Die kleinen Klopper

„Um ihren Willen durchzusetzen“, sagte der alte Herr Dachs, „wenden Menschen oftmals Gewalt an. Nicht immer ist es die körperliche Gewalt, aber jeder Zwang ist ein Ausüben von Gewalt. Wenn sie lernen, dass Gewalt nur neue Konflikte verursacht, anstatt sie zu lösen, könnten sie sich davon befreien.“

„Und Hepp!“ rief Zausel.

„Jetzt gibt’s Kloppe!“ rief Wuschel.

Als würde eine Geburtstagtorte explodieren, sprangen die kleinen Waldmännchen aus ihrem Versteck auf und kugelten zur kleinen Lichtung.

Dort stand Rudi, ein kapitaler Hirsch, frisch geduscht und gekämmt, welcher gerade ansetzte zu röhren, um der Damenwelt eine Botschaft durchzugeben. Diese Botschaft war klar und verständlich und bedeutete, dass er der Boss sei, dass andere Hirsche sich davonmachen sollten, und dass die Damenwelt nun auf ihn gespannt sein dürfte.

„Möööööhhh!“ Die Damenwelt horchte tatsächlich kurz auf und dann wieder weg.

Rudi staunte nicht schlecht, als die kleine Koboldbande ihn als Ziel aussuchte, und ehe er sich`s versah, mächtige Tritte und Schläge austeilte.

„Au, au, eieiei!“ rief Rudi. Jetzt horchte die Damenwelt doch genauer hin.

„Und Zack!“ – „Und Hepp!“ – „Feste druff!“, riefen die Waldmännchen.

Rudi wollte sich wehren und mit Geweih und Hufen zum Gegenangriff ansetzen. Doch so schnell, wie sie kamen, waren die kleinen Männchen auch schon wieder verschwunden.

„Gabel- Punk!“ riefen sie aus ihrem Versteck heraus. „Astfrisur! – Büschelschwänzchen!“

Rudi war entsetzt und sein heutiger Morgentaulichtungsauftritt war eindeutig versemmelt.

„Hehehe!“ grunzte Klopper. „Dem haben wir`s gegeben.“

„Kloppe, Kloppe! Hehehe“, freute sich Struwwel.

Kurze Zeit später knackte es im Gebüsch, und so leise, wie ein Igel in der Luftballonfabrik trat eine Jägerin an den Waldrand.

Sie rückte ihre unglaublich dicke Brille zurecht, zückte ihre Schrotflinte und guckte über Kimme und Korn, aber kein Wild wollte sich in ihrer Schussbahn zeigen. Die Jägerin hieß Lila Lahali. Und dann stieß sie in ihr Horn.

„Tötööö!“

Dies ließen sich die kleinen Waldmännchen nicht zweimal sagen und purzelten auf die Lichtung.

„So, jetzt gibt’s Dresche“, rief Zottel.

„Haue, Haue!“ grunzte Zausel.

Und Lila Lahali staunte so, wie zuvor Rudi, der Hirsch. Mit fürchterlichen Tritten und Knuffen traten die fiesen, kleinen Männchen gegen Lilas Schienbein. Sie ließ erschreckt ihr Jagdhorn sinken, dann sank sie selbst zu Boden und kam sich danach vor, als würde sie von einer Herde Büffel umgetrampelt.

Im Nu hatten die kleinen Männchen ihre Schrotflinte und das Jagdhorn erbeutet und verschwanden wieder in ihr Versteck unter den großen Baum.

„Hehehe!“ freuten sie sich. „Kloppe, Kloppe!“

Lila Lahali setzte sich auf und guckte sich um. Ihre Frisur war restlos hinüber, ihr schönes Gewand hatte Risse und Flecken. Der Gamsbart am Hut sah ziemlich zerrupft aus.

Zausel zielte mit dem Schrotgewehr auf Lilas Hut und „Peng!“ flog dieser zehn Meter weiter. „Hehehehe!“

Lila kroch auf allen Vieren und suchte ihre Brille. Sie tastete mit den Händen durch das Gras. Ohne Brille konnte sie ihre Hand nicht vor Augen erkennen.

Und plötzlich knirschte es in ihren Händen: zerstoßenes Glas.

„Meine Brille!“ Sie war völlig zerschlagen, die beiden Bügel ragten krumm in alle Richtungen.

Lila setzte sich das Gestell auf, in der Hoffnung, etwas sehen zu können, doch nein: Die Brille war zerschlagen. Keine Möglichkeit, sie zu reparieren.

„Ich glaube, ich muss jetzt heim“, flüsterte sie und tastete sich zurück. Doch sie blieb im Unterholz hängen.

