimmtes Lächeln, so als hätte er einen Spaß gemacht, den ich nicht verstand, oder als ob er noch einen Spaß mit mir vorhätte.

Ich wollte nach seinem Namen fragen, doch dann stand er auf und ging weg.

Es war heiß. Die afrikanische Sonne drückte alles Leben zu Boden, und die schwüle Luft zog den Schweiß aus allen Poren des Körpers.

Ich wartete auf das Eintreffen einer großen Menge Holz aus dem Dschungel. Der Umschlagplatz in dieser kleinen, westafrikanischen Hafenstadt war ideal für den Weitertransport der Stämme, zunächst auf dem Fluss und anschließend auf die großen Kähne in Richtung England. Kurz unter der Oberfläche des Wassers ließ sich ab und zu ein Krokodil treiben. Die spielenden Kinder am Ufer hatten gelernt, auf die Wellenlinien des Flusses zu achten.

Bis zum Eintreffen der Lastwagen blieben mir oft mehrere Tage Zeit. Ich nutzte sie, um mich meiner Lieblingsbeschäftigung zu widmen, Menschen zu beobachten.

Hier, im Schatten des großen Baumes, am Rand des Marktplatzes war ein idealer Platz. Es herrschte reges Treiben, Körbe mit Waren, Lebensmittel, Tücher lagen zum Verkauf aus. Die afrikanischen Einwohner waren groß und muskulös gebaut, bunt gekleidet, stolze, geradlinige Gesichtszüge. Die Kinder schliefen sicher auf dem Rücken der Mütter, die Männer hatten langsame Bewegungen, wie Löwen in der Mittagsrast.

Ich liebte es, die Afrikaner lachen zu sehen, zu hören, wie sie verhandelten und diskutierten. Oft lachte ich mit, war ganz dabei, lebte mit ihren Emotionen, sah ihren Gesichtsausdruck und ich sah ihre Augen.

Ja, dies war für mich der Kern meiner Beobachtung, der Blick in die Augen. Von der ersten Sekunde der Begegnung hatte ich über die Augen den Zugang zu zum Wesen der Menschen. Ist der Blick klar und selbstsicher – finden sich Blockaden, Ängste oder Zwänge? Wie sehr steckt der Mensch in seinen Gedanken gefangen? Oder wie leicht ist er aus ihnen befreit? Augen lügen nicht.

Ein alter Mann kam an meiner Sitzbank vorbei, ein kurzer Blick in seine Augen erzählte mir von seiner bescheidenen Zufriedenheit, von eine gütigen Gelassenheit. Auf seinem Rücken lastete ein schwerer Korb, und sein Körper war gebeugt, doch von dieser Last erzählten seine Augen nicht. Sie erzählten mir von einem langen, einfachen und glücklichen Leben. Er lächelte mich an und ich nickte still zurück. Ich war sicher, dass er auch ein Stück von mir in sich aufnahm, eine kurze Begegnung von einer Sekunde, eine freundliche Erinnerung für viele Jahre.

Eine junge, hübsche Frau kam vorbei, mit ihrem Baby auf dem Rücken. Sie war gekleidet mit einem roten Tuch mit riesengroßen, gelben Blumen, und sie schaute mich an.

Es durchfuhr mich wie ein Blitz. Es war das Lächeln des kleinen Jungen, der vor Kurzem neben mir auf der Parkbank saß. Der gleiche Zug in den Mundwinkeln, der gleiche, listige Blick in den Augen. Die Frau ging weiter.

Nein, es war nicht eine Familienähnlichkeit, wie die eines Bruders mit seiner Schwester. Es war exakt das Lächeln des Jungen. Ich konnte es nicht fassen.

„Entschuldigung“, rief ich.

Durch die vielen Jahre in diesem Land, durch die Verhandlungen mit den Behörden und Arbeitern, beherrschte ich ihre Sprache recht ordentlich.

„Entschuldige bitte“, ich lief der Frau nach und sie blieb stehen. „Darf ich dich etwas fragen?“

Die junge Frau lächelte und rückte ihr Baby in eine bequemere Position.

