Lenni kehrt zurück

„Dein Leben ist wie ein Bild. Beschäftigst du dich dein Leben lang damit, zu schlafen und zu essen“, sagte der alte Herr Dachs, „dann kannst du damit zufrieden sein. Das Bild ist dann wie eine Zeichnung. Doch wenn du deinen Blick aufhebst und siehst, dass es mehr gibt als schlafen und essen, dann bekommt dein Leben eine Farbe, und es wird wie ein Gemälde.“

„Komm rein, was gibt es denn heute?“, flüsterte Lenni.

Mum kam herein und überreichte Lenni eine Möhre.

„Du musst zurückkommen“, flüsterte Mum. „Der Fuchs ist wieder da.“

„Der Fuchs?“, fragte Lenni mir vollen Mund.

„Ja, wir haben ihn gestern gesehen. Der ganze Bau hat große Angst.“

Lenni ließ die Möhre sinken. Seine großen Ohren senkten sich nieder.

„Das ist schlimm“, sagte er. „Er wird nicht Ruhe geben, bis er einen von uns erwischt hat.“

„Ja, und dann noch einen und noch einen.“

Die beiden Freunde schauten sich an.

„Du musst wiederkommen“, sagte Mum.

„Ich kann noch nicht, das weißt du“, antwortete Lenni leise.

„Ich gehe jetzt fort“, hatte Lenni noch vor einer Woche gesagt. „Lebt wohl, ihr Kaninchen! Ich werde die Welt kennenlernen. Ich mache mich auf, um ein neues Land kennenzulernen, neue Leute, Abenteuer.“

Die Kaninchen aus seinem Bau hatten große Angst um ihn, doch er kümmerte sich nicht um Ängste und Sorgen.

„Was ist, wenn der Fuchs dich erwischt oder der Habicht?“, riefen sie. „Die Welt lauert voller Gefahren.“

„Gefahren!,“ rief er aus. „Was sind schon Gefahren? Die Bühne ist mein Leben, der Tanz. Eines Tages werde ich vor einem grandiosen Publikum tanzen und den Tanz des Lebens aufführen. Ja, das will ich tun.“

„Lenni“, rief seine Mutter. „Warum?“

„Ich kann ein solch kleines Leben, wie ihr es führt, nicht leben“, antwortete Lenni. „Das ist mir zu eintönig, zu spießig, zu kleinkariert. Nein, ich will ein großes Leben führen, ein Leben in Freiheit, ein Leben, das ich selbst entscheiden kann.“

„Wann kommst du wieder?“, fragte Rupert, der Häuptling.

„Wann ich wiederkomme?“, rief Lenni aus. „Ha! Falls ich wiederkomme, heißt das. Frühestens in einem halben Jahr. Lebt wohl, ihr Kaninchen aus dem Bau.“

Das war vor einer Woche gewesen.

„Ich kann noch nicht zurück“, flüsterte Lenni mit unterdrückter Stimme. „Sie werden mich verhöhnen, mich auslachen. Ich werde niemandem mehr in die Augen blicken können. Vielleicht sollte ich noch vier Wochen warten oder acht.“

„Sie werden sich freuen, dich zu sehen“, antwortete Mum. „Keiner wird dich auslachen.“

„Nicht eine einzige Nacht habe ich es ausgehalten“, sagte Lenni leise. „Überall diese Geräusche, die leisen Tritte, die leuchtenden Augen. Es ging einfach nicht, Mum, verstehst du? Ich konnte sogar hören, wie der Uhu flog.“

„Es war sowieso schon total mutig von dir, eine Nacht draußen im Wald zu schlafen“, sagte Mum. „Das allein schon zeigt, was du drauf hast.“

„Dass der Fuchs gekommen ist, ist meine Schuld“, sagte Lenni. „Er hat mich aufgespürt. Ich hörte sein Schnüffeln, sein Suchen und seine Schritte. Und als er ganz nah bei mir war, da bin ich schnell losgeflitzt, und er hinter mir her.“

„Das hast du mir ja gar nicht erzählt“, flüsterte Mum erschrocken.

„Nein, ich schämte mich, denn ich rannte geradewegs nach Hause, und er folgte mir bis kurz vor unserer Wiese. Und erst hier unter der Wurzel vom alten Baum konnte ich mich verstecken.“

„Ja, bis ich dich gefunden habe.“

„Und jetzt bin ich daran schuld, dass der Fuchs in der Gegend herumschleicht.“

„Es gibt keine Schuld“, sagte Mum. „Das weißt du. Jeder macht immer das, was er kann. Du bist der schnellste Läufer, mich hätte der Fuchs längst erwischt, aber dich nicht. Wenn du noch schneller gelaufen wärst, hättest du ihn abgehängt. So ist es passiert, weil du dein Bestes gegeben hast. Mehr ging nicht. Also gibt es auch keine Schuld.“

„Aber jetzt ist er da.“

„Du hast dein Bestes gegeben.“

„Und wie werden wir ihn wieder los?“, fragte Lenni.