„Jägerschnitzel!“, riefen die Wichtel. „Grünkohl! Rohrkrepierer! Waidmannskloppe! – Waidmannsdank!“ – Kloppe, kloppe, Reiter, wenn er fällt, dann schreit er.“ Die Kleinen tröteten mit dem Jagdhorn.

Lila kroch zurück auf die Wiese und richtete sich auf. Mit einer kleinen Glasscherbe ihrer Brille vor der Nase, versuchte sie etwas zu erkennen. Da entdeckte sie die kleinen Wichtel.

„O.K!“, rief sie aus und spuckte auf den Boden. „Eins zu null für euch, aber jetzt könnt ihr was erleben!“

Sie schritt auf die Wichtel zu, übersah einen Ast, stolperte, fiel hin und verlor ihre kleine Glasscherbe.

„Hehehe“, grinsten die Männchen und kamen hinzu. „Gibst du auf?“

„Kommt nicht in Frage, so wahr ich Lila Lahali heiße“, behauptete Lila. „Auch wenn ich jetzt garnichts mehr sehe.“

Die Waldmännchen umringten Lila und taten sehr mutig. Doch Lila saß im Gras und wusste nicht, wo sie war.

„Wisst ihr, wo es nach Kleinkirchdorf geht?“ fragte sie die Männchen.

„Ja, da hinten geht’s lang“, grinste Wuschel. „Den Weg runter.“

„Du musst dich aber beeilen“, rief Beuler, „denn gleich gibt`s wieder Dresche.“

Lila stand auf und klopfte den Staub von der Jägerhose.

„Meine Herren“, sagte sie. „Es war mir ein Vergnügen.“

„Beehren Sie uns bald wieder“, lästerte Zausel.

Sie schauten grinsend zu, wie Lila versuchte, in die besagte Richtung zu gehen, doch sie kam nicht weit und blieb im Dickicht stecken. Die Männchen merkten, dass ihr Spaß zu weit gegangen war. Sie wollten jetzt aber keine unangenehme Szene, wie Entschuldigung und Hilfe Anbieten und so ein Zeugs. Viel lieber wollten sie jetzt gehen.

„Äh, wir müssen jetzt weiter“, sagte Zausel. „Also dann mach‘s gut, gell?“

Schnell waren sie verschwunden.

„Ja“, verabschiedete sich Lila. „also dann bis zum nächsten Mal!“

Lila wollte eine kleine Pause machen. Sie setzte sich unter einen großen Baum und überlegte sich eine kluge Lösung, doch ihr fiel nichts ein. Sie wusste, dass sie ohne Brille nicht sehr weit kommen würde, doch es half ihr nicht, wenn sie dabei anfangen würde zu jammern. Und als die Vögel ihr lautstark und fröhlich ins Ohr zwitscherten, war sie in bester Laune.

„Toll“, rief sie. „Meine Knochen fühlen sich schon viel besser an, und die blauen Flecken auch.“

Sie ertastete den großen Baum und die Stelle, wo sie gesessen hatte. Von hier aus wollte sie den Weg nach Hause finden.

In diesem Moment kam Wuschel zu ihr, der sie beobachtet hatte.

„Hey, du bist ja immer noch da“, raunzte er. „Was suchst du noch hier?“

Die anderen Zwerge kamen hinzu. „Sie ist ja immer noch hier“, riefen sie aus.

„Ach, hähä“, entschuldigte sich Lila und blinzelte kurzsichtig die Zwerge an. „Wisst ihr, ich bin gleich weg. Ich brauche nur noch mal kurz euren Tipp, in welche Richtung ging es nochmal, na?“

„Das geht’s lang“ brummte Wuschel. „Und jetzt geh zu, das ist unser Baum!“

Lila tastete sich vor und kam nach sieben Minuten aus einer anderen Richtung wieder.

„Hach, das ist ja nett!“ lächelte sie. „Das ist ja der große Baum. Ich habe ihn gleich wieder erkannt.“

Die Männchen saßen um den Baum und schauten sie grimmig an.

„Ich probiere es nochmal. Diese Richtung, ja?“ lächelte sie verlegen und war gleich wieder weg.

Dieses Mal kam sie nach neun Minuten wieder zurück.

„Zuhause habe ich eine Ersatzbrille“, erzählte sie. „Kein Problem. Ich setze sie auf, und schon ist alles bestens.“

Das nächste Mal dauerte es vier Minuten, bis sie wieder kam, dann sechs, dann zwölf.

„Habt ihr was zu trinken da?“ fragte sie, als sie zum sechsten Mal vorbei kam.

