Der Stein

„Wenn du erkennst“, sagte Herr Dachs, „dass du nicht dein eigenes Leben lebst, sondern das von anderen, dann hast du die Möglichkeit, dies zu verändern. Tue es, denn das bist du dir selbst schuldig.“

„Ich hatte einen Traum“, sagte Miko. „Von zwei Welten. Diese Welten waren wie zwei Monde. Viele Menschen wohnten darauf, aber niemand konnte seine eigene Welt verlassen. Es gab aber zwei Vögel, die konnten sich gegenseitig in den beiden Welten besuchen. Der eine Vogel warst du, und der andere war ich.“

Als ich Miko zum ersten Mal sah, spielte ich unten am Wasser. Ich hatte meine Angelrute dabei. Die Kiefern des nahen Waldes wuchsen bis dicht an das steinige, zerklüftete Ufer. Eine ideale Stelle, um die Angel auszuwerfen, um Ruhe zu finden und hinauszublicken auf die Berge, die steil in die schmale Meeresbucht hinab fielen.

Die Fischer aus dem kleinen Dorf waren schon lange mit ihren Kuttern hinausgefahren, um die Netze nach den dicken Dorschen und Köhlern auszuwerfen, die am Morgen in das offene Meer schwammen.

Der Hafen war belebt mit Menschen, die dem Fischgeschäft nachgingen. Lastwagen, die bereitstanden, um die frische Beute in die Stadt zu bringen. Es roch überall nach Fischresten, um die sich die Möwen stritten. Es war laut am Hafen.

Mein Platz war einen guten Kilometer weit entfernt. Ich sah von Weitem die vielen Menschen und genoss die Stille, das sanfte Plätschern der Wellen an den Steinen, den wärmenden Schein der Sonne, den weiten Blick hinaus auf die Berge Norwegens. Von weitem sah ich die Jungen in meinem Alter Fußball spielen. Das war nichts für mich.

Miko starrte mich mit großen, erschreckten Augen an. Er trug kaum Kleidung. Seine Haare waren lang, zerzaust und struppig. Plötzlich war er bei den Bäumen aufgetaucht. Wir blickten uns an, für wenige Sekunden. Dann sprang auf, suchte nach etwas, und so plötzlich, wie er erschienen war, verschwand er wieder.

Das alles dauerte nur wenige Sekunden. Ich rief nach ihm: „Hallo!“ Doch er war weg.

Ich holte meine Angel ein und suchte nach dem Jungen. Er sah so fremd aus, so wild, wie ein scheues Reh, das man aufgescheucht hatte. Keine Spur war von ihm zu finden.

Da fiel mein Blick an die Stelle, wo ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Auf dem Boden lag ein großer Stein, halb im Erdboden versenkt, mit Moos bewachsen, aber seine schwarze Färbung hob sich aus der Farbe der anderen Steine hervor. Er hatte eine gläserne Oberfläche, glatt und glänzend. Auf dem Stein war wie in einem Relief das Abbild einer Hand eingedrückt. Automatisch legte ich meine rechte Hand in die Mulde. Sie passte genau hinein.

Plötzlich wurde mir ein wenig kalt. Ein Licht leuchtete auf und erlosch wieder. Der Stein lag noch an der gleichen Stelle, lag aber frei und war nicht mehr mit Moos bewachsen.

Ich zog meine Hand erschreckt zurück und wunderte mich über das Licht, das ich gesehen hatte. Da erst bemerkte ich, dass sich die Umgebung verändert hatte. Die Bäume waren nicht mehr da, nur niedrige Sträucher. Eisschollen schwammen unten im Wasser. Ich hatte noch den gleichen, freien Blick hinüber zum flachen Ufer unseres Dorfes. Doch unser Dorf war nicht mehr da, kein Hafen, keine Straße. Ein paar wenige Holzhütten mit Strohdächern standen an ihrer Stelle am Ufer und wenige, kleine Boote, die im Wasser tänzelten.

