Dragomirs neuer Freund

„Ganz egal, wie klein du bist“, sagte der alte Herr Dachs. „Du bist groß, wenn du groß denkst. Du bist klein, wenn du sagst: ‚Es geht nicht.’ Erkenne die Grenzen, die du selbst vor dir aufstellst. Nimm sie weg und sage: ‚Es geht.’“

Es ist nicht so besonders leicht für einen Vampir, ein geordnetes Leben zu führen.

Die Ernährung eines Vampirs verlangt nur ein frisches Naturprodukt, das auf dem freien Markt nicht erhältlich ist. Selten bekommt der Hungrige dieses Nahrungsmittel freiwillig ausgehändigt, und daher muss er es sich auf eine außergewöhnliche Weise beschaffen. Oft muss er sich mithilfe von Gewalt und Heimtücke ernähren. Sich zu ernähren wie ein Dieb – wer kann sich dabei noch im Spiegel angucken?

So gerät der Vampir zwangsläufig auf die schiefe Bahn, die damit endet, dass die Menschen schlecht über ihn reden, ihn immer seltener besuchen und seine Gesellschaft meiden.

Dragomir stammte aus der dritten Generation des berühmten Grafen aus Transsilvanien. Seine Vorfahren waren alle sehr bekannt, und doch wollte Dragomir darauf nicht so recht stolz sein. Worauf kann man schon stolz sein, wenn bei seinem bloßen Namen die Menschen davonlaufen?

Ziellos, einsam und schweigsam streifte Dragomir eines Nachts durch die Straßen von München, ließ alle Passanten an sich vorüberziehen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Heute hatte er gar keinen Hunger. Keiner von ihnen würde sein Freund sein wollen, wenn er wüsste, wer er war. Und er wollte auch nicht mehr gerne ein Vampir sein.

„Irgendetwas muss einfach geschehen“, beschloss er. „Etwas muss sich in meinem Leben ändern.“

Als er sich auf eine Bank setzte, hörte er ein leises Summen, und eine Mücke setzte sich an seinen Hals, direkt neben das rechte Ohr. Dragomir hob vorsichtig die Hand, um die Mücke zu klatschen.

„Hey, Alter“, rief da plötzlich die Mücke, „ich mache einen voll coolen Deal mit dir, ja? Pass auf.“

„Hä?“ Dragomir ließ die Hand wieder sinken und hörte der Mücke zu.

„OK, Alter“, sagte die Mücke, „ich kann dir voll das Blut checken, verstehst du? Die Blutgruppe und die ganzen Checkerwerte. Ich hab`s voll drauf, weißt du? Und dafür tust du mich nicht klatschen. Okay?“

„Wenn du mich stichst, dann klatsch ich dich aber“, antwortete Dragomir.

„Hey, bleib cool, Alter, wo ist dein Problem?“ Die Mücke machte sich vorsichtshalber zum Abflug bereit. „Du kriegst die vollen Checkerwerte. Ich sage dir sogar, ob du die Seuche hast.“

„Ich habe keine Seuche, und ich habe auch keine Blutgruppe“, entgegnete Dragomir.

„Klar, Mann. Also, der Deal gilt. Okay? Keine Klatsche.“ Die Mücke suchte sich eine schöne Stelle am Hals aus. „Wenn ich den Test zapfe, ist das voll Risiko für mich, weißt du?“

„Bei mir kannst du nichts holen“, sagte Dragomir. „Versuch’s gar nicht erst, es wird dir nicht gefallen.“

Die Mücke piekste trotzdem in Dragomirs Hals und versuchte zu saugen. Doch sofort zog sie ihren Rüssel wieder raus.

„Uääh! Mann! Alter! Was ist das für`n Stoff? Pääh, voll ätzend. Du musst zum Arzt, dringend!“

Dragomir antwortete nicht. So erging es ihm immer, wenn Leute herausbekamen, dass er ein Vampir war: Er stieß auf totale Ablehnung.

„Sag doch was“, rief die Mücke. „Lebst du noch? Mann, die Checkerwerte sehen nicht gut aus für dich. Sorry, Alter.“

„Ist schon okay, Mücke“, sagte Dragomir. „Ich bin ein Vampir.“

„Was, echt?“ Die Mücke setzte sich auf Dragomirs Nase, um ihn besser zu sehen. „Wow! Voll krass. Cool, ein Vampir! Kein Wunder, dass deine Checkerwerte so katastrophal sind. Echt, Mann, pfui! Weißt du, dass ich ein echter Fan bin von Vampiren? Die vollen Sauger, genau wie ich! Jo! Hey, sooo groß, Mann! Ihr seid die krassen Checker!“

Dragomir schaute sie mit großen Augen an. Zum ersten Mal kein kreischendes Davonlaufen, kein Armgefuchtel, keine Ohnmachtsanfälle. Im Gegenteil: maßlose Begeisterung.

