Die Walversammlung

„Wenn du unbedingt meinst“, sagte Herr Dachs, „dass es anderswo schöner ist als hier, vergiss nicht: Wohin immer du gehst, du nimmst dich mit. Bist du hier unzufrieden, wirst du es dort auch sein. Wenn du hoffst, ins Paradies zu gelangen, dann kannst du das nur, wenn du es jetzt schon erlebst.“

Ein großer Sardinenschwarm zählt ungefähr zehntausend Exemplare. Sie schwimmen alle ganz nah beieinander, und wenn einer nach rechts abbiegt, biegen alle anderen auch nach rechts ab. Das Gleiche funktioniert mit links und mit oben und unten.

Wenn ein Jäger kommt, zum Beispiel ein Haifisch, dann kommt er völlig durcheinander, weil er immer rechts und links verwechselt. Das ist ein guter Trick.

Auch für Sam war das nicht einfach. Denn er schwamm mitten im Schwarm.

„Oh, nein!“, rief er aus. „Nicht schon wieder! Ich war erst bei 466.“

Sam wollte seinen Schwarm zählen, doch dieser wechselte soeben von links nach rechts, und Sam musste wieder von vorn anfangen.

Manchmal machte sich Sam einen Spaß und bog einfach nach rechts ab – ohne Grund. Prompt folgten ihm alle anderen zehntausend Sardinen. Und wenn er wieder nach links wechselte, dann bogen alle anderen sogleich mit ihm ab. Doch dieser Richtungswechsel hatte einen bestimmten Grund.

„Kommt!“, riefen die Sardinen. „Heute ist Walveranstaltung. Da müssen wir hin.“

Und tatsächlich: Nicht weit entfernt schwamm ein riesengroßer Buckelwal im Wasser.

Unzählige Fische waren schon vor Ort. Die Kinder spielten in den Wasserwirbeln seiner Schwanzflosse und ließen sich durchs Wasser schießen, oder sie ließen sich vom Wal einsaugen und mit einem dicken Wasserstrahl durch seine Nasenöffnung pusten.

Der Buckelwal hieß eigentlich Alex Zander, aber alle nannten ihn Meister Alex. Bald war es so weit, dass Meister Alex seine Walrede halten wollte.

„Ihr Lieben des Meeres“, sagte Meister Alex und pustete alle Kinder aus, die noch auf seinen Wasserstrahl warteten.

„Ich bin schon unzählige Kilometer weit gereist und habe alle Weltmeere durchkreuzt. Wenn sich einer auskennt“, sagte er, „dann bin ich es.“

Die Fische klatschten begeistert Beifall. Denn Meister Alex war ein weit gereister Wal, und er kannte sich wirklich aus.

Sam wollte näher herankommen, um den Wal besser zu sehen. Er schwamm nach rechts und alle zehntausend Sardinen folgten ihm. In der Nähe des Auges war der beste Platz.

„Und eins kann ich euch sagen: Das, was ich alles gesehen habe, ist nichts gegen das, was oberhalb des Wassers ist.“

„Ja, die Wolken, die Sonne, die Stürme.“ Die Fische wussten davon und waren begeistert.

Sam mochte es gerne, sich mit einem gewaltigen Sprung über die Wasseroberfläche zu schleudern und dann den Himmel zu betrachten, nur für einen kurzen Augenblick.

„Diese Welt oberhalb des Wassers ist so wunderschön, so frei, so hell. Es ist der Himmel, das Paradies.“

„Oh nein“, sagte der Wal, „denn es gibt noch etwas anderes, was ihr noch nicht kennt, etwas noch schöneres und noch prächtigeres. Ich sage euch, es ist das Land, die Erde. Da gibt es Gras, Bäume, Tiere und Menschen. Es ist alles grün, Wasser fließt, Berge mit Schneespitzen, Täler mit Wildwasserschluchten.“

„Wow! Das Land, die Erde!“ Es klang so wunderschön, so unendlich bunt und grün und saftig.

„Eines Tages werdet ihr alle an Land gehen“, versprach Alex Zander. „So, wie viele, viele Tausende vor euch an Land gegangen sind, um das Paradies zu erleben.“

„Wir möchten dahin“, sagten alle Fische. „Wir möchten dort leben.“

Alle waren begeistert, und der große Wal schilderte es ihnen so farbig, dass sie es sich richtig gut vorstellen konnten. Auch Sam war voller Begeisterung.

„Wie kommen wir dahin?“, rief er aus.

„Es ist so leicht“, sagte der Wal. „Du musst einfach an Land schwimmen. Dann bist du oben.“

„Hast du es schon einmal gemacht?“

„Nein“, antwortete Meister Alex. „Aber vieler meiner Freunde haben es getan. Sie sind einfach an den Strand geschwommen.“

„Toll!“, freute sich Sam. „Wenn das so einfach geht, warum gehen wir nicht auch dahin?“

„Es geht auch noch leichter“, sagte Meister Alex. „Manchmal fahren große Schiffe vorbei, mit großen Netzen und die sammeln die Fische ein, damit sie mit ihnen an Land gehen können.“

„Ja“, rief Sam. „Ich habe solche großen Netze schon vorbeiziehen sehen, aber wir hatten immer große Angst vor ihnen.“

„Nein, das braucht ihr nicht“, antwortete Meister Alex. „Sie holen euch an Land, und dann seid ihr im Paradies.“

Dies war die beste Walversammlung, die sie je erlebt hatten. Der Wal gab den Fischen Hoffnung, eine neue Zukunft, Glück und Verheißung.