„Kennst du einen Jungen, etwa so groß?“

„Tom“, sagte sie und zeigte auf das Buch in meiner Hand. „Sherlock Holmes, Seite 274.“

Sie ließ mich stehen und ging weg. Und wieder zeigte sie mir dieses Lächeln von einem Spaß, den ich nicht verstand.

Einer jungen, verheirateten Frau in Afrika auf dem Marktplatz nachzulaufen, ist nicht gut für die Gesundheit. Ich wusste, dass ich die Sitten der Menschen nicht verletzen durfte und ließ die Frau wortlos ziehen.

Völlig aufgewühlt lief ich durch die Reihen des Marktplatzes, in der Hoffnung, den Jungen oder die junge Frau wieder zu sehen.

Na klar, sagte ich mir. Der Kleine hatte sich einen Scherz erlaubt und seiner Schwester von den wenigen Informationen erzählt, die er von mir wusste. Und sie überraschte mich mit diesen Informationen, als wäre nichts gewesen. Doch nein. Dieser Blick, diese Augen. Augen lügen nicht. Außerdem war ich es, der ihr nachgelaufen war. Sie hatte keine Kommunikation mit mir gesucht.

Der folgende Tag begann so bleischwer, wie der letzte zuvor endete. Die Sonne durchdrang die letzten, kühlen Luftschleier der Nacht und füllte sie aus mit glühender, stechender Hitze. Der Staub roch noch erdig, wie nach frischem Grün, doch bald wandelte sich die Frische um in Schwüle und lastete schwer auf den Straßen. Der Rauch von Feuerholz drang aus den niedrigen Hütten und vermischte sich mit dem Geruch des heißen Staubs. Dies war für mich der Geruch Afrikas. Gerüche vergisst man nicht.

Die Lastwagen mit dem Holz kündigten sich schon von weitem durch die hohen Staubwolken an, die weit über dem Tal zu erkennen waren. In gut einer Stunde würden sie da sein und ich hatte die Aufgabe, den Weitertransport zu organisieren.

Die Arbeiter standen am Hafen bereit, starke, große junge Männer, mit der Selbstsicherheit der Löwen. Ihre weißen Zähne strahlten in ihren Gesichtern, wie beleuchtete Fenster aus nächtlichen Häusern. Sie hielten ihre langen Hakenstangen bereit, um das Holz aus den LKW in den Fluss zu ziehen. Andere hatten die großen Eisenklammern an die Hüften gebunden, mit schweren Hammerhaken in den Händen, um die Baumstämme zu Flößen miteinander zu verbinden. Eine unglaublich harte und gefährliche, und eine sehr gut bezahlte Arbeit.

Plötzlich war es wieder da, dieses Lächeln. Ein Arbeiter diskutierte mit seinem Freund, gestikulierte mit seinen Armen und erzählte ihm irgendetwas von anderen Freunden, da sah er mich, schaute mich an und lächelte das Lächeln des Jungen und das der jungen Frau.

Ich stand wieder da, wie vom Donner gerührt. Ich wusste nicht, was mit mir geschah. Ausgerechnet jetzt!

„Das Holz kommt!“ Die Erde bebte. Die riesengroßen Transporter mit doppelten Anhängern dröhnten wie eine Horde wildgewordener Büffel durch die engen Straßen. Es gab nur eine schmale Schneise über einen lehmigen, von der letzten Regenzeit ausgewaschenen Weg hinunter zum Fluss, den die Lastwagen zu nehmen hatten.

Ich konnte mich nicht wie gewohnt um die Ankunft des Holzes kümmern. Der junge Arbeiter schien keine Lust mehr zu haben und überreichte sein Werkzeug einem Freund. Er war dabei zu gehen.

„Halt, warte!“, rief ich zu ihm. „Warte einen Moment!“

Ich ging zum Arbeiter und er grinste mich an, wie einen alten Bekannten.

„Sag mir, wie du heißt“, bat ich.

„Ibraim“, lächelte er, und wieder sah ich diesen schelmischen Gesichtsausdruck.

„Was ist das?“ fragte ich. „Was macht ihr mit mir?“

Er antwortete nicht.

