Trampas und Hiker

„Manchmal sind Veränderungen notwendig, um einen Stillstand im Leben zu erkennen“, sagte der alte Herr Dachs. „Dann ist es wichtig, ein neues Leben zu beginnen. Nur so kann man einen klaren Kopf zu bekommen.“

„Komm, spring auf!“, rief Trampas. „Gib mir Deine Pfote!“

Hiker rannte, so schnell er konnte, aber der Zug wurde immer schneller.

„Ich schaff es nicht“, keuchte er.

Trampas griff schnell nach einem alten Besen, der in der Ecke stand und reichte Hiker den langen Stiel hin. Dieser ergriff den Stiel und ließ sich von Trampas zu ihm hinziehen. Mit letzter Kraft erreichte er seine ausgestreckte Pfote und lag kurz darauf auf dem Boden des alten Güterwaggons. Er hechelte so schnell, dass er mit dem Ein- und Ausatmen durcheinander kam.

Trampas lag gemütlich im Stroh, schaute zu, wie sich Hiker langsam erholte und kaute einen alten Knochen. Mit ruhigen Augen blickte er zu seinem neuen Reisegefährten. Er war nicht sehr groß und in seinen Genen lag eine Mischung aus mindestens einem Dutzend Hunderassen. Die Lokomotive des Zugs pfiff einen langen Ton.

„Danke“, keuchte Hiker und hob mühsam die Pfote. „Danke.“

„Keine Ursache“, lächelte Trampas. „Ich heiße Trampas. Wo kommst du denn her?“

„Von Zuhause“, Hiker hustete, und Trampas fragte nicht näher nach.

„Und ich heiße Hiker“, ergänzte der Neuankömmling.

Seine Vorfahren waren reinrassig und edel, gezüchtet, um Schafe zu hüten. Als er sich erholt hatte, schaute er aus dem Waggon in die strahlende Mondnacht. Sein langes Fell flatterte im Fahrtwind. „Wohin fährt dieser Zug?“, fragte er.

„Keine Ahnung“, antwortete Trampas kurz. „An einen anderen Ort.“

„Bist du auch von Zuhause weggelaufen?“, fragte Hiker.

„Nein.“

„Ich schon. Jetzt bin ich weg. Die werden Augen machen…“

„Ach, das ist alles nicht so wichtig“, überlegte Trampas.

„Bist du schon lange unterwegs“, fragte Hiker.

„Ja“, antwortete Trampas. „Seit ich ein kleiner Welpe bin.“

„Und willst du nicht manchmal ein Zuhause haben?“

„So, wie ich jetzt lebe, ist es das Beste für mich“, überlegte Trampas. „Manchmal wünsche ich mir ein Zuhause. Eines Tages vielleicht.“

„Die werden mich sicher die ganze Nacht über suchen“, sagte Hiker.

„Hast du dir nicht den Schritt zum Weglaufen genau überlegt?“

„Ja.“

„Also, dann grübel nicht deiner Entscheidung nach. Es war deine beste Entscheidung.“

„Ich habe diese Entscheidung schon lange getroffen.“, erzählte Hiker.

Trampas stellte seine Ohren auf: „Wir dürfen niemals vergessen, wer wir sind.“

„Wie meinst du das?“

„Vielleicht erzählst du mir eines Tages, warum du weggelaufen bist“, antwortete Trampas. „Ganz egal, was du erlebst: Du darfst nie vergessen, wer du bist.“

Hiker freute sich, dass Trampas so viel wusste. Er legte sich zu ihm ins Stroh. Wenn man einen neuen Freund hat, dann ist das Leben gleich viel schöner.

„Ja“, sagte er. „Wir dürfen nie vergessen, wer wir sind.“

„Morgen früh, wenn der Zug hält, steigen wir aus“, sagte Trampas.

Am nächsten Morgen hielt der Zug an einem kleinen Bahnhof. Trampas und Hiker sprangen aus dem Güterwaggon und kehrten der Stadt den Rücken.

Nach einer kleinen Weile erreichten Sie eine Pferdekoppel. Am Gatter stand ein Pferd. Es sah frisch und stark aus, aber sein Gesichtsausdruck war leidvoll und traurig. Es kaute an einem Grasbüschel.

„Oh, jemine minemine“, jammerte das Pferd und hörte auf, am Grasbüschel zu kauen.

