Der Wetterhahn

„Wer sich selbst als klein und minderwertig betrachtet“, sagte Herr Dachs, „der fühlt sich besser, wenn er andere missachten kann. Ich kann mich stärker fühlen, wenn der andere schwächer ist. Die Verachtung des anderen zeigt meine eigene Schwäche. Habe ich aber Achtung vor mir selber, kann ich den anderen nicht verachten.“

„Ha, haa, haaa-tschi!“, rief der alte Wetterhahn und drehte sich dabei einmal um seine eigene Achse.

Die Sonne schien heute sehr prächtig und kitzelte in seiner Nase. Der goldene Wetterhahn hieß Gustl. Und da war noch der alte Max. Max war nämlich auch ein Hahn und wohnte unten auf dem Bauernhof und krähte munter von seinem Misthaufen herunter.

„Bong – bong – bong…“ Die Kirchturmuhr schlug gerade elf Uhr. Doch jedes „Bong“ verzögerte sich immer weiter.

„Oje, die alte Kirchturmuhr ist ziemlich kaputt. Sie macht es auch nicht mehr lange“, sagte Gustl.

Gustl stand mit einem goldenen Bein hoch oben auf dem Kirchturm. Sein prächtiger Schwanz war hoch aufgerichtet. Links und rechts, die Flügel nur aus Blech, dafür aber blinkten sie prächtig in der Sonne. Richtig stolz sah er aus, und das war er auch. Von der Kirchturmspitze aus konnte man weit über das ganze Land blicken. Bis hinüber zu den Bergen und wieder zurück. Niemand konnte weiter sehen als er. Außer man konnte fliegen, genau wie die fünf frechen Spatzen aus dem Haselnussstrauch im Kirchgarten.

„Oh, nein, nicht die schon wieder“, seufzte Gustl.

„Gesundheit!,“ riefen die Spatzen und flatterten eifrig zu Gustl empor. Sie hatten sein Niesen gehört.

„Na, Alter“, rief der eine. „Was stehst du hier so rum?“

„Haaahahaha“, kreischten die anderen Spatzen. „Machst ein kleines Tänzchen, wie?“

Die Spatzen flogen um Gustl herum und machten sich über ihn lustig.

„Pass auf, dass du nicht herunterfliegst, wenn du niesen musst!“

„Komm, lass uns ein kleines Tänzchen wagen, nies doch noch mal…“

„Hahaha!“, riefen sie und flogen den Kirchturm hinab. „Bis bald, alter Stelzfuß!“

„Ja, ja, lacht nur“, rief Gustl. Er war nicht böse auf die Spatzen. Er musste auch lachen. Sie hatten ja keine Ahnung.

„Eines Tages flieg ich euch davon“, rief er. „Wartet es ab!“

Die frechen Freunde flogen weiter hinüber zu Peter. Na klar. Den konnten sie nicht auslassen.

Peter war Gustls Freund und stand alleine auf dem Feld auf einem Bein. Seine Arme hatte er weit von sich gestreckt, und sein alter Frack wedelte im Wind. Sein Kopf bestand aus einem Sack voller Stroh, doch das heißt nicht, dass Vogelscheuchen nicht denken können und keine Gefühle haben.

„Ach, immer lacht ihr mich aus“, klagte Peter leise. „Dauernd macht ihr euch über mich lustig.“

Peter hatte ziemlich viele Gefühle für eine Vogelscheuche. Eigentlich sollte er die Vögel ja Kraft seines Amtes verjagen, doch sie respektierten ihn einfach nicht. Er konnte nichts dafür, dass er so schnell weinen musste.

„Ich habe euch doch so lieb“, weinte er. „Warum lacht ihr mich dann aus?“

„Wir haben dich doch auch lieb, du alter Strohkopf“, lachten sie. „Heulsuse!“

„Komm, mach mir Angst“, rief der eine. „Huhuh, ja, fast hätte es geklappt!“

Die Spatzen ließen sich auf den Boden nieder und pickten Samenkörner auf.

„He, nein! Nicht!“, sagte Peter mit sanfter Stimme. „Ihr wisst doch, dass ihr das nicht dürft. Der Bauer ist ganz böse, wenn er das sieht.“

Den Spatzen kümmerte es nicht.

„Ich verliere meinen Job, wenn ihr vor mir keine Angst habt. Da!“

Der Bauer stand auf seinem Hof und hob seine flache Hand über die Stirn, um besser sehen zu können.

„Jetzt guckt er. Schnell, fliegt weg!“

Die fünf Spatzen flogen auf.

„Huhuh, jetzt hast du uns aber erschreckt“, riefen sie.

„Mann, haben wir Angst!“ Sie lachten.

„Ich danke euch“, lächelte Peter.

Die Spatzen flogen hinüber zu Max, dem alten Gockel auf dem Misthaufen.