Ich richtete mich auf und sah Miko. Wir schauten uns an. Wir waren etwa zehn Schritte voneinander entfernt. Miko war bereit zu fliehen, aber seine Neugier hielt ihn zurück. Es war still. Möwen kreischten irgendwo am Ufer. Ich stand da, sah das Meer, sah die Wolken, das kleine Dörfchen, und ich sah den Jungen.

Dieser war mit jeder Faser seines Körpers zum Sprung bereit. Sein zerzaustes Haar wehte ihm im Wind über das Gesicht. Nur ein Lendenschurz bedeckte seinen Körper, welcher viel dunkler war, als meine Haut.

„Hallo!“, rief ich zaghaft zu ihm hinüber.

In diesem Moment machte der Junge einige schnelle Sprünge zurück und duckte sich zur Deckung. Er wusste nicht, dass er vor mir keine Angst zu haben brauchte.

Ich hob meine Hand. In der anderen Hand hielt ich noch meine Angel.

„Hallo!“, rief ich. „Wo sind wir hier? Ich meine…“

Keine Antwort. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Diese fremde Gegend und doch so vertraut. Es war, als hätte man das Bild im Wohnzimmer mit einer andern Farbe angemalt. Alles war so unwirklich, wie in einem Traum, und dann doch wieder so real, der kühle Wind. Ich konnte meinen Blick lenken, meinen Willen steuern. In den Träumen konnte ich das nicht.

Das weiche Licht der Sonne und die karge Landschaft beeindruckten mich sehr. Dünne Rauchfähnchen stiegen von den Hütten hinauf in den wolkenbehangenen Himmel. Außer diesen Hütten gab es nichts, was durch den Menschen verändert wurde.

Schnell bückte ich mich nach dem Stein und legte meine Hand zurück in die Mulde. Wieder durchfuhr mich ein Lichtstrahl, und als ich mich wieder aufrichtete, sah ich die gewohnte Gegend wieder, die Kiefern am Ufer, den Hafen, die spielenden Kinder auf dem Bolzplatz.

Wie benommen stand ich eine Weile und blickte den Stein an. Ich konnte nicht mehr klar denken.

Gleich am nächsten Morgen lief ich aus dem Haus. Der Schulbus fuhr heute ohne mich. Meine Mutter durfte das nicht wissen. Ich rannte geradewegs zum Stein beim Kiefernwald.

Dort lag eine Halskette an einem Lederriemen. Der Junge hatte sie gestern getragen. Sie war sehr schön. Bunte Steine, Nussschalen und Muscheln wechselten sich in einer schönen Kombination ab. Ich freute mich. Der Junge hat mir ein Zeichen hinterlassen und mir ein Geschenk gemacht. Ich legte die Kette um meinen Hals.

Auch ich wollte ihm etwas hinterlassen. Da ich meinen Schulranzen noch umhatte, suchte ich darin, ob ich dem Jungen etwas da lassen konnte. Ich fand die halbe Tafel Schokolade, die ich von Zuhause mitgenommen hatte.

Ich versteckte den Schulranzen und deckte den Stein mit Zweigen zu. Dann legte ich meine Hand in die Mulde und befand mich wieder in der kargen Landschaft, in der ich Miko zum zweiten Mal gesehen hatte.

Der Junge war unten im Dorf und konnte mich sehen. Schnell eilte er den steinigen Hügel hinauf, wo eigentlich die Straße verlief. Etwa zehn Schritte vor mir blieb er stehen und sah, dass ich seine Kette umgelegt hatte. Er lächelte.

Ich lächelte auch und reichte ihm die Schokolade. Doch er rührte sich nicht vom Fleck. Dann legte ich die Tafel auf einen flachen Stein, brach ein Stück ab und steckte es mir in den Mund.

„Mmmh“, sagte ich und rieb meinen Bauch. Ich ging zurück, um Miko nicht zu ängstigen.

Zögernd nahm Miko die Schokolade und steckte sich auch ein Stück in den Mund. Seine Augen wurden groß und größer, wie bei einem Baby, dem man zum ersten Mal ein Löffelchen Honig gab. Er brach sich gleich ein zweites Stück auf und hatte im Nu die halbe Tafel verschlungen.