„Eines Tages werdet ihr im Paradies sein.“

Sam zögerte keine Sekunde. Sofort machte er sich auf den Weg zum Strand. Und ihm folgten zehntausend andere Sardinen. Dort wollte er das Glück erleben. Er ließ sich nicht abbringen, er bestimmte den Weg, und die anderen mussten ihm folgen. Er wusste genau, wo er den nächsten Strand ansteuern musste. Es war eine Insel mit Palmen und Bergen. Sie kam immer näher. Immer öfter sprang er aus dem Wasser, um sein Ziel besser sehen zu können. Er glaubte, dem Glück immer näher zu kommen.

Und tatsächlich, als sie den Strand erreichten, sprangen sie alle an Land und zappelten und freuten sich. Endlich, endlich! Hier war das Glück.

Doch bald kam das, was für einen Fisch unabwendbar kommen muss, wenn er an Land ist: Ihm fehlt das Wasser zum Atmen. Nanu? Wie konnte man atmen? Au weia, das konnten sie nicht lange aushalten. Das hatte ihnen Meister Alex nicht gesagt. Hatte er sie in die Irre führen wollen? Vielleicht hatte er es selbst nicht besser gewusst. Keiner der Fische war  zurückgekommen, um ihm davon zu berichten.

Den Fischen verging das Lachen, und es verging das Gefühl des Glücks. Was war das für ein Glück, in dem man nicht zu Hause sein konnte?

Sardinen sind sehr kleine Fische, und wenn sie hüpfen, dann springen sie hoch.

„Springt zurück“, rief Sam. „Wir müssen zurück ins Wasser.“

Doch das war nicht leicht. Viele Sardinen schafften es sofort, denn sie waren noch nicht so weit an Land vorgedrungen. Die anderen hatten jedoch große Not.

Zum Glück kam eine große Welle und schwappte weit über den Strand hinaus. Die Sardinen erkannten sofort ihre Chance und ließen sich schnell wieder ins Wasser treiben. Ein Glück. Niemand blieb zurück, niemand war verletzt, keiner der Sardinen war ein Leid geschehen.

Als sie in Sicherheit waren, schauten sie sich alle sehr schweigsam an.

„Ich glaube, Meister Alex hat uns angelogen“, sagten einige Sardinen.

„Nein“, antwortete Sam. „Ich glaube, er wusste es selbst nicht.“

„Wir müssen zurück, um ihn zu warnen und alle anderen auch“, riefen sie. „Damit kein weiteres Unglück passiert.“

Also schwamm der Sardinenschwarm zurück. Die Walversammlung wollte sich soeben auflösen, denn die Kinder waren vom Spiel müde, und die Fische hatten alles gehört, was Meister Alex ihnen hatte sagen wollen.

„Haltet ein, haltet ein!“, rief Sam von Weitem. „Das alles ist eine Täuschung.“

„Was ist los?“, fragte Meister Alex.

Die anderen Fische, die gerade dabei waren, wegzuschwimmen, kehrten alle wieder zurück.

„Haltet ein“, rief Sam. „Meister Alex, wir waren gerade am Strand, und etwas Schreckliches ist passiert.“

„Was ist passiert?“ Die anderen Fische waren ganz neugierig und umkreisten Sam und seinen Schwarm. Sam erzählte, was passiert war.

Meister Alex war ganz erschreckt und beschämt. Wenn der Ozean nicht bereits nass gewesen wäre, hatte man sehen können, dass ihm eine dicke Träne aus den Augen kullerte. Es tat ihm leid, zu sehen, was er den Fischen prophezeit hatte.

„Ich wusste das nicht“, sagte er. „Es hat tatsächlich niemand berichtet, wie es ihm ergangen ist. Ich habe immer geglaubt, es sei das Paradies.“

Die Fische wollten Meister Alex Vorwürfe machen, doch Sam nahm ihn in Schutz.

„Gebt ihm nicht die Schuld“, rief er aus. „Wir haben selbst die Erde zum Paradies gemacht. Wir haben geglaubt, dass es woanders schöner sei als hier. Meister Alex konnte es nicht besser wissen.“

„Ich habe euch beinahe falsche Versprechungen gemacht“, sagte Meister Alex, und er entschuldigte sich bei den Fischen.

„Zu glauben, dass es woanders besser und schöner ist und dass man in einer anderen Welt glücklicher und freier leben kann als in der eigenen Welt, das ist nicht der richtige Weg“, sagte er.

„Wenn wir das Glück nicht hier und jetzt erleben können, dann brauchen wir auch nicht zu hoffen, dass es woanders besser sein wird.“

„Unsere Welt ist das Schönste, was wir haben“, rief Sam. „Wir brauchen keine andere. Wir brauchen kein Paradies, denn es ist bereits hier.“

„Der Fisch im Ozean lebt in seinem Element“, sagte Meister Alex. „Das Glück ist jetzt und hier, und nicht später. Denkt nicht daran, euer Glück auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Na los, ihr lieben Fischlein! Lebt und seid jetzt glücklich!“

„Wir sind im Paradies!,“ rief Sam und alle anderen zehntausend Sardinen schwammen fröhlich im Kreis.

Und wie sollte es anders sein? Seit diesem Zeitpunkt fahren die großen Fischerboote mit ihren großen Netzen völlig umsonst durch die Weltmeere. Kein Fisch will sich von ihnen an Land bringen lassen. Warum? Sie haben es nicht nötig. Sie sind glücklich, hier und jetzt.