„Nanu“, sagte Hiker: „Du siehst aber traurig aus.“

„Oje, oje! Es geht mir gar so schlecht“, jammerte das Pferd weiter. „Ich bin ein Armseliger, ein Bedauernswürdiger. Die Welt soll mich bedauern.“

„Wir heißen Hiker und Trampas. Wie heißt du denn?“ fragte Hiker.

„Ich heiße Don Caballo“, antwortete das Pferd wichtig und schaute theatralisch drein.

„Wieso geht es dir so schlecht?“ wollte Hiker wissen.

„Oje, ich bin so arm dran“, klagte Don Caballo. „Keiner liebt mich, ich weiß nicht, was ich tun soll auf dieser Welt. Es ist mir langweilig zumute, die Sonne sticht mir auf das Haupt und ich bin hier in erniedrigender Weise eingesperrt.“

„Deshalb jammerst du?“ Hiker und Trampas hatten mehr erwartet.

„Oh, ja“, seufzte Don Caballo empört. „Ihr seid schließlich frei, aber ich bin ein Gefangener.“

„Das Gattertor da drüben steht aber offen“, sagte Trampas. „Du kannst jederzeit hinaus gehen.“

„Ich hinausgehen?“ Caballo war entsetzt. „Bin ich verrückt? Wer bringt mir dann mein Essen?“

„Aber du wolltest doch frei sein.“

„Ja, das schon“, sagte Caballo. „Aber ohne Essen gehe ich keinen Schritt hinaus.“

„Also bist du freiwillig gefangen und jammerst darüber?“

„Nein, so ist das wahrhaftig mitnichten“, antwortete Don Caballo. „Ich wäre gern frei, wie ihr, meine tapferen Wilden, aber mein Essen kommt immer pünktlich um zwölf.“

„Ja, und?“

„Vorher kann ich nicht weggehen, und danach ist es zu spät.“

„Und wenn du dein Essen weglässt und einfach vorher gehst?“

„Dann bin ich frei, jawohl, aber dann habe ich Hunger. Soll ich hungrig frei sein?“

„Willst du satt jammern?“ Hiker und Trampas schauten sich grinsend an.

„Nein, ach je, ich Armer. Alles ist so kompliziert“, klagte Don Caballo.

„Komm einfach mit, dann gehen wir gemeinsam“, lächelte ihm Trampas aufmunternd zu.

„Es ist aber gerade Fünf vor Zwölf. Wollen wir nicht bis nach Zwölf warten?“

„Na, komm einfach!“

Don Caballo kam zögernd aus dem offenen Gattertor heraus und blickte sich um.

„Adios, liebe Gefangenschaft“, rief er aus. „Lebe wohl, du geliebter Kerker der Geborgenheit! Nun verlasse ich dich auf Nimmer-Wiedersehen.“

Seine Stimme wurde etwas weinerlich.

„So lange war ich in diesen Grenzen festgehalten, so lange hatte ich mir selbst die Grenzen gesetzt und bin nicht weiter ausgebrochen. Doch nun ist das Gatter mir zu eng und nun erweitere ich meinen Horizont. Jawohl! Ich gehe.“

Don Caballo lauschte, ob ihn jemand rief. Doch niemand hielt ihn auf.

„Ja, nun ist es also soweit“, seufzte er. „Lebt wohl, ihr engen Gedanken, ihr kleinen Gemüter. Ich tue nun das, wofür ich schon immer bestimmt war. Großes werde ich erfahren, die Welt kennen lernen. Meinen Geist werde ich erweitern und mein Dasein befreien. Ihr haltet mich nimmer auf.“

Plötzlich kam Don Caballos Bauer mit einem Schubkarren an, um ihm eine Portion leckerer Möhren vorbei zu bringen. Das wars. Don Caballo drehte sich auf dem Huf um und kehrte wieder in seine geliebte Geborgenheit zurück.

„Wollt ihr auch Möhren?“ fragte er mit vollem Maul. Die beiden Hunde nickten und freuten sich.

„Rohkost ist nichts für Hunde“, sagte Trampas. „Aber es stillt auch den Hunger.“

Bald wanderten Hiker und Trampas alleine weiter.

An einem kleinen Fluss machten sie Rast und tranken Wasser.

„Ohhh, was bin ich schön“, sagte eine Stimme aus der Nähe. „Wie wunderwunderwunderschön bin doch ich.“

Hiker und Trampas blickten sich um. Ein Schwan schwamm auf dem Wasser und blickte entzückt sein Spiegelbild an.

