Ritter Kunibert und das Zollhäuschen

„Menschen urteilen über die Fehler der anderen“, sagte Herr Dachs, „und finden Ausreden für die eigenen Fehler. Oft bist du streng zum anderen und gnädig zu dir selber. Wenn du aber deine eigenen Fehler anschaust, dann urteilst du gnädig über die Fehler der anderen.“

Hoch droben von den Zinnen seines Turms blickte Ritter Kunibert hinunter in das weite Tal. Ein Habicht kreiste still über den Wiesen, und am Horizont verdichteten sich die Wolken zu einem kleinen Nachmittagsgewitter. Die Burg des Ritters hatte eine fantastische Lage. Man konnte nach allen Seiten hin das Tal überblicken. Warm strich der Wind die Burgmauern empor und brachte den warmen Duft von Blumen und Heu mit sich.

„Ich glaube, heute wird noch ein großer Tag“, murmelte Kunibert vor sich hin und freute sich.

Plötzlich blickte er zur Wegbiegung am Horizont und brach in einen großen Jubelschrei aus.

„Knappe!“, rief er lautstark. „Wo bleibt mein Harnisch? Zack, Zack!“

„Sehr wohl, sehr wohl, Euer Gnaden“, tönte es schwach von unten aus dem Innenhof der Burg.

Moritz, der Knappe, hastete eilig hin und her, stellte den Ritterhelm und den Brustpanzer auf die Treppe.

„Verflixt“, rief er leise. „Kettenhemd vergessen…“ Schnell rannte er in das Gebäude, um nach dem Kettenhemd zu suchen.

„Knappe!“, schallte es von oben.

„Ja, ja, Euer Gnaden“, keuchte Moritz unter der Last. „Ich bin so weit, Ihr könnt kommen.“

„Das nächste Mal ein bisschen flotter, ja? Wenn ich bitten darf.“

„Ja, Euer Gnaden.“

Ritter Kunibert ließ sich von Moritz ankleiden. Auch ein Raubritter hat schließlich Stil und macht nicht alles selber.

„Da ist ein Fleck!“, monierte er.

Moritz eilte mit einem Schleifpapier herbei und entfernte den Fleck auf der Rüstung. Einen Tropfen Öl, ein bisschen blank poliert, und alles glänzte wieder wie neu.

Hektor, der alte Klappergaul schwankte, als sich Kunibert von den Stufen des Pferdepodestes in den Sattel schwang. Schließlich war Hektor nicht mehr der Jüngste, und Kunibert hatte ein ganz schönes Gewicht mit seinem Bauch und mit seiner Rüstung.

„Tor auf!“, brüllte er und galoppierte los.

Sein Weg führte ihn hinunter in das Tal, wo er an der engsten Stelle einen Schlagbaum aufgestellt hatte, mit einem kleinen Zollhäuschen.

Es war ein sehr guter Platz. Links und rechts vom kleinen, schmalen Waldweg türmten sich steile Felsen. Wer hier hindurch wollte, musste genau an dieser Stelle vorbeikommen.

Kuniberts Vorfahren hatten früher den Passanten aufgelauert und sie ausgeraubt. Doch Kunibert hatte jetzt sein Zollhäuschen. Dies erfüllte den gleichen Zweck.

Hektor durfte Pause machen und weidete gemütlich in den paar Gräsern am Wegrand.

Es dauerte eine Weile, bis Ritter Kunibert das Trampeln von zahlreichen Hufen hörte, Geräusche von vielen Männerstimmen und von vielen Kutschen.

Er stellte sich vor das Zollhäuschen, senkte den Schlagbaum, rückte die rote Feder auf seinem Helm zurecht, hob seine rechte Hand und rief:

„Haaaalt!“

Die ersten Reiter erreichten Kunibert und hielten erstaunt an.

„Hallo, Ritter, was ist los, warum haltet Ihr uns auf?“, fragte einer der Reiter. Es waren Soldaten, schwer bewaffnet, in glänzenden Rüstungen, mit jungen, starken Pferden.

„Hier kommt keiner durch“, antwortete Kunibert mit lauter und feierlicher Stimme, „der nicht seinen Wegzoll entrichtet hat.“

„Wegzoll?“ Die Reiter schauten sich an. In der Zwischenzeit waren weitere Reiter des Trosses angekommen, und die Reiter stauten sich auf dem schmalen Waldweg.