„Mmmh“, sagte ich und rieb mir wieder den Bauch. Wir lachten.

„Wo sind wir?“, fragte ich. Der Junge sagte auch etwas, und wir beide verstanden uns nicht.

„Jan“, sagte ich und zeigte auf mich. „Jan.“

„Miko“, sagte der Junge. Wir lachten.

„Deine Lehrerin rief mich heute an, dass du schon seit einer Woche nicht in der Schule warst, Jan“, sagte meine Mutter. „Was machst du? Ich weiß nicht, was ich mit dir machen soll. Warum gehst du nicht zur Schule?“

„Mama“, antwortete ich, und dann wusste ich nicht mehr, was ich sagen sollte.

„Wenn du nicht mehr in die Schule willst, dann kannst du mit deinem Vater zum Fischen gehen“, sagte sie.

Ich aß schweigend mein Mittagessen. Heute wollte ich auf Miko warten. Wir waren jeden Tag zusammen gewesen, seit wir uns getroffen hatten. Miko hatte die Angst vor mir verloren, und ich begriff, dass es nicht der Sprung an einen anderen Ort war, der mich durch den Stein zu ihm führte, sondern in eine andere Zeit. Doch ob es zweitausend, vier- oder zehntausend Jahre waren, konnte ich nicht sagen.

Anhand der geringen technischen Fähigkeiten, die die Menschen in Mikos Welt hatten, mussten es wohl aber eher zehntausend Jahre sein.

Oben wartete ich in der Nähe des Steins, und bald sah ich ihn gebückt mit der ausgestreckten Hand am Stein erscheinen.

Scheu wie ein Reh blickte er sich um und kam dann zögernd und lächelnd auf mich zu.

„Hallo Jan“, sagte er. „Hallo Miko“, antwortete ich.

Ich hatte ein Hemd und eine Hose von mir dabei.

„Komm, zieh das an. Ich will dir heute etwas zeigen.“

Miko zog sich die Sachen über und folgte mir. Wir gingen ins Dorf. Immer wieder musste ich meinen neuen Freund antreiben. Er war voller Angst. Ich achtete darauf, dass wir keinen Menschen begegneten. Miko atmete schwer. Er wurde immer unruhiger, immer nervöser.

„Das ist mein Haus“, sagte ich und zeigte ihm mein Zuhause. Es war rot bemalt, mit weißen Ecken und einem weißen Giebel, genau, wie die anderen Häuser hier.

Miko wollte nicht mehr weiter gehen.

Plötzlich kam ein großer Lastwagen den Weg hinauf. Er war voll beladen mit Fischkisten in Eis. Der Fischlaster war schrecklich laut, und das war einfach zu viel für meinen Freund.

Er rannte davon, so schnell er konnte, zurück die Straße hinauf. Doch der Lastwagen hatte die gleiche Strecke und verfolgte den Jungen. Miko rannte um sein Leben, mitten auf der Fahrbahn. Der Fahrer fühlte sich gestört, dass ihm der Jungen keinen Platz machte und hupte. Das ängstigte Miko noch mehr, und er rannte wie von Sinnen.

Ich konnte bei Weitem nicht so schnell rennen wie er. Es tat mir so leid, dass ich ihn dieser Angst ausgesetzt hatte.

„Miko, Miko“, rief ich, doch er rannte immer weiter.

Schließlich überholte ihn der Lastwagen am Hügel und fuhr ungestört weiter. Am Stein verschwand Miko.

Bald erreichte ich auch die Stelle und folgte Miko. Er lag auf dem Boden und atmete schwer. Er weinte.

„Miko, Miko“, rief ich. „Bitte, Miko. Es tut mir so leid.“

Seit dieser Zeit kam mich Miko nicht mehr besuchen. Wir verabredeten uns bei ihm. Doch die Zeiten, in denen wir uns sahen, waren seltener geworden.

Ich musste mit meinem Vater und anderen Männern morgens hinaus zum Fischen, da ich ja nicht mehr in der Schule war. Der Kutter legte bereits ab, bevor die Sonne aufging. Es war eine schwere Arbeit, die Netze abzulassen und wieder einzuholen.

