Pünktchens Entscheidungen

„Du stehst am Tag vor vielen Entscheidungen, die du treffen musst. Das ist toll“, sagte der alte Herr Dachs. „Entscheide nach deinem besten Wissen, treffe die klügste Wahl, und mache dich an die nächste Entscheidung heran. Nicht jede Entscheidung stellt sich im Nachhinein als richtig heraus, doch du hast dir nichts vorzuwerfen. Zurückblicken und Bereuen ist reine Zeitverschwendung.“

„Boaaaa, ist der hoch!“

Pünktchen stand unten am Fuß eines großen Baums und schaute hoch.

„Da will ich hoch“, sagte Pünktchen. „Meinst du, ich schaff das?“

Na klar schaffst du das, Pünktchen. Hast du denn schon ein bestimmtes Ziel?

„Ja klar, ich will an die oberste Spitze, zum obersten Blatt.“

OK, dort hast du bestimmt eine tolle Aussicht. Dann lauf mal los!

Pünktchen lief los. Der Baumstamm war ganz dick und rund und Pünktchen krabbelte um ihn herum, um ihn genauer zu betrachten.

„Der ist ja total dick, ich muss ganz schön lange krabbeln, um ihn zu umrunden. Und der ist viel höher, als dick.“

Ja, wenn du an die oberste Spitze willst, dann ist das eine weite Strecke.

„Und ich habe so kleine Beinchen.“

Pünktchen war ein Marienkäfer. Es hatte auf dem Rücken nur einen einzigen Punkt. Deshalb hieß es Pünktchen.

„Mama sagte, das ist ziemlich gut, dann muss ich nicht so viele andere Punkte tragen.“

Pünktchen schaute sich das Ziel genau an. Da oben war das oberste Blatt.

„Und wenn ich oben angelangt bin, dann rufe ich ganz laut ‚Hallo!‘ und winke hinunter.“

Toll. Und ich winke zurück.

„Erzählst du meine Geschichte?“

Ja, und ich bin schon ganz gespannt, wie sie weitergeht.

„Aber das ist doch total langweilig: bla, bla, bla, …  und dann stieg sie hoch, bla, bla, und dann kam sie oben an, und winkte hinunter, winke, winke …“

Wart‘s ab, da sehe ich schon den ersten Ast.

Tatsächlich. Der Baumstamm hörte plötzlich auf, und drei große, dicke Äste ragten dafür seitlich heraus.

„Das sind ja riesengroße Äste und kein Baumstamm mehr.“

Pünktchen wurde ganz aufgeregt.

„Aber wie komme ich jetzt zum höchsten Blatt?“

Wenn du willst, kann ich dir helfen, Pünktchen. Ich kann einfach nachschauen, welcher Ast am höchsten ist, und ich kann es dir dann sagen.

„Au ja.“

OK. Ich habe nachgeschaut. Nimm den Ast, der ganz rechts von dir ist. Er ist der höchste.

„Danke.“

Pünktchen nahm den rechten Ast und marschierte los. Die kleinen Beinchen waren ganz schön fleißig und mussten ziemlich oft krabbeln.

„Jetzt kann ich von Weitem sehen, wie die anderen Äste hoch gehen“, sagte sie. „Hätte ich einen von diesen Ästen genommen, wäre ich jetzt da drüben.“

Unterwegs kam Pünktchen an kleinen Ästchen vorbei, die seitlich herausragten. Doch diese konnte sie getrost beiseite stehen lassen.

„Die hören ja gleich auf, das sehe ich sofort.“

Plötzlich gabelte sich der große Ast in zwei gleichgroße Äste. Beide zeigten nach oben und wieder war es schwer, die Spitze zu sehen.

„Kannst du mir wieder sagen, welchen ich nehmen soll?“

Ja klar, aber ist es nicht besser, wenn du das selbst herausfindest?

„Aber wie soll ich das machen? Ich kann von hier aus die Spitze nicht mehr sehen.“

Welchen Ast würdest du denn jetzt am liebsten nehmen?