„Was ist los da vorne?“, schimpften die Nachzügler, die nicht wussten, was da vorne los war.

„Macht Platz, Ritter, sonst überrollen wir Euch“, sprach der erste Reiter.

„Das geht nicht“, rief Ritter Kunibert und klappte sein Visier hoch, damit man ihn besser verstehen konnte. „Dies ist eine Zollstation. Wer ist euer Anführer?“

Die Männer lachten „Anführer? Mein Herr, dies ist das Heer des Königs. Ihr wagt es, die Soldaten des Königs aufzuhalten? Wisst Ihr, was das für Euch bedeutet?“

„Ich will ihn sprechen, den König“, sprach Kunibert.

Die Soldaten lachten laut.

„Was hat er gesagt?“, rief es aus den hinteren Reihen.

„Er will den König sprechen“, lachte der Vorderste.

„Er will den König sprechen“, wiederholten die hinteren.

„Er will den König sprechen“, riefen die nächsten und die übernächsten.

Der erste Soldat blickte seine Kameraden an, senkte seinen Speer, nickte und wollte gerade das Zeichen zur Weiterfahrt geben, als es aus den hinteren Reihen wieder nach vorn schallte:

„Macht Platz für den König!“ Eine Unruhe entstand in den hinteren Reihen. Eine Pferdekutsche bahnte sich den Weg frei nach vorn.

„Oh Mann!“, sagte der erste Soldat zu Kunibert. „Ihr wisst nicht, was Ihr Euch hier eingehandelt habt….“

„Wer will mich sprechen?“, tönte es leise aus der geschlossenen Kabine.

Ein König muss nicht laut rufen. Er darf immer leise sprechen. Wer ihn hören will, der muss sich näher zu ihm bewegen. Doch Kunibert rührte sich nicht vom Fleck.

„Seid Ihr der Anführer?“, fragte Kunibert.

„Was will Er?“, kam es leise zurück.

In der Stimme des Königs klang eine leichte Melodie, als würde er seine Texte vor sich hin singen. Er hatte eine sehr hohe und schwache Stimme. Und Ritter Kuniberts Stimme war dagegen kernig und durchdringend laut.

„Dies ist das Hoheitsgebiet der Grafschaft zu Kunibert von Kunibert des Siebenundzwanzigsten“, sagte der Ritter feierlich sein Zollhäuschen-Spruch auf. „Wer hier passieren will, muss einen Wegzoll entrichten.“

„Warum?“

„Damit ich die Kosten für mein Zollhäuschen wieder hereinbekomme.“

„Wie viel?“, sang der König mit seiner dünnen Stimme.

„Wie viele Soldaten hast du?“

„Zwanzigtausend.“

„Das macht zwanzigtausend und ein Gulden.“

„… und ein Gulden?“

„Ja, Euch mit eingerechnet.“

Jetzt wurde der König neugierig und steckte seinen Kopf aus dem Fenster, nur ein bisschen, damit er den Ritter mit einem Auge anschauen konnte.

„Er stiehlt mir die Zeit“, sagte der König, und seine Stimme war kein bisschen lauter als vorher.

„Er stiehlt die Zeit des Königs“, riefen einige Soldaten.

„Tötet ihn“, riefen die anderen.

„Zeit lässt sich nicht stehlen, mein Herr“, korrigierte Kunibert. „Aber Zeit lässt sich schenken.“

Jetzt schaute der König Kunibert mit beiden Augen an. Sein Kopf war kugelrund, und seine Augen schauten gelangweilt drein. Ein König bekommt alles, was er will. Und wenn er alles hat, dann langweilt er sich.

„Höre Er“, sagte er, und es war so, als würde er seine Rede mit einer kleinen Melodie singen. „Alles, was Er sieht, gehört mir. Sein Land, Sein Helm, Sein Zollhäuschen und Seine Zeit. Ich bin der König. Wenn jemand Zeit verschenkt, dann bin ich es. Und wenn jemand durch Sein Land reisen will, ohne Wegzoll zu entrichten, dann bin ich es.“

„Mein Herr“, hakte Kunibert nach.

