Der tote Briefkasten

„Wenn ich zu dir sage: ‚Ich liebe dich’“, sagte der alte Herr Dachs, „und zu einem anderen: ‚Ich liebe dich nicht’, wie kann ich dann überhaupt lieben? Wenn ich liebe, dann liebe ich alles. Wenn ich etwas nicht liebe, dann liebe ich nichts. Wenn ich liebe, dann liebe ich dich, ich liebe den anderen, und vor allem: Ich liebe mich selbst. Erst wenn ich lerne, mich zu lieben, dann kann ich alles andere lieben.“

Marlon machte es sich gemütlich. „Richtig prima ist es hier“, dachte er.

„Hier ist es richtig prima. Ich kann es mir gemütlich machen.“

Der alte Briefkasten an der Ecke zum Kaufladen hatte an der Rückseite ein kleines Loch. Nur Marlon kannte es. Und der Zaun, an dem er befestigt war, ließ sich ohne Mühe erklettern.

Marlon war ein toller Kletterer. Alle Mäuse können toll klettern.

Nun war der Briefkasten sein Wohnzimmer.

„Aah“, freute er sich. „Ich werde es mir richtig schön einrichten.“

Dazu benötigte er alles, was er durch das Loch tragen konnte. Stoffreste, Wattebäusche, Streichholzschachteln, Stäbchen, Vorräte und leckeren Käse aus dem Kaufladen.

Marlon hatte Glück. Gleich vorn, bei der Bushaltestelle, war ein neuer Briefkasten hingestellt worden. Die Leute warfen ihre Briefe dort hinein, und der Briefträger hatte Marlons Briefkasten schon längst vergessen.

Der alte, rostige Kasten war von außen ganz bunt angesprüht, von Jungs. Marlon fand ihn hübsch.

Doch eines Tages, es regnete gerade, flatterte plötzlich ein Brief durch den Schlitz. Direkt auf das Sofa.

Eigentlich war es kein Brief, sondern eine Postkarte.

„Mmmmh“, überlegte Marlon. „niemand wird die Karte bekommen, wenn der Briefträger sie nicht abholt.“

Er dachte nach, ob er die Karte zum großen Kasten an der Bushaltestelle bringen sollte.

„Wenn es aufgehört hat, zu regnen, werde ich die Karte nach drüben bringen“, sagte er. Doch die Karte war so groß, und er war so klein.

„…Ich liebe dich… Deine Evi“, las er. Das stand auf der Postkarte.

Ganz sicher würde Marlon die Karte rüberbringen.

„Jetzt erst recht“, sagte er. „Wenn es ein Liebesbrief ist, dann muss er unbedingt ankommen. Das ist besonders wichtig.“

Eigentlich liest man keine fremden Briefe. Das wusste Marlon. Aber vielleicht wohnte der Empfänger nicht weit.

„Lieber Tom“, las Marlon. Er konnte seine Neugier nicht zügeln. Er schaute wieder weg, und dann wieder hin, dann wieder weg.

„Ach“, sagte er. „Ich bin eine kleine Maus. Ich kann nicht anders.“ Und dann las er die Karte.

„Lieber Tom“, stand da drauf. „als wir uns das letzte Mal sahen, wusste ich nicht, ob wir uns wiedersehen werden. Jetzt bin ich ganz traurig. Ich sehne mich so danach, dich wiederzusehen. Und so gerne würde ich es dir persönlich sagen: Ich liebe dich. Deine Evi.“

„Das ist traurig“, dachte Marlon. „Schade, dass Evi verliebt ist und gleichzeitig traurig. Sie sollte verliebt und glücklich sein. Das wäre viel besser. Aber sicher wird Tom die Karte bald lesen, und dann wird er ihr auch sagen, dass er sie liebt. Soviel ist sicher. Und dann werden beide glücklich sein.“

Es regnete den ganzen Tag und die ganze Nacht.

Am nächsten Tag flog plötzlich wieder eine Karte durch den Schlitz. Dieses Mal direkt auf die Küche.

„Evi“, rief Marlon. Schnell! Er musste sie sehen. Er sprang aus dem kleinen Loch und kletterte den Zaun empor. Sie stand noch eine kleine Weile am Briefkasten, ganz in Gedanken versunken. Und sie war so wunderwunderschön.

„Die Karte“, rief Marlon. „Sie kommt nicht an. Nicht in diesen Kasten werfen!“ Doch Evi konnte ihn nicht hören und ging weg.