„Keine Ahnung. Den, der zur Spitze geht.“

Und wenn du es nicht weißt, wie willst du das herausfinden.?

„Vielleicht kannst du es mir sagen, und dann krabble ich weiter.“

Meinst du nicht, dass es besser ist, wenn du die Entscheidungen selber triffst? Schließlich ist es heute dein großer Tag, um ‚Hallo!‘ zu rufen.

„Aber ich kann mich nicht entscheiden. Was ist, wenn ich einen falschen Weg gehe?“

Keine Angst. Kein Weg ist falsch. Wenn du dich entscheidest, ist jeder Weg richtig.

Da kam eine Ameise vom rechten Ast herunter.

„Kann ich vielleicht die Ameise fragen?“

Ja, das ist eine gute Idee. Sie kann dir sicher einen Tipp geben.

„Hallo Ameise, kommst du gerade von der obersten Spitze?“

„Nein“, antwortete die Ameise. „ich komme von da drüben.“

„Geht dieser Ast zur obersten Spitze“

„Ich glaube nicht. Jedenfalls habe ich das von dort aus nicht gesehen.“

„OK, dann nehme ich den anderen Ast.“

Pünktchen nahm den linken Ast und krabbelte weiter.

Das hast du richtig toll gemacht. Hast du gesehen, wie schnell du dich entschieden hast?

„Ja, die Ameise hat mir einen guten Tipp gegeben.“

Aber siehst du, da oben ist wieder ein Abzweig.

„Oh, neee! Jetzt muss ich mich schon wieder entscheiden.“

Das ist nicht weiter schlimm. Weißt du, wie oft man sich an einem einzigen Tag für alles Mögliche entscheiden muss? Manche Entscheidungen sind winzig klein, und manche sind wirklich wichtig. Manche Entscheidungen können das Leben komplett verändern.

„Ja. Wenn ich vorhin nach rechts gegangen wäre, dann wäre ich ganz da drüben.“

Und jetzt musst du dich schon wieder entscheiden. Wie willst du vorgehen?

„Ich glaube, dass es jetzt rechts besser ist.“

Hast du ein gutes Gefühl dabei?

„Ja.“

Toll, dann nichts wie ab nach rechts!

„Und jetzt?“

Was meinst du?

„Wieder rechts?“

Ist das für dich in Ordnung?

„Ja, denn ich habe entdeckt, dass ich immer dahin gehen will, wo die Sonne am besten scheint.“

Hey, das ist ein tolles System. Das hilft dir bei den Entscheidungen.

„Und jetzt nach links.“

„Hallo Kumpel“, sagten zwei Fliegen, Paul und Karl, die am Weg saßen und sich von der Sonne bescheinen ließen. „Wo geht’s denn lang?“

„Ich will zum obersten Blatt.“

„Cool, dann musst du den linken Ast nehmen“, sagte Paul.

„Danke.“

„Nein, hör nicht auf ihn“, sagte Karl. „Er will dich nur anschwindeln. Du musst den rechten Ast nehmen.“

„Also gut, Danke“, sagte Pünktchen.

„Hee“, lachte Paul. „Was ist mir dir los? Du kannst den kleinen Käfer nicht einfach den falschen Ast hoch schicken. Glaub mir, Kleines. Der Linke ist der Richtige.“

„Quatsch“, sagte Karl. „Hör nicht auf ihn, der ist voll crazy. Rechts ist richtig.“

Paul und Karl stritten weiter.

„Hört mal, ihr beiden. Ich glaube, ich muss mir den Weg selber suchen“, sagte Pünktchen und nahm einfach den linken Ast.

Das hast du gut gemacht, Pünktchen. Folge immer deinem eigenen Gefühl. Du kannst dir selbst am besten vertrauen.

„Ist es noch weit?“

Nein, ich glaube, du hast jetzt schon mehr als die Hälfte.

„Prima, bald bin ich oben.“

Plötzlich entdeckte Pünktchen einen anderen Marienkäfer. Es war ein Marienkäfermädchen und es hatte zwei Punkte auf dem Rücken.