Die Augen des Königs weiteten sich etwas. Noch nie hatte jemand es zuvor gewagt, ihn mit ‚mein Herr‘ anzureden. Das Mindeste für einen König ist ‚Eure Hoheit‘ oder ‚Eure Majestät‘. Manchmal sind auch Mischformen erlaubt, wie ‚Eure majestätische Hoheit‘ oder ‚Eure durchlauchteste, allergnädigste, hoheitlichste Majestät‘. Nur die Königin Mutter durfte ‚Seppi‘ sagen.

„Mein Herr“, sagte also Ritter Kunibert. „Wenn Ihr der König seid, dann bin ich möglicherweise bereit, Euch den Gulden für den Wegzoll zu erlassen.“

„Und die restlichen zwanzigtausend?“, fragte der König etwas belustigt.

„Wie heißt Ihr?“, fragte Ritter Kunibert den ersten Soldaten.

„Äh, Waldemar.“

„Und Ihr?“, fragte er den nächsten.

„Hartmuth“, antwortete der Zweite.

„Gehört Euch mein Land?“

„Äh, nein.“

„Und den anderen Soldaten hier?“

„Äh, nein, auch nicht.“

„Also, Herr König, das macht einen Gulden für jeden. Insgesamt zwanzigtausend Gulden.“ Kunibert streckte seine Hand aus.

Der König merkte, dass die Soldaten nicht pfiffig genug waren, um Kunibert zu antworten. Jetzt öffnete er die Türe seiner Kutsche und stieg aus. Seine roten Samtschuhe wurden im Schlamm etwas schmutzig, und das lange Gewand mit dem Nerzsaum schleifte hinterher. Zwei Diener sprangen schnell von der Kutsche und eilten herbei, um den Mantel des Königs anzuheben.

Der König war nicht böse. Zorn war nicht in seinem Lebensprogramm vorgesehen. Wenn er mit dem kleinen Finger zuckte, dann wurden ganze Heerscharen von Soldaten von Schweden nach Italien verschickt und wieder zurück. Mit seinem kleinen Finger konnte er auch veranlassen, dass alle Insassen des Staatsgefängnisses hingerichtet oder entlassen wurden. Eigentlich stieg der König auch nicht aus, um mit Kunibert zu sprechen, sondern die Pause gestattete es ihm, sich die Beine etwas zu vertreten. Die Reise war schon lange genug gewesen. Er war Kunibert eher für die kurze Abwechslung dankbar, die er ihm bot. Sie durfte aber nicht allzu lange dauern. Alle Soldaten achteten auf den kleinen Finger des Königs.

„Höre Er“, sang der König. „Ich bin mit meinen Soldaten auf dem Weg, um die feindlichen Bajuwaren abzuwehren. Je früher ich ankomme, um so eher kann ich sie von den Grenzen zurückdrängen und vertreiben. Also mache Er den Weg frei, um das Land zu retten.“

„Aha“, rief Kunibert trotzig. „Die Bajuwaren scheinen Eure Grenzen nicht zu respektieren.“

„Richtig“, antwortete der König. „Sie stehen direkt davor. Wir müssen sie zurücktreiben.“

Dies hörte sich sehr tapfer an. Ein König, der sich selbst um die Eindringlinge seines Landes kümmerte und sie mit seinen Soldaten eigenhändig zurücktrieb. Respekt! Doch es war Sommer, das Land regierte sich quasi von selbst, und dem König war es langweilig zumute. Selbst in den Krieg zu ziehen, steigerte seine Beliebtheit. Aber angesichts dieser ungemütlichen Reise und seines plattgesessenen Hinterteils wäre der König am liebsten vor drei Tagen schon umgekehrt und hätte das Kriegführen den anderen überlassen. Der König war es aber seinen Soldaten schuldig, Führungsqualitäten zu beweisen. Das hatte jedenfalls die Königin Mutter gesagt. Nun konnte er seine Reise nicht einfach abblasen, auch wenn er es gerne wollte.

„Wie würdet Ihr die Bajuwaren beschreiben?“, fragte Kunibert.

Der König schaute etwas unsicher, als hätte er die Frage nicht richtig verstanden. „Äh, barbarisch“, antwortete er.

„Respektlos?“, fragte Kunibert.