„Welche Seite? Welche Seite“, fragte ich und zeigte ihm meinen Kriminalroman in der Hand. Ich hatte das Buch mit Absicht mitgenommen, obwohl ich wusste, dass ich heute nicht zum Lesen kam.

„274“, grinste er.

„Hey, Boss“, rief es hinter mir. Es war Ed, der Leiter der Transportgruppe. „OK, Boss, wir sind da.“

Ein halbes Dutzend Lastzüge stand an der engen Landungsstelle bereit, um nacheinander entladen zu werden. Die Männer kannten ihren Job, doch sie warteten auf das Zeichen zum Anfangen.

„Hey, Ed“, ich reichte ihm die Hand. „Ed, fangt schon mal an, ja? Ich komme gleich. Ich komme gleich.“

„OK, Boss.“ Ed wandte sich ab und gab mit der Hand ein Zeichen. Die Arbeiter bestiegen die Transporter, lösten die Halterungen und zogen die mächtigen Stämme an den Rampen hinunter in den Fluss. Achtsamkeit war das oberste Gebot. Es war meine Aufgabe, für einen geordneten Ablauf der Entladung zu sorgen. Doch ich konnte mich jetzt nicht darauf konzentrieren.

Krachend schlugen die Stämme zu Boden und glitten an den Holzbohlen hinunter in den Fluss. Wie Kletteraffen in den Bäumen turnten die Männer auf den schwimmenden Kolossen, um sie nacheinander mit den Stahlklammern zu verbinden. Wer jetzt ins Wasser fiel, musste weit und tief tauchen, um aus der Gefahrenzone zu entkommen. Drüben versammelten sich einige Krokodile.

„Ibraim“, sagte ich. „Ibraim. Gehe nicht fort. Sage es mir.“

Ibraim grinste, und in seinen Augen lag eine Vertrautheit, wie sie Freunde haben, wenn sie sich nach langer Zeit wieder begegnen.

„Tom“, sagte er leise. „Ich komme wieder.“

Wie von einer Sprungfeder angetrieben, rannte Ibraim los, schnappte sich seinen Hammerhaken und war in wenigen Sätzen auf den Baumstämmen im Fluss. Mit der Hakenseite zog er einen Baumstamm zu sich, löste eine Klammer aus seinem Gurt und schlug sie mit der Kehrseite des Hammers in das Holz. Jetzt konnte er verhindern, dass sich der Stamm im Wasser drehte, wartete den günstigen Moment ab, um die andere Seite der Klammer in das Holz des rasch anwachsenden Floßes zu schlagen. Weitere Klammern sicherten das Holz am Floß und machten es bereit für neue Stämme.

Plötzlich war Ibraim verschwunden. Der Fluss nahm ihn auf, wie ein Stück Zucker im Kaffee. Ich rannte zur Uferstelle, wo ich ihn zum letzten Mal sah.

„Ibraim, Ibraim“, rief ich.

„Aus dem Weg, Boss“, riefen die Männer und ich entkam einem mächtigen Stamm, der direkt vor mir in das Wasser klatschte.

Ich lief das Ufer auf und ab, doch vom jungen Arbeiter fehlte jede Spur. Vom anderen Ufer des Flusses glitten geschmeidig die Krokodile ins Wasser.

Einige Tage später saß ich im Jeep auf dem Weg in Richtung Meer. Der Weg zeichnete sich lediglich dadurch aus, dass auf ihm keine Bäume wuchsen. Die ausgewaschenen Löcher waren zum Teil metertief, die Längsspuren konnten einen Wagen umkippen. Die kurzen Schlaglöcher sorgten dafür, dass der Kopf im Führerhaus hin und her geschüttelt wurde. Auf den Eisenteilen des Wagens könnte man Spiegeleier braten. An Schlaf war nicht zu denken. Ed war bei mir, und seit geraumer Zeit hatten wir kein Wort miteinander gewechselt.

„Boss, mach mal Pause“, bat Ed. Er war ein harter Bursche, der nie von jemandem etwas verlangte, was er nicht selber vormachte.

„OK“, sagte ich. Ich war ganz in Gedanken vertieft, dachte an Ibraim, an den Jungen und an die Frau mit dem Baby. Ich konnte die Zusammenhänge nicht ordnen.