Die Fischer waren verrückte Kerle. Einer spielte mit Messern und machte mir Angst. Andere tranken viel Alkohol. Und der alte Bud konnte Feuer spucken. Er nahm einen kräftigen Mundvoll Sprit und sprühte ihn wieder aus. Dabei zündete er ihn an, und eine riesige Stichflamme breitete sich vor ihm aus.

Meine Arbeit bestand darin, unten im Bug den Fang in die Kisten zu stapeln, nachdem die Fische von Männern ausgenommen worden waren. Nach jeder Schicht Fisch folgte eine Schicht Eis, bis eine Kiste voll war und in das Lager gehievt wurde. Abends fiel ich todmüde ins Bett.

Wann immer ich konnte, besuchte ich Miko. Er hatte immer Zeit für mich.

Eines Tages nahm er mich mit in sein Dorf. Ich war etwas ängstlich, denn ich konnte die Sprache nicht, und ich wusste nicht, was ich sagen sollte, wenn ich Menschen begegnete . Im Dorf wohnten vielleicht Hundert Menschen, und sie schauten mich mit großen Augen an, als mich Miko über den Dorfplatz führte.

Niemand hatte ein Werkzeug aus Eisen. Alles wurde entweder mit Holz, mit Knochen oder mit Stein bearbeitet. Die Arbeit war mühsam und wenig erträglich. Die Fische wurden vom Boot aus mit Harpunen gejagt. Sie waren außer einigen wenigen Karibus im Jahr und Beeren und Wurzeln die Hauptnahrung der Menschen.

Die Männer im Dorf sahen mich mit drohenden Blicken an. Die Mütter nahmen ihre Kinder in die Hütte. Vielleicht dachten sie, dass ich ein Geist wäre oder so. Meine Kleidung war ganz anders als ihre, und ich war schwächer und zarter, als sie es waren. Meine Haare waren blond und die Haut war weiß,  sie waren viel dunkler als ich.

Miko musste viel reden, um ihnen zu erklären, dass ich ein normaler Junge war, aber von weither herkam. Ich hatte Angst, dass sie mich mit ihren Harpunen erstechen würden.

Im Dorf gab es einen Häuptling, auf den die Menschen hörten. Die Nachricht über meine Ankunft breitete sich sehr schnell aus, und er ließ mich zu sich rufen. Ich betrat mit Miko seine Hütte, in der keine Fenster waren und in dem ein kleines Feuer brannte. Der Rauch biss mir in die Augen, und ich musste husten. Zuerst konnte ich nichts sehen, doch als sich die Augen an den Qualm gewöhnt hatten, sah ich den kleinen Mann auf einem Hocker sitzen.

Er war schon ziemlich alt und hatte keine Zähne mehr. Er redete mit mir, und ich konnte ihn nicht verstehen.

Miko redete für mich, und versuchte zu übersetzen. Doch die wenigen Worte, die er in meiner Sprache sprechen konnte, reichten gerade aus, sodass ich verstand, worum es in der Unterredung überhaupt ging.

Der Häuptling wollte mit mir nichts zu tun haben und dachte daran, mich vielleicht umbringen zu lassen, bevor ich Unheil anrichtete. Doch dagegen sprach, dass mich Miko sehr lobte und gut über mich sprach. Er verriet nicht ein Wort über den Stein. Dieser blieb unser Geheimnis.

Miko zeigte dem Häuptling das Messer, das ich ihm einmal geschenkt hatte. Mit ihm konnte er mühelos einen Lederriemen durchschneiden. Der Häuptling war sehr beeindruckt.

Ich fühlte instinktiv, dass es nicht gut war, zu viel von den modernen Werkzeugen in die Welt der Menschen zu bringen, die noch wie in der Steinzeit lebten. Wie schnell könnte der Gedanke, dass ich ein böser Geist sei, ein fatales Ende für mich bedeuten.