„Ja, respektlose Barbaren“, nickte der König eifrig. „Unverschämte, respektlose, ehrlose, gemeine, wilde Barbaren.“

„Stinkende Fieslinge?“

„Ja!“ Der König hatte Spaß an den schimpfenden Wortspielen. „Stinkende, üble, ruchlose, fiese, rohe Dummlinge. Hähähä.“

„Warum?“, fragte Kunibert.

„Warum?“ Der König verstand die Frage wieder nicht. Kuniberts Fragen schienen ihm irgendwie unpassend. „Warum? Na, weil sie in mein Land eindringen wollen.“

„Aha!“, rief Kunibert mit kerniger Stimme. „Herr König, dann seid Ihr und Eure Soldaten also ebenfalls ehrlose, respektlose, ruchlose, gemeine, fiese Dummlinge?“

Kunibert blickte den König mit scharfem Auge an. Der König war erschreckt und wollte seinen kleinen Finger anheben. Doch wieder verstand er nicht richtig.

„Sollen wir ihn töten, Eure Majestät?“, fragte der erste Soldat. Er schaute sehr, sehr finster drein.

„Äh, warum?“, fragte der König Kunibert, ohne dem Soldaten zu antworten.

„Weil Ihr auch in mein Land eindringen wollt. Ihr seid Eindringlinge, genau wie die Bajuwaren, da gibt es keinen Unterschied.“

„Aber, ich bin doch der König.“

„Respektiert Ihr meine Grenzen?“, fragte Kunibert. „Nein. Warum erwartet Ihr dann Respekt von den Bajuwaren?“

Der König schaute sich ratlos nach seinen Mannen um. Er überlegte sich, was er tun sollte, um seinen Männern gegenüber Führungsqualität zu beweisen. Sie warteten jetzt auf eine kluge Lösung, und er konnte sich ganz sicher sein, dass das, was er jetzt entschied, bald im ganzen Land bekannt sein würde.

„Sollen wir ihn töten, Eure Majestät?“, fragte der erste Soldat wieder. Er richtete seinen Speer gegen Ritter Kunibert und wartete auf ein Zeichen des Königs. Doch dieser winkte ab.

„Nein, nein“, sang dieser leise. Das Töten eines Ritters würde sich zu Hause nicht gut verkaufen. Er musterte Kunibert von oben bis unten. „Weil dies mein Land ist. Alles ist mein Land, und ich darf hier durch, mit wem ich will.“

„Das sagen die Bajuwaren auch“, antwortete Kunibert. „Doch wenn Ihr Respekt von anderen verlangt, warum habt Ihr selbst keinen Respekt? Wenn Ihr die Grenzen anderer nicht achtet, warum verlangt Ihr es von ihnen?“

„Er hat einen großen Mut, sich gegen mich und zwanzigtausend Soldaten zu stellen“, sang der König. Der Speer des Soldaten berührte bereits Kuniberts Nase. Der Soldat wartete auf sein Zeichen.

„Die Wertschätzung fängt bei Euch selber an, mein König“, sagte Kunibert und blieb standhaft.

„Was meint er damit?“, fragte der König.

„Wer Ehre und Respekt besitzt, der kann auch den anderen respektieren, und vor allem sich selbst. Respekt fängt bei Euch selber an.“

„Respekt fängt bei mir selber an“, wiederholte der König und überlegte. „Das mit dem Respekt hat Er sehr gut gesagt“, nickte er. „Könnte er mir den Gefallen tun, und mit uns mitkommen und das dem bajuwarischen Anführer auch sagen?“

„Sehr gerne, mein König“, antwortete Kunibert. „Doch zuvor bezahlt Euren Wegzoll.“

„Schatzmeister!“, sang der König leise. „Man bringe mir die Reiseschatulle.“

Der Schatzmeister und zwei Diener eilten mit einer Schatztruhe herbei.

„Schatzmeister, bezahle Er den Wegzoll.“

„Sehr wohl, Eure Majestät“, rief der Schatzmeister eifrig. „Wie viel?“

„Zwanzigtausend und ein Gulden.“

Nachbemerkung:

Es ist noch anzumerken, dass in keinem Geschichtsbuch erwähnt wird, dass die Bajuwaren die Grenzen des Königreichs überschritten haben. Wir dürfen davon ausgehen, dass Ritter Kunibert den Gefallen des Königs erfüllte und mit ihrem Anführer sprechen konnte.