Eine große Akazie warf ihren Schatten auf die Straße und lockte, bei ihr eine Rast einzulegen. Vorsichtig öffnete ich die Türe und spähte hinaus.

Ein prüfender Blick in die Äste nach Schlangen oder Leoparden, ein suchender Blick über das hohe Gras nach Löwen, oder nach schattigen Steinen, unter denen Skorpione warten könnten. Wer in Afrika Rast machen will, überlegt sich das vorher genau.

„Alles klar“, sagte ich. Wir streckten unsere zusammengestauchten Knochen und holten den Speisekorb aus dem Wagen.

„Nichts für ungut, Boss“, sagte Ed zu mir, als er mit dem Essen fertig war. „Ich glaube du solltest mal für eine Weile nach Hause fahren.“

„Mmmh?“ fragte ich, wie aus Gedanken erwacht.

„Die afrikanische Sonne macht Dörrobst aus dem Gehirn, verstehst du?“ Er lachte.

Ich lachte auch.

„Du brauchst mal wieder diesen schönen, nassen englischen Sommer. Mit viel Regen.“

„Ja, ich glaube, du hast Recht“, sagte ich. „In London regnet es jetzt bestimmt.“

Ed wollte nie wieder nach England.

Ich sah Rauch. Ein dünner, weißer Rauchfaden, der nur aus einer menschlichen Feuerstelle stammen könnte. Instinktiv stand ich auf und fühlte mich wie magnetisiert von dieser Stelle angezogen. Ich wusste, dass ich hier die Antworten auf meine Fragen erhalte würde.

„Ed“, sagte ich. „Ed. Bitte stelle mir keine Fragen, ja? Fahr jetzt einfach alleine weiter. Wenn du wieder auf dem Rückweg bist, dann suche mich hier. Versprichst du es mir?“

„Boss, was ist los mit dir?“

„Kannst du die Verschiffung für mich allein organisieren? Es ist wichtig.“

„OK. Die Flöße kommen nächste Woche an. In zwei Wochen warte ich hier auf dich.“

„Danke, Ed“, sagte ich.

„Boss“, rief Ed mir nach. „Mach keine Dummheiten.“

Die Rauchfahne führte mich zu einer einsamen, mit Stroh bedeckten Lehmhütte. Vor dem Eingang hingen Maiskolben an einer Leine, zum Schutz gegen Ratten. Magere Hühner pickten nach Körnern. Der kleine Platz vor der Hütte war mit Lehm ausgestampft, und ein großer Eisentopf stand auf einer kleinen Feuerstelle. Im Topf brodelte ein Maisbrei. Daneben, auf einem heißen Stein, stand ein Teetopf. Eine junge Frau schürte Holz nach. Ich erkannte sie wieder.

„Hallo“, sagte ich. Ich freute mich, sie zu sehen.

Die Frau zeigte zur Türe. Im Innern wartete ein alter Mann auf mich. Auch ihn erkannte ich wieder.

„Komm rein“, sagte er und zeigte mir eine Decke auf dem Boden.

„Komm rein“, sagte ich. Plötzlich merkte ich eine Veränderung in mir vorgehen. Ich schaute den alten Mann an und lud ihn ein zu kommen. Doch er saß ja bereits. Der Alte nickte und blickte sich um. Neugierig schaute er mich an.

„Was, was ist mit mir“, fragte er mich. „Was ist mit euch.“

Ich lächelte. Und während ich lächelte, musste ich mich innerlich über den Blick des alten Mannes amüsieren. Mein eigenes Lächeln aus dem Mundwinkel, mein listiger Blick. Ich wusste, welcher Blick es war. Nun war ich es selbst, der dieses Lächeln hatte. Der alte Mann konnte den Spaß nicht verstehen, den ich mit ihm machte und er schaute mich an, wie vom Donner gerührt.

„Sag es mir“, sagte der alte Mann. „Ich muss es wissen.“

„Du musst jetzt sehr achtsam sein“, sagte ich zum alten Mann.

Die junge Frau kam herein und brachte dem Alten ein Schälchen Mais und einen Tee.