„Jo! Jo!“, freute sich die Mücke. „Ich darf einen echten Vampir sehen. Krass, Alter! Ein echter Meister! Ich werde von dir lernen, das ganze Saugerprogramm. Echt abgefahren!“

„Von mir gibt’s nichts zu lernen, Mücke“, sagte Dragomir leise. „Ich will es mir gerade abgewöhnen.“

„Abgewöhnen, abgewöhnen? Hey, Mann, kannst du dir das Atmen abgewöhnen?“ Die Mücke lachte. „Oder das Hören? Wo ist denn dein Problem, Alter?“

„Ich mag nicht mehr“, sagte Dragomir traurig. „Die Leute, die Angst, dieses Heimtückische, dieses Gruseldings. Ich mag das alles einfach nicht mehr.“

„Oh, bleib cool, Bruder. Weißt du, du kriegst keine Klatsche. Ich schon.“

„Stimmt“, antwortete Dragomir.

„Du bist besser dran als ich. Aber ohne Blut können wir beide nicht leben, weißt du?“ Mücke summte an Dragomirs Ohr. „Es kommt auf deine Einstellung an, Mann. Wenn du klein denkst, bist du klein. Kapiert?“

„Was meinst du damit?“

„Ist doch klar, Mann. Hey, wach auf, Alter! Du bist doch der Meister. Du bist doch ein Vampir und kein Gauner.“

„Ja, toll, ein Vampir.“ Dragomir musste grinsen.

„Genau.“ Mücke flog hoch in die Luft und rief ganz laut: „Hey, Leute aufgepasst! Hier seht ihr ihn, den größten Sauger aller Zeiten, den Großmeister, den König aller Mücken. Und ich bin sein erster Checker.“

Leider konnte niemand Mücke hören, sonst hätten sich bestimmt alle Passanten umgedreht. Sie flog zurück zu Dragomir.

„Oh, Mann, ich bin so stolz. Okay, ich mach mit“, sagte sie, noch ganz außer Atem.

„Hä? Wobei machst du mit?,“ fragte Dragomir, als hätte er irgendetwas verpasst.

„Ist doch klar, Mann. Dein neues Leben, unser neues Leben. Wer groß denkt, ist groß. Zuerst brauchen wir ein Plakat und Farbe und eine Kabine und Spritzen und Konservenzeugs. Komm mit.“

Mücke brauste los, und Dragomir hatte keine Ahnung, was sie tun wollte.

„Wieviel Geld hast du dabei?“

„Genug“, antwortete Dragomir.

„Okay, das reicht. Ich setze mich in dein Ohr und sage, was du einkaufen sollst.“

Dragomir gehorchte. Sie gingen in eine Apotheke, und der arme, bleiche Apotheker zitterte mit den Händen.

„Ei-ei-ein Vampir“, flüsterte er leise.

„Ich brauche fünfzig Spritzen und fünfzig Blutbeutel“, bestellte Dragomir, „Pflaster, Watte, Desinfektionsmittel und fünfzig Bonbons. Hä? Bonbons?“

„Sei still, und bestelle, was ich dir sage“, rief Mücke.

„Und fünfzig Bonbons – und zehn Strohhalme.“

Der arme Apotheker tat alles in eine große Tüte und zitterte dabei am ganzen Leib.

„Was kostet das?“

„Nnnnichts, nichts“, gab der Apotheker leise zur Antwort. “I-ist schon gut so.“

„Klar“, Dragomir zückte seine Geldscheine aus der Tasche. „Sind 1.000 Euro okay?“

„Jjja, ja, danke, aber das ist zu viel, oje!“

Dragomir ging mit seiner großen Tasche hinaus. Unterwegs kaufte er sich eine große Tafel, Malfarbe und Pinsel.

„OK“, sagte Mücke. „Und jetzt ab zum alten Gemüsestand.“

Auf dem Marktplatz gab es viele Verkaufsbuden. Die waren nachts geschlossen. Nur der Gemüsestand der alten Oma Leni war nicht verschlossen, weil Oma Leni im Altersheim war und sich niemand mehr um den Gemüsestand kümmerte.

„Den können wir erst einmal nehmen“, sagte Mücke. „Und morgen werden wir mit Oma Leni einen Mietvertrag abschließen.“

Am nächsten Morgen herrschte auf dem Marktplatz schon früh reges Treiben. Alle Händler waren fleißig und breiteten ihre Waren aus. Doch am Gemüsestand von Oma Leni stand die größte Menschenschlange, denn es war ein großes neues Schild zu lesen:

HEUTE GROSSE BLUTSPENDE

Inklusive Blutgruppenbestimmung

und Checkerwerte

für nur 10 Euro

Inhaber: Vampir Graf Dragomir III.

und Mücke, Checker I.