„Hallo“, rief Pünktchen. „Ich heiße Pünktchen. Du hast aber schöne Punkte auf dem Rücken.“

„Ja, ich heiße Doppelpünktchen. Zusammen haben wir drei Punkte.“

„Darf ich mit dir mitkommen?“

„Tust du denn schimpfen und jammern?“, fragte Doppelpünktchen.

„Nein“, sagte Pünktchen.

„Dann darfst du mitkommen.“

„Willst du auch nach oben?“

„Nicht direkt“, sagte Doppelpünktchen „Ich suche mir einen schönen Sonnenplatz.“

„Oben scheint aber auch die Sonne.“

„Vielleicht sind da so viele Leute.“

„Oh, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Wollen wir zusammen einen schönen Platz suchen gehen?“

„Na klar, komm, wir gehen dorthin.“

„Na gut.“

Pünktchen und Doppelpünktchen gingen gemeinsam. Bei jedem Abzweig entschieden beide, wie sie gehen wollten. Sie waren sich dabei immer einig und fanden es schön, dass sie zusammen waren. Mal ging sie vor, dann er, und jede Entscheidung des einen, fand Zustimmung beim anderen.

„Sag mal, läuft der uns nach?“ fragte Doppelpünktchen.

„Wer?“

„Na, der Erzähler.“

„Ja, aber das ist OK. Das ist der alte Herr Dachs. Er erzählt die Geschichte.“

Hallo Doppelpünktchen.

„Hallo, alter Herr Dachs. Schimpfst du und jammerst du?“

Nein, ich glaube nicht.

„OK, dann kannst du weiter erzählen.“

Danke.

„Ich finde es schön, dass wir zusammen sind“, sagte Pünktchen.

„Ich auch“, sagte Doppelpünktchen. „Ich glaube, wenn wir unser Blatt gefunden haben, dann sind wir richtig fröhlich.“

Und so war es auch. Die Zweige wurden immer dünner, immer kleiner. Schon längst haben sie sich nicht mehr daran orientiert, ob sie zum obersten Blatt kommen oder nicht. Wichtig war für sie immer, welcher Weg von der Sonne am schönsten beschienen wurde.

Plötzlich gabelte sich das letzte Zweiglein und rechts war ein Blatt und links war ein Blatt.

„Welchen sollen wir nehmen?“ fragte Doppelpünktchen.

„Entscheide du“, sagte Pünktchen.

Da nahm Doppelpünktchen das rechte Blatt, weil hier die Sonne besser schien.

„Ohhh, ist das ein schönes Blatt“, rief Pünktchen. „Es ist nicht das oberste, aber das ist völlig egal. Es ist das allerschönste.“

„Für uns ist es das Schönste.“

Ja, ihr könnt nie sagen, wie und wo ihr im Leben landet, oder mit wem ihr das Leben verbringen werdet. Wichtig ist, dass eure Entscheidungen für euch immer richtig und gut waren, und ihr sie mit einem guten Gefühl genommen habt. Wenn sie im Augenblick der Entscheidung für euch richtig waren, dann braucht ihr das später nie zu bereuen. Ihr habt euch dieses Blatt ausgesucht, und jetzt könnt ihr winken.

„Hallooo!, Winke, Winke!“ Pünktchen und Doppelpünktchen lachten und freuten sich.

Winke, winke, ihr drei Pünktchen!

„Hörst du jetzt auf, die Geschichte zu erzählen, alter Herr Dachs?“

Ja, ich glaube sie ist schon fertig, oder nicht?

„Nein, sie ist noch lange nicht fertig.“

Soll ich sie noch weiter erzählen?

„Ja, wie wir verliebt sind und schmusen und ganz viele Kinder bekommen.“

So, so. Ich glaube, das erzähle ich ein anderes Mal. OK? Dann erzähle ich jetzt lieber eine andere Geschichte. Aber welche? Ich kann mich einfach nicht entscheiden…