„Danke sehr“, sagte der Alte. „Ich erkenne dich wieder. Wie heißt du?“

„Shila“, lächelte sie.

Jetzt verstand ich alle Zusammenhänge. Ich wollte es dem Alten erklären.

„Willst du auch etwas essen?“ fragte mich Shila.

„Nein“, sagte ich. „Vielen Dank. Ich habe gerade etwas gegessen.“

Shila sah mir in die Augen und lächelte.

„Vielleicht magst du einen Tee?“ fragte ich sie.

„Ja gerne“, antwortete Shila und ging hinaus, um Tee zu besorgen.

Ich schaute den Alten an. Erinnerungen stiegen in mir auf, die niemals von mir selbst stammen konnten. Ein warmes, liebendes Gefühl zum Alten, als wäre er mein Vater. Ich sah Bilder der Armut und des Glücks.

Shila kam mit dem Tee herein und gab mir eine Schale.

„Komm“, sagte ich zu ihr. „Setze dich zu uns.“

Shila setzte sich. In der Ecke des Raums schlief ihr kleines Baby friedlich, in Decken eingehüllt.

„Der Geist und der Körper“, erklärte der Alte. „Sind nicht eins.“

„Aber ihr macht, dass ihr den Geist wechseln könnt“, sagte Shila. „Ihr springt von einem zum anderen. Das ist unmöglich.“

„Es ist nicht unmöglich“, sagte ich. „Ich habe dich am Marktplatz beobachtet. Du bist mir aufgefallen. Du machst es auch. Deine Fähigkeit, die Menschen zu betrachten, und wie du sie in ihren Augen erkennen kannst. Du bist schon ganz nah dran.“

Shila betrachtete ihre Hände und tastete ihre Gesichtszüge.

„Ich bin jetzt in ihr, stimmt’s?“

Ich nahm ihre Hand.

„Du hast noch nicht die Fähigkeit, es richtig zu machen“, sagte ich.

„Und du bist ich?“ fragte Shila.

„Es gibt nicht viele Menschen“, sagte der Alte. „die mit soviel … wie heißt das mein Kind?“

„Hingabe?“, ergänzte ich.

„Ja, … mit soviel Hingabe am Menschen sind, wie du.“

Shila lächelte bescheiden. „Danke“, sagte sie.

Ibraim stand in der Türe. Ich freute mich, ihn wieder zu sehen.

„Liebling“, rief Shila. Sie stand auf, und gab ihm einen Kuss. Plötzlich war sie wieder ganz sie selbst.

„Komm rein, komm rein“, sagte der Alte.

„Komm, setzt dich“, sagte ich. Erinnerungen stiegen in mir auf, Bilder aus Kindertagen, Musik. Ich sah Shilas Lächeln, den Kampf mit einem Löwen. Krokodile. Ich sah Wasser.

Ibraim setzte sich neben mich und schaute mich neugierig an.

„Wie bist du hierher gekommen?“ fragte er.

„Ich habe dir gesagt, dass ich wiederkomme“, entgegnete ich.

„Du warst plötzlich verschwunden“, sagte er.

Ich grinste. „Die Krokodile“, sagte ich. „Die sind ganz schön schnell.“

„Hast du Hunger?“ fragte Shila.

„Ja“, sagte Ibraim.

„Willst du auch einen Tee?“

„Ja, gerne“, antwortete er. „Ich habe zwar schon getrunken, aber ich habe immer noch Durst.“

„Aber ich war noch schneller“, lachte ich. „Die haben mich nicht erwischt.“

Ibraim lächelte etwas verwirrt und betrachtete seine Hände.

„Die Menschen können es nicht teilen“, sagte der Alte. „Für sie ist der Geist im Körper gefangen.“

„Manche versuchen es“, sagte Shila, „doch sie werden dabei verrückt.“

Ibraim nahm einen Schluck aus seiner Trinkschale. „Aber der Geist lässt sich doch nicht trennen“, sagte er. „Wie soll das gehen?“

„Du siehst den Menschen in die Augen“, sagte der Alte. „Du lachst mit ihnen, du fühlst mit ihnen, richtig?“

„Ja“, sagte Ibraim.