„Hahaha!“, hörte sie Gustl von weit oben lachen. Sie machten sich auch über Max lustig. Doch dieser nahm den Spott nicht so leicht wie der Wetterhahn.

„Wie ist sie denn, die Luft auf deinem hohen Berg?“, riefen die Spatzen. „Bei dem Gestank kann ja keiner atmen.“

„Euch krieg ich noch!“, schwor er und kratzte wütend mit der Kralle auf dem Misthaufen. „Eines Tages seid ihr dran, und dann wehe!“

Die alte Kirchturmuhr hat sich in der Zwischenzeit mit Mühe und Not um eine Stunde weiter gedreht.

„Bong – bong — bong   —   — bong.“

„Ah, endlich“, freute sich Gustl. „Jetzt ist wieder zwölf Uhr Mittag. Zeit für eine kleine Pause.“

„– Bong!“

Er reckte sich, holte tief Luft, streckte seinen Hals.

„—   — Bong!“

„Peter!“, rief er zur Vogelscheuche hinüber. „Was machen wir heute?“

„Weiß nicht!“, rief Peter zurück.

„—   —   — Bong!“

Unten am Misthaufen ärgerten die Spatzen den Max.

„—   —   —   — Bong!“

„Also wirklich, wie lange dauert das denn noch? Die alte Uhr ist wirklich kaputt.“

Gustl konnte es kaum erwarten. Er wackelte auf seinem Sockel hin und her und quietschte laut.

„Bong!“

„Bongbongbong!“, sang Gustl, doch die alte Uhr nahm sich lange, lange Zeit.

„Bong!“

„Zehn. Okay. Zehn. Jetzt nur noch eins, bitte!“

Doch die Uhr blieb still.

„Was ist jetzt?“, rief Gustl. „Oh nein!“

Die Menschen unten auf der Straße schauten alle nach oben zur Uhr.

„Die muss repariert werden“, sagten sie.

Der Herr Pfarrer öffnete das Fenster von seinem Büro und schaute hinauf. „Ich muss gleich….“

Da endlich machte sie: „Bong!“

In diesem Moment geschah etwas Seltsames.

Gustl erhob sich in die Lüfte. Seine goldenen Flügel flatterten. Er flog auf und ab, umkreiste den Turm und schaute sich die Leute an. Sie blickten immer noch starr nach oben und regten sich nicht. Auch der Pfarrer blickte unverwandt nach oben. Sein Mund war noch offen.

Jeden Tag, genau zu Mittag, zwischen dem elften und dem zwölften Schlag der Kirchturmuhr, ja, genau in dieser kurzen Sekunde, da bleibt die Zeit stehen.

Niemand weiß das, und es ist ein großes Geheimnis. Die Zeit bleibt stehen, und niemand bemerkt das.

Gustl flog hinunter zu Max und den Spatzen. Die frechen Vögel schwebten wie Seifenblasen in der Luft und bewegten sich nicht. Auch Max schaute finster, sein Bein zum Kratzen nach hinten gestreckt.

Der Bauer stand noch reglos und schaute hinüber auf das Feld zu Peter.

„Na endlich!“, sagte Peter und streckte sein Bein aus.

Gustl und Peter waren die einzigen, die sich bewegen konnten. Das war auch ganz gerecht, denn sie waren in der übrigen Zeit dazu bestimmt, still zu stehen, als würde die Zeit bei ihnen angehalten werden. Und jetzt war es umgekehrt.

„Komm mit“, sagte Gustl. Sie wanderten zum Haselnussstrauch im Kirchgarten. „Hier ist der schönste Schatten.“

„Ja“, sagte Peter. „Sind die kleinen Spatzen auch da?“

„Nein, die sind drüben bei Max“, antwortete Gustl.

„Es ist so schön hier“, freute sich Peter. „Ich habe diesen Platz total lieb.“

Peter und Gustl ruhten sich im Schatten aus. Sie hatten eine Stunde Zeit, bis der Glockenschlag wieder kam. Doch dieses Mal war es ganz anders.

„Den Bauer habe ich auch total lieb“, sagte Peter. „Er ist immer so nett zu mir und repariert meine Kleider.“

Gustl grinste Peter an. „Dich habe ich auch total lieb“, sagte Peter.

„Das ist schön“, sagte Gustl. „Du bist ja auch mein bester Freund.“

Doch die Sonne wanderte ein Stück weiter. Das war bisher noch nie da gewesen.