„Ganz einfach“, antwortete Mum. „Wir tun unser Bestes.“

„Für ein Kaninchen ist es schwer, mutig zu sein.“

„Komm einfach mit“, sagte Mum. „Was hast du zu verlieren?“

Lenni kroch mit Mum unter der Wurzel des alten Baumes hervor. Das Licht war hell. Lenni wusste nicht, was er sagen sollte, wenn er seinen Leuten begegnen würde. Zuerst ging er ganz gebückt und niedergeschlagen, aber nein, so wollte er nicht erscheinen. Er wollte nicht als Verlierer kommen.

Er holte tief Luft, dann streckte er seine Brust raus und setzte sein strahlendstes Lächeln auf.

„Meinst du, sie freuen sich, mich zu sehen?“, fragte er etwas unsicher.

„Klar“, antwortete Mum. „Schau, deine Mutter.“

Lennis Mutter kam eilig herbeigehüpft. Sie hatte Lenni schon entdeckt.

„Lenni, Lenni!“, rief sie, und warf ihn fast um vor Freude.

Blitzschnell sprach sich das im Bau herum.

„Lenni ist wieder da!“

Alle Kaninchen aus dem Bau liefen herbei. „Lenni“, riefen sie.

Auch Rupert, der Kaninchenhäuptling freute sich, Lenni zu sehen.

„Lenni!“, rief er. „Sag, wie ist die große, schöne Welt?“

„Äh, groß“, antwortete Lenni zögernd, „und schön…“

„Ach! Du kannst dir überhaupt nicht vorstellen, was dein Weggehen bei uns bewirkt hat“, sagte Rupert. „Es ist unglaublich, schau dir die Kaninchen an. Siehst du ein einziges trauriges Gesicht?“

„Nein“, sagte Lenni und lächelte.

„Du hast uns allen Mut gegeben. Dir ist es gelungen, dass wir über unser eigenes Leben hinausblicken konnten. Ja, es gibt mehr als nur das kleine Leben. Du hast uns gelehrt, dass es mehr gibt, als nur von Möhre zu Möhre zu denken. Es ist wunderschön.“

„Tja, äh, Leute, ich wollte euch sagen…“, stotterte Lenni.

„Vergiss nicht, was du sagen willst“, rief Rupert. „Hier, schau:“

Er führte Lenni hinter den Bau auf die große Wiese „Da“, rief er.

Die Kaninchen hatten die Wiese picobello sauber gemacht, und am Rand, ringsherum, lagen große Äste zum Draufsitzen, mit Heu belegt und bunt geschmückt.

„Deine Bühne“, rief Rupert. „Eines Tages, wenn du zurückkommst und weltberühmt bist, da sollst du eine Bühne haben, und du kannst tanzen. Die Welt ist einfach größer als ein kleiner Bau. Das hast du uns gelehrt. Und jetzt bist du da. Aber jetzt erzähle du mal: Wie ist es dir so ergangen? Was hast du erlebt?“

„Äh, Leute, hört mal…,“ sagte er zögernd. „Ich muss euch was sagen, ich war gar nicht weg… doch, ich war weg, für eine Nacht, aber das zählt nicht. Äh, ich meine, ich bin sofort wiedergekommen…“

Alle waren still und schauten Lenni mit großen Augen an.

„Es war alles so schrecklich, ich hatte große Angst“, gestand er. „Und dann habe ich mich versteckt, damit ihr mich nicht auslacht.“

Einige Atemzüge lang hörte man kein einziges Geräusch.

„Weißt du was?“, unterbrach schließlich Rupert die Stille, „das spielt überhaupt keine Rolle. Für uns zählt die Hoffnung, die du uns gegeben hast, der Lebensmut. Jeder von uns hat einen Traum, und jeder kann diesem Traum nachgehen und versuchen, ihn zu verwirklichen. Wir sind Kaninchen und sind natürlich ängstlich. Aber was zählt, ist das, was du uns gegeben hast: Das kann uns keiner mehr nehmen.“

„Der Fuchs ist in der Nähe“, sagte Lennis Mutter. „Er schleicht sich nachts herum.“

„Ja“, sagte Rupert. „Wir hatten, ehrlich gesagt, gehofft, dass du kommst und dass dir etwas einfällt. Wie können wir den Fuchs loswerden?“

„Ich weiß nicht“, antwortete Lenni. „Meint ihr, dass euch so ein Feigling wie ich helfen kann?“

„Aber klar doch“, rief Rupert und klatschte ihm auf die Schulter. „Schau nicht zurück, schau nach vorn!“

In diesem Moment kreischten die Kaninchen auf und rannten in die Büsche. Der Fuchs stand mitten auf der Wiese und schnitt ihnen den Weg zum Bau ab. Jetzt waren die Kaninchen ungeschützt, und er brauchte sich nur eins auszusuchen, das er verfolgen konnte.