Widerwillig holte Struwwel einen Krug Wasser.

„Oh, das tut gut“, lobte ihn Lila. „Das Wasser ist so frisch und kühl.“ Sie ging wieder los.

Kurz darauf war sie wieder da. „Ihr habt nicht zufällig einen Apfel da, oder so?“

Zottel brachte Lila einen Apfel. Jetzt platzte Zausel der Kragen

„Grrrhgmfbgrll!“ rief er. „Wie oft willst du denn noch vorbeikommen?“

„Das wird nicht wieder vorkommen“, lächelte sie beschwichtigend. „Ich kenne jetzt den Weg ganz genau.“

„Das will ich dir auch raten“, rief Klopper. „Sonst gibt’s nämlich wieder Kloppe.“

Lila tastete sich wieder los.

„Jetzt habe ich euch!“ schnaufte es plötzlich von hinten. Rudi stand da mit gesenktem Kopf und rannte los. „Ihr habt mich heute ganz schön blamiert. Das zahl ich euch heim.“

Die kleinen Wichtel hatten ihn nicht gesehen und versuchten schnell, in ihr Unterschlupf unter den großen Baum zu kommen.

„Au, au!“ rief Wuschel. „Mamaa!“ rief Zottel. Die Piekser von Rudis Hörnern taten ziemlich weh.

Rudi bohrte mit den Hörnern unter die Baumwurzel, um die Waldmännchen zu erwischen. Er schnaufte und keuchte wütend, scharrte mit den Hufen und wirbelte viel Staub auf.

„Nanu? Den kenn ich doch?“ sagte Lila und ertastete wieder den großen Baum.

Rudi blickte erschreckt auf.

„Ah, ein Jäger!“ kreischte er und sprang mit einem Satz auf die große Lichtung, und dann war er verschwunden.

Lila setzte sich auf die große Wurzel, dann rutschte sie tiefer und legte sich schließlich zur Seite.

„Ich bin wieder so müde“, brummelte sie bereits im Halbschlaf. „Darf ich mich ein wenig ausruhen…“ und schon war sie eingeschlafen.

Die Männchen kamen aus ihrem Versteck hervor und stellten sich um sie herum auf.

„Was machen wir jetzt?“ fragte Zausel.

„Sie hat uns gerettet“, sagte Zottel.

„Sie kann ohne Brille nichts sehen“, sagte Struwwel.

„Wir haben sie kaputt gemacht“, brummte Beuler.

„Aber das war keine Absicht“, entschuldigte sich Klopper.

„Jedenfalls kann sie hier nicht bleiben“, bestimmte Zausel. „Sie verjagt unsere Gegner.“

„Schade“, seufzte Klopper. „Keine Kloppe mehr.“

„Jedenfalls ist sie sooo schön“, schwärmte Zottel.

Alle lachten. „Zottel ist verliiiebt, Zottel ist verliiiebt.“

Lila wurde wieder wach.

„Hey, Jungs, kennt ihr blinde Kuh?“

„Ja, dich“, lachte Struwwel.

„Hör auf“, schimpfte Zottel.

„Nein, wer ist das?“ fragte Zausel.

„Ganz einfach“, sagte Lila. „Ihr versteckt euch und ich muss euch suchen. Und wenn ich jemanden fange, ist er dran mit einer Augenbinde.“

„Au, ja, ein Spiel“, freute sich Beuler.

Die kleinen Männchen waren ganz begeistert. Für Spiele waren sie sofort zu haben. Das Spiel begann, Lila fing Zottel und Zottel fing Lila. Dann fing Lila Zottel und er fing Lila.

„Zottel, hörst du endlich auf, ihr immer nachzulaufen. Wir wollen auch mal dran sein“, schimpfte Wuschel.

So ging es den ganzen Tag. Es wurde Abend. „Ich glaube, heute komme ich nicht mehr heim“, sagte Lila. „Dann schlaf ich wieder beim Baum.“

„Du kannst auch ruhig unter die Wurzel kommen“, sagte Struwwel. „Wir rücken alle zusammen und dann hast du auch Platz.“

„Ehrlich?“

„Klar.“

Die Waldmännchen rückten zusammen und Lila kroch in die Höhle unter die große Wurzel.

„Echt viel Platz“, lobte sie. „Und total weich vom vielen Moos.“

Die kleinen Männchen machten es ihr bequem und machten aus dem Moos ein großes Kissen. Schließlich suchten sie sich auch einen Platz zum Schlafen. Am nächsten Morgen lagen sie alle drunter und drüber, wie kleine Kätzchen im Körbchen ihrer Mama.