Der Häuptling gab Miko das Messer nicht mehr zurück, so begeistert war er davon. Ich wollte schnell aus der Hütte sein, bevor er sich in den Finger schnitt. Also trat ich abrupt den Rückweg an und lächelte höflich.

Draußen hörte ich ihn auch schon „Aaah! Eieiei!“ rufen.

Als es zu dämmern begann, wurde Miko nervös. Er lud mich ein, in der Hütte seiner Familie zu übernachten, doch ich musste nach Hause. Mit sichtlichem Unbehagen begleitete er mich zum Stein. Und ich sollte bald erfahren, warum er sich sorgte:

Wölfe waren unterwegs, und sie heulten in unmittelbarer Nähe. Plötzlich sah ich einen großen Wolf, der vor uns in Deckung ging. Doch bald kam ein zweiter hinzu und ein weiterer. Bald waren wir in der Gesellschaft von einem halben Dutzend heulender Wölfe, die uns allmählich immer enger einkreisten. Miko und ich waren in großer Aufregung. Es gab keinen Weg mehr zurück in die Hütte. Die einzige Rettung war der Stein, das wussten wir beide.

Wir rannten so schnell wir konnten, doch je schneller wir liefen, desto näher kamen sie uns. Sie kamen von der Seite und versuchten uns in die Enge zu treiben oder uns zum Stolpern zu bringen. Immer wilder und immer blutrünstiger wurde ihre Jagd. Miko war ein wunderbarer Läufer. Er allein wäre den Wölfen vielleicht entkommen. Doch meine Beine waren viel zu langsam. Miko nahm meine Hand und zog mich. Ich spürte meine Schritte nicht mehr, immer weiter, immer weiter, verfolgt von den gnadenlosen Jägern. Nur noch wenige Meter.

Vor dem Stein ließ mir Miko den Vortritt. Ich fiel direkt auf den Stein und berührte ihn mit der Hand. Im Nu war ich den Wölfen entkommen. Es dauerte eine Sekunde, zwei, dann kam auch Miko. Er blutete am Bein.

Außer Atem blieben wir eine Weile liegen. Miko konnte für heute Nacht nicht mehr zurück. Er wollte nicht zu mir nach Hause, also blieb ich bei ihm im Wald. Dies war das erste Mal, dass ich nicht nach Hause kam.

Weitere Male sollten folgen. Mein Vater und die Fischer waren sehr streng zu mir, weil ich nicht zum Fischen kam. Doch es war nicht meine Welt, es war nicht mein Leben. Ich konnte ihnen nicht den Gefallen tun, für sie zu arbeiten.

Mikos Volk arbeitete nicht für Geld, sondern um zu überleben. Sie brauchten nicht mehr, kein Radio und kein Telefon. Ich durfte in Mikos Hütte wohnen. Seine Familie und vor allem seine Mutter waren sehr freundlich zu mir.

Nach dem Vorfall mit den Wölfen beschloss ich, jeweils unten im Dorf und oben am Stein ein kleines Lager mit Fackeln anzulegen. Vor Feuer würden die Tiere sicher Angst haben. Ich vergrub jeweils zwei Fackeln und ein Feuerzeug in einer Plastiktüte. Diese würden die Bewohner des Dorfes nicht finden. Später legte ich auch eine Flasche Benzin dazu, damit ich die Fackeln schneller anzünden konnte. Ich fühlte mich damit sicherer. Miko wusste nicht, was ich da tat.

Ich vermied es, allzu viel von den modernen Sachen in seine Welt zu bringen. Das würden die Menschen nicht verstehen, und sie hätten Angst vor mir.

Ich machte mich nützlich, wo ich nur konnte, damit ich ihnen nicht zur Last fiel. Ich merkte, dass ich in vielen Dingen ein besseres Verständnis für die alltäglichen Gegenstände hatte. Na klar, ich kam aus der modernen Welt und wusste, was ein Knopf war. Mikos Mutter war ganz begeistert, als ich ihr welche aus Horn bastelte. Ich baute mit Miko eine Angel. Es gab so viele Fische, dass immer einer nach kurzer Zeit anbiss. Ich war am Ufer erfolgreicher als die Männer auf den Booten. Das beeindruckte sie sehr. Ich baute dem alten Häuptling einen Steinofen mit Kamin, damit es in seiner Hütte nicht so qualmte. Und für den Winter sorgte ich dafür, dass die Hütte von Mikos Familie ordentlich isoliert war. Die Bewohner des Dorfes taten das auch.