@„Mann-o-Mann!“ rief der Schwan voller Entzücken. „Unglaublich! So umwerfend schön.“

Der Schwan erblickte die beiden Wanderer.

„Ach, zum Glück bin ich nicht so hässlich, wie ihr beiden da.“

„Hallo Schwan“, rief Trampas. „Du bist aber schön!“

„Ich weiß“, antwortete der Schönling. „Aber ihr seid ziemlich hässlich.“

„Wir heißen Hiker und Trampas“, rief Hiker. „Wie heißt du denn?“

„Mein Name ist Cisne“, antwortete der Schwan. „Normalerweise rede ich ja nicht mit hässlichen Leuten. Das ist unter meiner Würde. Aber bei euch will ich mal eine Ausnahme machen.“

„Du bist bestimmt berühmt“, rief Hiker. „Wer so schön ist, muss sehr berühmt sein.“

„Natürlich bin ich berühmt“, antwortete Cisne. „Letzte Woche wollten Filmleute für ein Interview vorbeikommen. Sie kommen bestimmt noch. Heute oder morgen.“

„Ein Interview?“ freute sich Hiker. „Toll, was wolltest du ihnen denn sagen?“

„Natürlich, wie schön ich bin, was denn sonst?“

„Ja, und weiter?“

„Äh, und weiter?“

„Na klar!“ rief Hiker. „Einen Spruch. Irgendetwas, was die Leute interessiert.“

„Na, aber, meine Schönheit ist doch das, was die Leute interessiert. Die ganze Welt interessiert sich für meine Schönheit. Es ist das Thema Nummer 1. Überall lauern Paparazzis, um mich heimlich zu fotografieren.“

„Wir dürfen nicht vergessen, wer wir sind“, rief Trampas. „Das ist unser Spruch.“

„Ach, ich glaube, mein Spruch heißt: Oh Wahnsinn, was bin ich schön.“

„OK, das ist auch ein guter Spruch“, nickte Hiker. „Wenn das für dich wichtig ist, dann ist es für dich der beste Spruch der Welt.“

„Wir wollen dann weiter“, sagte Trampas. „Mach`s gut, ja?“

„Ja, macht`s gut“, rief Cisne. „Ich habe sowieso viel zu viel Zeit mit euch Hässlichen verbracht. Das macht meine Federn tranig.“

Hiker und Trampas grinsten und wollten gehen.

„Halt, wartet mal“, rief Cisne. „Was meint ihr denn mit dem Spruch: Wir dürfen nicht vergessen, wer wir sind?“

Die beiden Wanderer hielten an.

„Wir hatten uns beide dafür entschieden, dass wir unser altes Leben verändern wollten“, antwortete Trampas. „Doch als wir sahen, dass es keine echte Veränderung war, haben wir uns daran erinnert, wer wir waren.“

„… Und dann haben wir das alte Leben verlassen“, ergänzte Hiker.

„Und wer seid Ihr?“ fragte Cisne.

„Ich bin ich“, antwortete Trampas. „Das ist eine wichtige Erkenntnis.“

„Ich bin ich? Was soll das denn heißen?“

„Alles, was außen ist, ist weg von mir“, antwortete Trampas.

„Hä? Das versteht ja kein Mensch“, rief Hiker. „Ich verstehe das ganz anders. Pass mal auf: Ich bin ich. Wenn ich mich um Dinge kümmere, die außerhalb von mir sind, dann bin ich nach außen hin gelagert und nicht mehr bei mir selbst.“

„Das ist aber kompliziert“, rief Trampas aus. „Das kann man auch einfacher ausdrücken. Wie gefällt dir das? Ich bin ich. Ich bin ganz bei mir. Äußere Dinge führen dazu, dass ich nicht bei mir bin, sondern außerhalb von mir. “

„Das nennst du einfach?“ lachte Hiker. Er tat so, als wollte er einen Streit mit Trampas anfangen.

@„Bleibe einfach bei dir selbst“, antwortete Trampas.“ Wenn du bei dir selbst bist, dann lässt du dich nicht so leicht von äußeren Dingen beeinflussen.“

„Äußere Dinge?“ fragte Cisne.

„Ja“, antwortete Trampas. „Nehmen wir Cisne als Beispiel. Du bist wunderschön.“

„Na klar“, sagte Hiker. „Du bist wirklich wunderschön. Aber du bist unglaublich ausgelagert.“

„Ja, stimmt. Völlig außerhalb von dir selbst. Du kannst gar nicht richtig zu dir kommen. Schade.“

„Ja. Du lebt ja nicht mal dein eigenes Leben. Deine Schönheit ist dein eigenes Hindernis zu dir selbst. Völlig neben der Kappe.“

„Ich bin nicht außerhalb von mir selbst“, protestierte Cisne.