„Ich habe richtig gut geschlafen“, gähnte Lila, als sie aufwachte. Sie kroch unter der großen Wurzel hervor.

Die kleinen Waldmännchen, krabbelten auch nacheinander aus ihrem Nachtlager, waren fröhlich, gut gelaunt und überhaupt nicht streitsüchtig. Sie brachten Lila Waldbeeren und Früchte zum Frühstück.

„Kennst du noch ein Spiel?“ fragte Struwwel.

„Na klar“, sagte sie. „Kennt ihr den armen Ritter?“

„Nein!“ riefen alle Waldmännchen auf einmal.

„Also, es gibt Reiter und Pferde, und die versuchen einen Apfel auf der Stirn ins Ziel zu bringen. Wer den Apfel verliert, rutscht auf dem Hosenboden ins Ziel.“

Das war ein lustiges Spiel.

“Noch eins, noch eins“, riefen sie.

„Na, gut“, sagte Lila. „Wir spielen Karussell. Jeder nimmt den anderen an die Hand und dann drehen wir uns alle im Kreis. Wer loslässt, muss das nächste Mal in die Mitte.“

Die Zwerge drehten sich kreischend und lachend im Kreis. Sie purzelten noch hinten, wenn einer los ließ.

Ab und zu kam Rudi vorbei. Anfangs wollte er nur schauen, ob die Jägerin schon weg war, um sich die Wichtel vorzuknöpfen. Doch dann wollte er gerne mitspielen und stellte sich freiwillig in die Mitte. Das ging am schnellsten. Nach einer Weile lagen alle auf dem Boden und hielten sich die Bäuche vor Lachen.

Klopper zupfte Lila am Jägerrock. „Du, es tut mir Leid, dass ich deine Brille zertreten habe.“

„Das ist schon in Ordnung“, antwortete Lila. „Wenn du das nicht getan hättest, hätten wir jetzt nicht so viel Spaß miteinander.“

„Aber das war wirklich eine große Gemeinheit, von mir. Ich habe öfters draufgetreten.“

„Wieso bist du nicht böse mit uns?“ fragte Zausel.

„Ja, wir haben dich ganz schön verkloppt“, sagte Struwwel.

„Weißt du“, sagte Lila, „manche Dummheiten möchte man am liebsten wieder rückgängig machen, und es geht nicht. In solchen Fällen mache ich an anderer Stelle etwas besonders gut. Damit kann man das Erste nicht wieder gut machen, aber ich bin dann aufmerksam, dass ich das nächste Mal nicht wieder dumm handle.“

„Mir tut es auch Leid“, sagte Zottel. „Mir auch“, bestätigte Zausel. „Wir waren so gemein zu dir.“

„Und zu Rudi, und zu den anderen Waldbewohnern.“

„Au weia“, sagte Beuler. „Wir waren wirklich ziemlich gemein zu allen.“

„Wir möchten es wieder gut machen“, sagte Klopper.

Rudi nickte eifrig. Ihm tat es auch Leid, Er wusste nur nicht wofür.

„Euch fällt bestimmt etwas ein“, sagte Lila.

„Ich weiß schon“, sagte Wuschel ganz leise. „Ich glaube, die Hasenfamilie braucht ein neues Zuhause.“

„Und ich denke, dass ich die Wintervorräte für die Eichhörnchen wieder beschaffen sollte“, gestand Beuler.

Lila lachte.

„Und ich glaube, ich bringe dich nach Hause“, sagte Klopper.

„Das kommt überhaupt nicht in Frage“, rief Zausel. „Wir alle bringen dich nach Hause.“

Rudi nickte ganz eifrig.

Also machte sich die Wichtelbande und Rudi mit Lila Lahali auf den Weg, um sie nach Hause zu begleiten. Zottel nahm sie an die Hand, damit sie nicht stolpert.

„Du hast dein Gewehr vergessen“, rief Wuschel und wollte schnell nach Hause laufen, um es zu holen.

„Ich will es nicht mehr“, sagte Lila. „Ich konnte noch nie damit umgehen. Vergrabt es einfach im Wald, ja?“ Das freute Rudi.

Lila kam nach Hause und setzte sich ihre Ersatzbrille auf.

„Wow!“ rief sie. „Jetzt kann ich euch erst sehen. Seht ihr vielleicht zerzauselt aus! Ich glaube, ich muss euch allen mal die Haare schneiden.“

Schnell waren die Männchen auf der Flucht.

„Kommst du uns mal besuchen?“ riefen sie zurück.

„Na klar“, lachte Lila.