Ich lernte viel von Miko, und er lernte viel von mir. Oft lagen wir stundenlang im Gras und beobachteten den Flug der Adler oder lauschten dem Wind. Manchmal paddelten wir auch die Meeresbucht hinaus zum offenen Meer und sahen die Sonne aufgehen. Für Miko hatte alles eine Bedeutung. Er war eingebettet in die Natur, er war ein Teil davon.

In unserem Dorf wurden täglich Tonnen von Fisch der Natur entrissen, um sie mundgerecht den Städtern vorzusetzen. Das verletzte die Natur.

Immer seltener kam ich nach Hause. Manchmal nach zwei, drei Wochen, um meine Mutter zu sehen. Sie hatte große Sehnsucht nach mir und lachte und weinte gleichzeitig, aber sie ließ mich ziehen. Sie sah, dass ich deutlich stärker und robuster war als früher und dass ich keine Not leiden musste. Ich sprach sehr wenig und mich interessierten die alltäglichen Sorgen nicht. Die Leute glaubten, ich wäre verrückt geworden, und ich würde im Wald wohnen. Meinen Vater sah ich sehr selten. Er war mit dem Fischen beschäftigt und konnte nicht mit mir reden. Manchmal ließ er nach mir suchen. Sie entdeckten aber nie meine Behausung.

Wie viel Fisch braucht ein Mensch zum Leben? Eine Tonne, zwei Tonnen? Nur einen. Einen Fisch. Nicht mehr.

Zu Hause suchte ich in meinem Lexikon nach nützlichen Ideen, mit denen ich den Menschen im Dorf helfen konnte. Dabei lernte ich mehr als fünf Jahre in der Schule.

Es machte Spaß, mit Miko zu basteln. Wir bauten Räucheröfen, eine Ziegelbrennerei, Segelboote. Ich hatte die Ideen und er das handwerkliche Geschick. Die Menschen im Dorf profitierten davon, und viele alltägliche Arbeiten wurden ihnen erleichtert.

Eines Morgens in der Dämmerung herrschte eine große Aufregung. Fünf Langboote mit fremden Kriegern drangen in unsere Meeresbucht ein. Sie waren schwer bewaffnet und darauf aus, das Dorf zu plündern. Ich hatte noch nie eine solche Bedrohung erlebt und dachte daran, zum Stein zu fliehen und in die moderne Zeit einzutauchen.

Die Krieger waren den erwachsenen Männern im Dorf zahlenmäßig überlegen und dachten wohl nicht daran, zimperlich mit ihnen umzugehen. Die Frauen rannten mit ihren Kindern in die Berge, und die Männer waren unschlüssig, was sie tun sollten.

Die Boote waren nur wenige Hundert Meter vom Ufer entfernt, da erinnerte ich mich an den Plastikbeutel mit den Fackeln. Vielleicht könnte ich den Angreifern einen Schreck einjagen. Viel mehr war gegen sie nicht auszurichten.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, sodass die Flammen hell leuchten würden. Ich holte mir rasch den Beutel, stellte mich an das Ufer und zog die beiden Fackeln hervor. Damit sie sich schneller entzündeten, goss ich noch Benzin darüber. Und dann hob ich meine rechte Hand und ließ mit dem Feuerzeug eine Flamme aus meiner Faust aufleuchten.

Alle konnten das sehen. Und damit es noch richtig eindrucksvoll aussah, entzündete ich die Fackeln, die sofort hell aufloderten. Die Menschen im Dorf schrien alle auf. Auch die Männer in den Booten waren entsetzt und hörten auf zu paddeln. Ich fuchtelte mit den Fackeln hin und her und schrie, so laut ich konnte.