„Nein, nicht deine Schönheit“, korrigierte Trampas. „Dass du dich dabei so wichtig nimmst, das hindert dich, bei dir selbst zu sein.“

„Ja, du Armer.“

„Du Armer“, seufzte Trampas. Beide zwinkerten sich heimlich zu.

„Ach, jetzt weiß ich, warum ich nicht mit hässlichen Leuten spreche. Ihr seid nur neidisch, dass ich so schön bin. Ich habe nur meine Zeit mit euch verschwendet.“

„Hallo, zusammen“, tönte es von hinten. „Wir sind das Fernsehteam. Wer von euch ist Cisne?“

„Natürlich bin ich das“, entrüstete sich Cisne.

„OK, wir kommen, um dich zu interviewen. Kannst du mal näher ran kommen?“

Die Moderatorin Karin Kraushaar, zwei Kameramänner, ein Beleuchter und eine Maskenbildnerin traten an das Ufer, um Cisne zu filmen.

„Gut, dass ihr kommt“, sagte Cisne. „Ich habe nämlich einen total Super- Spruch gelernt: Vergiss nicht, wer du bist.“

„Der ist gut“, sagte Karin Kraushaar. „Was bedeutet das?“

„Ja also“, sagte Cisne. „Wenn du auf dein Äußeres achtest, dann bist du ganz bei dir selbst.“

„Wow, toll!“ freute sich Karin Kraushaar. „Und welches Geheimnis hast du für dein sagenhaftes Äußeres?“

Trampas und Hiker schauten sich an und schlichen sich heimlich davon.

„Halt!“ tönte es aus dem Gebüsch. „Keinen Schritt weiter!“

Die beiden Wanderer hielten an. Aus dem Gebüsch kam ein Wildschwein. Es hatte nur einen Zahn, und man konnte es schlecht verstehen, weil es nur durch die Nase redete.

„Was habt ihr hier zu suchen?“ schimpfte es. „Das ist mein Revier.“

„Oh, entschuldige“, sagte Hiker. „Wir möchten eigentlich nur geradeaus weitergehen.“

„Ich will nicht, dass jemand durch mein Revier geradeaus weitergeht“, schimpfte das Wildschwein weiter. „Das ist mein Revier.“

„Wir heißen Hiker und Trampas“, rief Hiker. „Wie heißt du denn?“

„Ich heiße Willi“, antwortete das Wildschwein. „Ihr befindet euch in meinem Revier.“

„Wie kommen wir denn auf die andere Seite?“ fragte Trampas.

„Das geht nicht.“

„Dürfen wir nicht einfach nur durchgehen? Wir fassen auch ganz bestimmt nichts an.“

„Nein. Ich will nicht, dass jemand durch mein Revier geht“, brummte das Wildschwein.

Hiker und Trampas überlegten, ob sie nicht einfach einen anderen Weg nehmen sollten.

„Wir haben ja sowieso kein Ziel“, sagte Hiker. „Lass uns dann einfach einen anderen Weg nehmen.“

„Zurück könnt ihr auch nicht“, brummte Willi.

„Warum nicht zurück?“ Trampas wollte keinen Streit und lächelte freundlich.

„Weil ihr bereits in meinem Revier seid. Wenn ihr zurück geht, geht ihr wieder durch mein Revier. Das will ich nicht.“

„Und was machen wir jetzt?“

„Ihr bleibt stehen.“

Hiker und Trampas schauten sich fragend an.

„Ich mache jetzt eine kleine Pause“, brummte das Schwein. „Und in der Zwischenzeit rührt ihr euch nicht vom Fleck.“

„Darf ich dich etwas fragen?“ sagte Hiker.

„Ja, aber mach`s kurz“, antwortete Willi.

„Der Apfel“, fragte Hiker. „Fällt der Apfel nicht doch vom Baum?“

„Hä?“ Willi verstand nicht, was Hiker wollte.

„Was ist denn das für eine Frage“, wollte Trampas wissen.

„Ich meine, der Apfel“, begann Hiker. „Wenn ein Apfel am Baum hängt, so kurz vor dem Herunterfallen – und dann kommt Willi daher: ‚Ich will nicht, dass du herunterfällst‘. Was passiert dann?“

„Du bist kein Apfel“, brummte Willi, der schon kapierte, was Hiker sagen wollte.