„Und schwupp, bist du drin“, sagte ich. Ich lachte, so einfach geht das.

„So einfach geht das?“ fragte Ibraim. „Ich kann es nicht glauben.“

Ich merkte, wie die Erinnerungen sich veränderten. Ich blickte mich im Kreis um. Was würde jetzt geschehen? Ich betrachtete meine Hände. Es waren meine eigenen.

„Willst du noch einen Tee?“, fragte der Alte. Er fragte so unschuldig und listig. Ich musste lachen. Ich schaute Shila an, Ibraim, den Alten. Wer war nun wer?

„Nein, nein, danke“, antwortete ich. „Ich bekomme noch einen Wasserbauch.“

„Was du siehst, sind nur Menschen, Körper“, sagte Shila. „Der Geist schlägt darin Wurzeln. Menschen können das nicht verstehen. Ihr Geist ist im Körper gefangen.“

Shila lächelte Ibraim an. Sie legte ihre Hand auf seine Wangen. „Schön, dass du da bist.“

„Nimm die Wurzeln zu dir selber“, sprach der Alte weiter. „Dann bist du nicht mehr gefangen.“

„Aber wie soll das funktionieren?“ fragte ich.

„Schau mich an“, sagte Ibraim neben mir. Ich blickte ihm in die Augen.

„Und jetzt?“ fragte ich.

„Ich spüre nichts“, sagte Ibraim.

„Siehst du, das meine ich“, sagte ich.

„Unglaublich“, sagte er und betrachtete seine Hände.

Shila lachte. Ich grinste.

Der Alte winkte ab. Ibraim grinste mich an, und ich ertastete mit meinen Fingern meine Nase.

Ibraim nahm noch einen Schluck aus seiner Tasse und aß den Maisbrei.

Ich blickte mich um. „Wer bin ich gerade?“ fragte ich.

„Du bist du“, sagte Shila.

„Wo ist der kleine Junge, der mich am Marktplatz ansprach?“ fragte ich. „Gibt es ihn?“

„Das war ich“, grinste der Alte. „Der Junge war aus dem Ort.“

Stille kehrte ein. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass jeder der Anwesenden auch wirklich er selber war.

„Seid ihr das wirklich?“ fragte ich.

Der Alte lächelte mich an. „Die Frage ist, bist du das wirklich?“ antwortete er.

„Aber wieso nicht? Wieso sollte ich nicht ich selbst sein?“ Erstaunt blickte ich in die Runde. „Jedenfalls war ich es noch bis heute.“

Shila stand auf und nahm das Baby. Es war aufgewacht. In den Armen seiner Mutter, beruhigte es sich sofort wieder. Ibraim, trat aus der Türe und nahm seinen Grabstock.

„Ich gehe noch aufs Feld“, sagte er.

Plötzlich kam mir die junge Familie fremd vor, Menschen, die ihren Beschäftigungen nachgingen. Der Geist, der wieder fest mit dem Körper verbunden war. Nichts unterschied sich von anderen, normalen Menschen.

Ich blickte den Alten an, der mich schweigend beobachtete.

„Das warst du“, sagte ich und deutete auf die beiden.

Er blickte mich weiter an und schwieg. Auch ich schwieg, überlegte, konzentrierte mich.

„Der Junge aus dem Ort. Wenn du es warst, dann warst du auch Shila und Ibraim. Ist das richtig?“

Der Alte ließ nicht die Augen von mir.

„Du kannst ihre Körper einnehmen, und sie merken es nicht.“

Ich konzentrierte mich. „Wer bist du?“ fragte ich. Ich betrachtete unentwegt meine Hände.

„Ich bin ich“, sagte ich und konzentrierte mich auf mich selbst. „Ich bin ich… Ich bin ich… ich bin ich.“

„Es ist nicht kompliziert“, sagte der Alte. „Bleibe ganz bei dir selbst.“

„Du bist auch nicht der Alte, stimmt’s?“ fragte ich. „Das ist auch nur sein Körper, habe ich Recht?“

„Ich habe meinen Körper schon seit vielen Jahren verlassen“, sagte der Alte.