„Wir sind schon ziemlich lange hier“, sagte Gustl besorgt. „Ich fürchte, die Uhr hat endgültig ihren Geist aufgegeben.“

„Oh nein, jetzt bleibt die Zeit für immer stehen.“

„Was machen wir?“, fragte Gustl. „Niemand kann sie reparieren, wenn die Zeit stillsteht.“

„Wir müssen was tun.“

„Ja, aber was?“, fragte Peter. „Ich kann keine Kirchturmuhren reparieren.“

„Wir müssen die Glocke zum Schlagen bringen, nur das zwölfte Mal.“

„Ja, das ist genial“, rief Peter. „Los, flieg hoch. Ich gehe dann schon mal auf meinen Platz zurück.“

Gustl flog hoch zu den Glocken, doch die Schallschlitze am Turm waren zu schmal, sodass er nicht hindurchpasste.

„Oh, nein!“, rief er „Ich komme nicht an die Glocke heran.“

„Was machen wir dann?“, fragte Peter, der wieder umkehrte.

„Es kann uns nur jemand helfen, der durch die Schallschlitze hindurchpasst.“

„Die Spatzen“, rief Peter.

„Ja, gute Idee.“

Sie begaben sich sogleich zu Max und den Spatzen.

„Wir müssen sie wecken“, sagte Gustl. „Die werden Augen machen, wenn sie uns sehen.“

„OkayK!“ Peter stupste die kleinen Spatzen an, doch die reagierten nicht.

„Fester!“ sagte Gustl. „Du musst laut rufen.“

Peter kitzelte die kleinen mit einer Feder an der Nase und rief dabei ganz laut.

„Hallo, hallo, aufwachen!“

Tatsächlich, ein Spatz nach dem anderen wachte auf und plumpste auf die Erde. Doch auch Max wurde wach. „Hä?“

Da entdeckte Max die Spatzen.

„Na endlich!“, rief er. „Jetzt krieg ich euch!“

Die Kleinen waren noch ganz benommen und jammerten.

„Au, au.“ Aber der Sturz zur Erde hatte nicht wirklich wehgetan.

Da packte Max sie beim Kragen und schüttelte sie, einen nach dem anderen.

„Halt, nein, nein!“, rief Peter und schritt dazwischen. „Nicht wehtun!“

Er hob die kleinen Spatzen vom Boden und verbarg sie in seiner Jackentasche.

„Was hast du hier zu suchen?“, rief Max. „Du bist doch normalerweise auf dem Feld.“

Er sah Gustl. „Und du?“ Er begriff gar nichts mehr.

„Ihr Spatzen müsst uns helfen“, rief Gustl.

Peter holte sie aus seiner Tasche und hielt sie im Arm. Die Kleinen hatten jetzt wirklich Angst und zitterten am ganzen Leib.

„Die Kirchturmuhr ist kaputt“, erklärte Gustl. „Ihr seid die einzigen, die noch einen Schlag auf die Glocke geben können.“

„Ja“, sagte Peter. „Dann bleibt die Zeit nicht mehr stehen und läuft ganz normal weiter.“

Das war zu viel für Max. Er kapierte jetzt überhaupt nichts mehr und fiel in Ohnmacht. Die Spatzen glotzten mit großen Augen.

„Mit einem Stein können wir die Glocke schlagen“, sagte Gustl.

Er hob einen Stein mit seinem Stelzfuß auf.

„Na los, kommt mit!“

Die Spatzen flogen mit Gustl zu den Glockenfenstern. Sie passten prima durch die Schlitze und nahmen von innen den Stein entgegen, den Gustl ihnen reichte.

„Welche Glocke müssen wir nehmen?“, fragte ein Spatz.

„Die große“, antwortete Gustl.

Ja, und dann warfen die Spatzen den Stein auf die große Glocke.

„Kläng!“

Und in diesem Moment lief die alte Zeit wieder weiter. Die Menschen auf der Straße blickten wieder nach vorn. Der Bauer schaute hinüber zu seinem Stall.

Der Pfarrer sagte „… anrufen“, und machte das Fenster wieder zu.

Peter stand auf dem Feld auf einem Bein, und Gustl blinkte stolz mit seinen Flügeln in der goldenen Sonne.

Da kamen die kleinen Spatzen bei ihm vorbei.

„Du bist echt cool, Mann!“, sagte einer.

„Ihr auch“, sagte Gustl. „Ihr habt die Zeit wieder weitergedreht.“

Und dann flogen sie zu Peter hinüber.

„Danke für die Rettung, Alter!“

„Das ist doch klar“, sagte Peter. „Ich habe euch ja total lieb.“

Als sie bei Max vorbeiflogen, schaute er sie etwas verwirrt an.

Seine Augen kreisten gegeneinander.

„Wir machen uns nicht mehr über dich lustig!“, versprachen sie. „Ist das okay?“

„Ist okay…“, antwortete Max und versuchte krampfhaft, durch in seinem Kopf laufende, ablaufende, herablaufende Gehirnprozessionen zu rekatapultieren, was pasteurisiert ist, doch er ist daran gescheitelt.