„Oje“, dachte Marlon. „Was kann ich nur tun?“

„Liebster Tom“, stand auf der Karte. „wenn ich schreibe: Ich liebe dich, dann fühlt sich das seltsam an, findest du nicht? Stell dir vor, ich sage zu jemandem: Ich liebe dich, und zu einem anderen: Ich liebe dich nicht. Geht das überhaupt? Wenn ich liebe, dann liebe ich ja alles, nicht nur spezielle Menschen. Lieben heißt doch nicht, auszuwählen, etwas anderes nicht zu lieben. Darum liebe ich alles und jeden, die ganze Welt und dich. Dich besonders, über alles. Deine Evi.“

„Ich liebe alles und jeden.“

Marlon musste die Karte einige Male durchlesen, so schön fand er sie. Er dachte an die alte Katze aus dem Bauernhof. Wenn er alles liebte, könnte er dann die alte Katze auch lieben? Wenn er die alte Katze nicht lieben würde, wäre dann seine Liebe nicht nur halb so viel wert?

„Ich werde versuchen, die alte Katze auch zu lieben“, dachte Marlon.

Marlon musste die Karte weiterleiten. Es war wirklich wichtig. Tom musste die Karte bekommen – unbedingt. Durch das kleine Loch passte sie nicht. Er musste sie durch den Briefschlitz schieben, fallen lassen und dann draußen aufnehmen und zur Bushaltestelle bringen.

Doch der Schlitz war ziemlich weit oben. Er brauchte ein Klettergerüst. Marlon sprang nach draußen und biss von einem Busch einen Zweig ab. Er war lang genug, um innen daran hochzuklettern.

Das war prima. Jetzt konnte Marlon beide Karten nach drüben bringen. Als er mit der ersten Karte aus dem Briefschlitz schaute, sah er lauter Pfützen am Boden liegen.

„Oje, die Karten werden ganz nass“, dachte er. „Und dann verläuft die Tinte, und Tom wird sie nie lesen können.“

Er musste warten, bis die Straße wieder trocken war.

Am nächsten Tag kam Evi wieder vorbei. Marlon freute sich schon und kletterte schnell hinaus, um sie zu sehen. Sie trug die Haare offen und legte die Locken leicht zur Seite, als sie die neue Karte einwarf.

„Liebster Tom“, stand dieses Mal drauf. „Weißt du, worüber ich nachgedacht habe? Es klingt verrückt: Wenn man liebt, dann kann man überhaupt nicht mehr hassen. Es geht nicht. Alles ist Liebe. Und gibt es eine höhere Liebe und eine niedrige? Nein. Wenn ich dich liebe, dann ist alles höchste Liebe. Alles ist gleich, du und ich und alles andere. Deine Evi.“

„Wow, alles ist Liebe. Alles ist gleich.“ Marlon verstand sofort, was Evi schrieb. „Na, klar. Die Verkäuferin vom Supermarkt, der Busfahrer und die Katze vom Bauernhof. Wenn ich einen von ihnen liebe, dann liebe ich alle und gleichzeitig. Dann ist ein Hass nicht mehr möglich. Das ist wirklich sehr schön.“

Am Kaufladen stand ein alter Regenschirm. Wenn Marlon ihn aufspannte und verkehrt herum unter den Briefkasten legte, dann würden die Karten in den Schirm fallen und nicht nass werden. Das war eine gute Idee.

Er sprang hinaus und zog den Schirm am Bändel zu seinem Briefkasten. Er war ziemlich schwer für eine Maus. Oben am Griff war ein kleiner Knopf. Wenn er ihn ganz fest biss, dann würde der Schirm aufspringen. Marlon biss zu, und der Schirm sprang auf.

„Super!“, er lag genau richtig. Jetzt die Karten drauf werfen und dann ab damit zum richtigen Briefkasten.

„Aah, da ist er ja“, rief plötzlich eine ältere Frau. Sie hob den Schirm auf, klappte ihn zusammen und ging mit ihm fort. Marlon war traurig.

Am nächsten Tag wartete Marlon schon am Zaun. Was würde sie heute schreiben?

Es war so schön und so wunderbar. Welche Erkenntnisse würde sie heute haben? Bald müsste sie kommen. Und sie kam.

Als er ihre Schritte hörte, war er ganz aufgeregt. Sofort flitzte er hinunter, um den Brief zu lesen. Für ihn war es so, als würde Evi an ihn schreiben.