Der Fuchs war sehr groß und wild. Er fletschte die Zähne und grinste dabei und suchte nach einem Opfer.

„Nein!“, rief Lenni, ohne nachzudenken.

Er rannte auf den Fuchs zu und fuchtelte mit den Armen.

„Hier“, rief er. „Hier bin ich!“

Der Fuchs drehte sich um und grinste Lenni an.

„Alles klar“, lächelte er, “dann nehm’ ich eben dich.“

Er rannte auf Lenni zu und biss kräftig zu. Doch Lenni wich geschickt aus, und so krachte der Biss ins Leere.

„Bursche“, drohte der Fuchs. „Mach keine Späße mit mir, sonst…“

„Was sonst?“, rief Lenni. Er hüpfte hin und er wie ein Gummiball.

Sein Herz pochte so laut, dass man es sicher noch unten im Tal hören konnte, aber Lenni hüpfte und hüpfte. Wieder schlugen die Zähne des Fuchses ganz nah zusammen, doch sie erwischten ihn nicht.

„Komm!“, rief Lenni. Er hüpfte vor dem Fuchs hin und her, bis dieser ihn wutentbrannt verfolgte. Und dann führte ihn Lenni auf die Wiese, die die Kaninchen so sauber für ihn geräumt hatten. Es war die Bühne, seine Bühne.

Als er auf der Mitte des Platzes angekommen war, drehte sich Lenni um, breitete seine Arme aus, stellte sich auf die Zehenspitzen und verbeugte sich. Der Fuchs starrte ihn verdutzt an, und alle Kaninchen sahen, was passierte.

Und dann passierte das, was niemand für möglich hielt. Während der Fuchs ganz wild hin und her schnappte und versuchte, Lenni zu erwischen, tanzte ihm dieser davon. Er hüpfte und drehte sich, er sprang in die Luft, die Beine weit von sich gestreckt. Und wo der Fuchs kräftig zubiss, da war Lenni schon woanders.

Es war wie ein eingeübtes Ballett. Auf der einen Seite der rasende, wütende Fuchs, auf der anderen Seite der tanzende, schwebende, hüpfende Lenni.

Die Kaninchen kamen heimlich herbei und versteckten sich hinter der Tribüne. Sie lugten zwischen den Spalten der Äste hervor und fingen an, mit ihren Füßen ihm Takt zu trommeln. So wie Lenni tanzte, so trommelten sie, und es war großartig.

Da sprang Lenni hoch in die Luft und landete auf den Schultern des Fuchses, und jetzt wusste er: Jawohl, dies war der Tanz seines Lebens, und er tanzte es vor dem besten Publikum der Welt. Er tanzte auf dem Rücken des Fuchses.

Der Fuchs war bereits ganz außer Atem und machte eine kleine Atempause.

„Dich kriege ich noch…“, keuchte er. Und wieder verbeugte sich Lenni und strahlte.

Er sprang von seinem Rücken herunter und stellte sich vor ihn hin.

„Komm!“, sagte er. „Na los, komm!“

Der Fuchs konnte nicht glauben, dass Lenni so nah vor seinem Maul war, und schnappte wieder zu, doch auch dieses Mal biss er ins Leere. Lenni aber wich nicht zur Seite aus, sondern er wich zurück und wartete, dann wich er wieder zurück und wieder. Und dann merkte der Fuchs, dass Lenni nicht mehr tanzte.

„Na, warte“, grinste er finster.

„Komm!“, rief Lenni. „Ich bringe dich weg von hier.“

Und dann rannte er los, so schnell er konnte. Er rannte um sein Leben, immer geradeaus, hinunter zum Tal. Und der Fuchs rannte ihm nach.

Es war still auf der Wiese, und es wurde bereits dunkel. Langsam kamen die Kaninchen hinter ihren Verstecken hervor. Sie lachten, und sie weinten.

„Lauf!“, rief Mum, Lennis bester Freund.

„Lauf, Lenni, lauf!“