Da erinnerte ich mich an den alten Bud, den Feuerspucker. Ich holte tief Luft und nahm einen kräftigen Mundvoll Benzin aus der Flasche und wäre von dem üblen Geschmack beinahe in Ohnmacht gefallen. Dann prustete ich mit aller Kraft meine Lunge leer und zündete den Sprühnebel mit einer Fackel an.

Eine unglaubliche Stichflamme breitete sich vor mir aus, und ich verbrannte mir den Mund und die Haare. Ich schrie vor Schmerz, und in diesem Moment waren die Angreifer wie durch eine Starre gebannt. Noch einmal nahm ich den Schluck aus der Flasche. Sie war nun leer, und eine zweite Stichflamme breitete sich vor mir aus.

Alle Krieger fielen rücklings ins Wasser und schwammen um ihr Leben. Wohin sie schwammen und wie weit sie kamen, konnte ich nicht sagen. Jedenfalls wurden sie nie wieder gesehen. Das Dorf war nun im Besitz von fünf prachtvollen Langbooten und allerlei Waffen.

So schnell, wie die Krieger gekommen waren, so schnell war der Spuk auch vorbei. Doch von diesem Moment an änderte sich etwas im Verhältnis zwischen den Bewohnern und mir. Auch Miko veränderte sich mir gegenüber.

Als die Sonne aufgegangen war, ließ der Häuptling nach mir rufen. Ich besuchte ihn mit Miko, und da ich die Sprache bestens beherrschte, brauchte ich keinen Dolmetscher mehr.

„Wie machst du Feuer?“, fragte er.

Ich holte mein Feuerzeug aus der Tasche und zündete es an. Der Häuptling und auch Miko erschreckten sich.

„Hier“, sagte ich und zeigte es dem Häuptling. Ich ließ einige Male die Flamme aufgehen und reichte es ihm. Er versuchte, das Feuer zu entzünden. Dann hielt er die Flamme dicht unter seine Nase und hauchte immer wieder aus, um Feuer zu spucken. Ich wusste, dass es jetzt besser war, die Hütte wieder zu verlassen, bevor er sich verbrennen würde. Und draußen hörte man ihn auch schon rufen: „Aaauuhh, eieieiei!“

Miko und ich waren uns so nah wie zwei Brüder. Der eine war ein Teil vom anderen. Wir mussten nicht reden, um zu verstehen, was der andere meinte und wie er fühlte.

Doch beide Welten, in denen wir uns aufhielten, waren für uns fremde Welten. Wir fühlten uns als Gäste und konnten dadurch den alltäglichen kleinen Sorgen der anderen fernbleiben. Und doch waren wir Bestandteil dieser Welten.

Einige Tage nach dem Vorfall mit dem fremden Stamm sagte Miko zu mir, dass er jetzt erwachsen war und mit den Männern auf die Jagd gehen würde. Es würde wohl einige Wochen dauern, bis er wieder zurückkam. Ich sollte nicht auf ihn warten.

Und so verließ ich das Dorf und verließ auch Mikos Welt. Ich ging hinein in meine Welt, die mir auch fremd geworden war.

Der Stein steht bei mir heute über dem Kamin in meinem Wohnzimmer. Ich habe ihn vor Jahren ausgegraben und nach Hause gebracht. Und Mikos Stein steht in seiner Hütte.

Miko und ich sind Freunde geblieben. Er wurde Häuptling in seinem Dorf, und seine Frau Sita bekam vier reizende Kinder. Wir begegneten uns noch viele, viele Male. Ja, erst gestern Nachmittag haben wir wieder zusammen eine Tafel Schokolade verspeist.

Miko erzählte mir von seinem Traum.

„Ich hatte einen Traum“, sagte er. „Von zwei Welten. Diese Welten waren wie zwei Monde, sehr weit voneinander entfernt. Viele Menschen wohnten darauf, aber niemand konnte seine eigene Welt verlassen. Es gab aber zwei Vögel, die konnten sich gegenseitig in den beiden Welten besuchen. Der eine Vogel warst du, und der andere war ich.“