„Mein liebster Tom“, stand auf der Karte. „Es ist schön für mich, dass ich durch das Kartenschreiben zum Nachdenken komme. Du antwortest mir nicht, aber das ist nicht so schlimm. Weißt du, ich habe mir überlegt: Das Wichtigste in der Liebe ist, dass ich mich selbst lieben kann. Wenn ich mich nicht selbst lieben kann, dann kann ich auch niemanden anders lieben. Und das habe ich entdeckt. Und es ist großartig, mich selbst zu lieben, mit all den Fehlern, die ich habe. Trotzdem oder gerade deswegen. Ich liebe mich. Deine Evi.“

Marlon war ganz entrückt von dieser Karte. Die Briefe wurden immer schöner. Eva hatte so tolle Entdeckungen gemacht. Doch inzwischen waren es schon vier Karten, die er bei sich hatte. Er konnte nicht länger warten, bis die Straße trocken war.

Er sprang aus dem kleinen Loch und machte sich auf die Suche. Irgendetwas würde er schon finden, womit er die Karten trocken und sicher aus seinem Kasten bekommen würde.

Da fiel es ihm ein.

„Ha“, rief er aus, „na klar, der Euro!“

Vor zwei Wochen hatte er einen Euro bei der Bushaltestelle gefunden und ihn in einen Mauerspalt gedrückt. Mit ihm wollte er sich viele Süßigkeiten kaufen, er wusste nur noch nicht, wie.

Aber der Euro war die Lösung. Marlon wartete ab, bis es dunkel wurde, und lief los. Er stocherte die Münze aus dem Mauerspalt und rannte mit ihr zurück zum Kaufladen. Draußen standen die Einkaufswagen.

Schnell steckte er den Euro ihn das Schloss und „Klick“ hatte er einen Wagen frei. Unten bei den Rädern befand sich ein Bügel, an den sich Marlon gut festhalten konnte.

Mit aller Kraft schob er den Wagen vor sich her. Zum Glück war der Weg schön frei und eben. Der Wagen passte genau unter den Schlitz seines Briefkastens, und kurze Zeit später flatterten die vier Karten von innen durch den Schlitz in den Wagen.

„Und jetzt ab damit zur Bushaltestelle. Halt! Vorher noch einen Zweig!“

Er biss vom Busch einen großen Zweig ab und warf ihn in den Wagen. Den würde er noch brauchen. Er schob den Wagen weiter, und an der Bushaltestelle angekommen, endete der Weg genau vor dem neuen Briefkasten.

Mit dem Zweig konnte er bis zum Briefschlitz hochklettern und eine Karte nach der anderen hineinstecken. „Puuh, das war eine Arbeit!“

Er war richtig geschafft. Jetzt konnte er den Wagen stehen lassen. Sicher würde ihn einer vom Kaufladen mitnehmen, wenn er morgen zur Arbeit kam.

Marlon schlief länger und wachte erst auf, als am nächsten Morgen eine neue Karte auf seiner Nase landete.

„Evi“, rief er, „oh, ich habe sie verpasst.“

Dafür nahm er die Karte und sah sie an. Er freute sich. Auf der Rückseite war ein Foto von einem Segelschiff im Meer.

„Liebster Tom“, stand auf der Karte. „Es ist unglaublich, aber ich habe herausgefunden, dass es die Liebe eigentlich gar nicht geben muss. Es ist alles noch viel mehr, noch höher, noch besser als die Liebe. Alles ist ein Teil von mir, und ich bin eins mit allem. Wenn ich sage: Ich liebe, dann ist es nur, als wäre es ein Stück von mir selbst, eine Einheit, wie mein Arm oder meine Hand. Alles ist meine Liebe. Ich bin so glücklich. Die Liebe macht mich glücklich. Deine Evi.“

Marlon las noch sehr oft diese Karte. Er verstand Evi und konnte so gut mit ihr fühlen. Er fühlte auch das Glück und die Liebe, wie Evi sie spürte.  Auch diese Karte sollte Tom bekommen. Die kleine Maus überlegte, wie sie diese Karte zur Bushaltestelle bringen könnte.

„Hier“, sagte draußen plötzlich eine Stimme. „Da habe ich sie reingeworfen.“ Marlon flitze hinaus zum Zaun. Da standen Evi und ein junger Mann. Er hatte die vier Postkarten in seiner Hand, die Marlon in den Briefkasten geworfen hatte. Es war Tom. Er lächelte Evi an. Sie lächelte auch.

„Schau mal“, rief sie, „eine süße kleine Maus.“ Sie zeigte auf Marlon, und er strahlte.

Für einen kleinen Moment sah er ihr in die Augen und lächelte ihr zu. Er war ihr dankbar – und dann flitzte er schnell in seinen Briefkasten, schnappte sich die letzte Karte und schob sie durch den Schlitz hinaus.