„Und wo ist dein Körper jetzt?“ fragte ich.

„Ich brauchte ihn nicht mehr“, antwortete der Alte. „Irgendwo. Ich habe ihn verschenkt.“

„Du bist einfach nur ein menschlicher Geist? Ohne Körper?“

Der Alte grinste mich an.

„Willst du mitkommen?“ fragte er mich. „Wo wollen wir hin?“

„London“, fiel mir spontan ein.

Es regnete. Die kühlen Regentropfen liefen mir von meiner Plastikhaube direkt in den Kragen und rannen mir eiskalt den Rücken hinunter.

„Herrlich“, lachte ich. „Herrlich! Es regnet. Ist das nicht fantastisch?“

Ich stand inmitten einer Pfütze, hob meinen Regenschirm in die Höhe, lachte und sah die vielen Menschen, die mich verwundert anblickten. Taxis fuhren um mich herum. Motoren brummten. Es war der Piccadilly Circus.

„George“, rief ich zu meinem Mann, der lächelnd meine Handtasche hielt. „George, wie lange habe ich keinen Regen mehr gesehen?“

„Ich weiß es nicht, Martha“, lächelte er. „Vor einer Stunde schien mal kurz die Sonne.“

„Ach, es kommt mir vor, als wären es Jahre.“

Ich sah im Spiegelbild des Schaufensters meine Figur an und lachte laut.

„George“, lachte ich. „Ich bin unglaublich dick, findest du nicht?“

„Martha, Liebes“, lächelte George und blickte sich ein wenig schüchtern um. „Du bist doch wundervoll.“ George selbst war groß und schlank, sah blendend aus, ein Gentleman, wie aus dem Bilderbuch. Er verehrte mich sehr, und ich wusste nicht wieso.

„Ab heute wird gefastet“, beschloss ich. „Komm, wir lassen den Bus aus und gehen zu Fuß nach Hause.“

„Liebling, der Regen, und nach Hause sind es zwölf Meilen.“

„Es ist herrlich!“ rief ich. „Zwölf Meilen! Was sind das schon?“

Ich lief mit George nach Hause. Er war wirklich tapfer. Wir waren bis auf die Haut durchnässt. Noch bevor ich mich umzog, holte ich mir einen großen Müllbeutel und leerte den kompletten Inhalt des Kühlschranks und der Speisekammer hinein und warf ihn in die große Tonne.

„Ab heute wird alles anders“, sagte ich.

Plötzlich saß ich mit dem Alten wieder in der afrikanischen Hütte. Wir beiden schauten uns an und mussten lachen.

„Martha“, lachte der Alte. „Liebling. Dein Temperament ist so wundervoll. Ich liebe dich.“

„Wir haben den beiden einen schönen Tag bereitet“, sagte ich. „Sie werden lange daran denken.“

„Du hast die Fähigkeit, Leben zu verändern“, sagte der Alte. „Das ist sehr schön.“

„Wo waren die beiden in der Zwischenzeit?“ fragte ich.

„Jeder von ihnen hatte einen Traum von einer afrikanischen Hütte. Sie haben den Traum vergessen, als sie aufwachten.“

„Wo bist du, wenn du die Körper wechselst?“ fragte ich.

„Ich bin ein menschlicher Geist“, sagte der Alte. „Ich suche Menschen, die in der Lage sind, diesen Geist zu spüren. Shila und Ibraim sind solche Menschen. Du bist es auch. Aber du bist etwas Besonderes.“

„Warum?“ fragte ich.

„Eines Tages wirst du merken, dass du deinen Körper nicht mehr brauchst“, sagte der Alte. „Dann verschenkst du ihn einem anderen, und dann bist du frei, wie ich.“

In den folgenden Tagen begleitete ich den alten Mann und lernte viele Menschen kennen. Nach zwei Wochen kam Ed mit dem Jeep auf der Straße vorbei.

„Gottseidank, Boss“, dass du noch lebst“, sagte er freudig. „Ich dachte schon, ich sehe dich nie wieder.“

„Alles bestens“, antwortete ich und stieg in den Jeep ein.

„Und wie war es am Meer?“ fragte Ed.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s