„Ich verstehe kein Wort“, sagte Trampas. „Was hat der Apfel mit Willi zu tun?“

„Na, ich meine den Willen: Willi will nicht, dass der Apfel fällt. Er sagt: ’Das ist mein Revier. Niemand fällt auf mein Revier.‘ Und was passiert, wenn der Apfel doch fällt? Willi steht da und will nicht.“

„Du meinst, wenn Willi wollte, dass der Apfel nicht fiele, dann könnte er es doch nicht verhindern?“

„Ich meine, Willi, was nützt dir das?“ fragte Hiker.

„Es ist mein Revier. Niemand geht durch mein Revier“, bestimmte Willi standhaft.

„Und wenn doch? Dann stehst du da, mit deinem festen Willen, ärgerst dich nur, reibst dich auf, vergeudest Kraft und Energie und Kontrollzwang. Dein Wille zwingt dich, dass etwas passieren soll, oder dass etwas nicht passieren darf. Na und?“

„Lass doch einfach los, Willi“, sagte Trampas. „Dinge, die passieren dürfen doch passieren.“

„Aber es ist doch mein Revier“, beteuerte Willi.

„Und bumms! fällt der Apfel herunter. Und jetzt?“ fragte Hiker.

„Lass ihn doch fallen“, sagte Trampas.

„Dinge, die passieren, dürfen passieren“, sagte Hiker.

„Und dann geht es hier zu wie im Bahnhof?“ verteidigte sich Willi. „Das kann ich unmöglich zulassen.“

„Dein Zwang macht dein Revier zum Bahnhof. Wenn du loslassen kannst und zulassen kannst, dann füllt sich dein Revier mit Leben.“

„Alle dürfen dich besuchen. Alle dürfen sich an deinem Wald erfreuen“, freute sich Trampas. „Der Apfel darf fallen, und es ist vollkommen in Ordnung.“

„Na gut, na gut“, lenkte Willi ein. „Ich habe ja kapiert: Ich mache mir das Leben nur selbst schwer, wenn ich ständig etwas herbeizwingen will, das ich sowieso nicht ändern kann.“

„Du kannst es sowieso nicht ändern. Was passiert, darf passieren.“

„Also gut, dann bin ich einverstanden. Ihr könnt gehen.“

„Dürfen wir jetzt durch dein Revier?“ freute sich Trampas.

„Nein. Ihr dürft den Weg zurückgehen, den ihr gekommen seid.“

Hiker und Trampas grinsten. „OK, dann mach‘s gut.“

Sie gingen im weiten Bogen um Willis Revier herum, und erreichten eine weite Landschaft. Nebel legte sich über die Wiesen. Am Fuße einer großen Weide war ein kleiner Teich angelegt. Ein Schaf graste am Ufer.

„Hallo“, rief das Schaf. „Seid Ihr zwei Wanderer? Seid Ihr unterwegs? Geht ihr spazieren?“

„Ja“, antwortete Hiker. „Wir sind Trampas und Hiker.“

„Ich bin Esmeralda. Seid ihr vielleicht hungrig oder durstig? Seid ihr schon lange unterwegs? Wollte ihr noch weit wandern?“

„Äh, ja, nein, ja“, sagte Trampas.

„Wo seid ihr her? Müsst Ihr nicht mal Pause machen? Das Gras schmeckt hier lecker. Wollt ihr mal probieren?“ schwatzte Esmeralda.

„Äh, wir sind von…“

„Kennt ihr das Lied ‚Heute ist ein schöner Tag‘? Das geht mir den ganzen Tag durch den Kopf. Seid ihr verwandt miteinander?“

“Also, nein…“

„Na los, sing das Lied!“, sagte Hiker.“

„Was?“

„Sing das Lied: ‘Heute ist ein schöner Tag.‘“

„Ah, ja“, freute sich Esmeralda. Kennst du das auch? H e u t e   i s t   e i n   s c h ö n e r   T a g  la la laaa…, gefällt euch das? Ist das schön? Ist das eine lustige Melodie?“ fragte Esmeralda.

„Es ist wunderschön. Und du wohnst auch wirklich schön hier“, sagte Hiker.

„Wenn ihr wollt, könnt ihr hier leben. Es ist toll hier. Wollt ihr meinen Bauern kennenlernen? Er heißt Don Peppi. Er ist unheimlich nett.“ sagte Esmeralda.

„Habt ihr auch einen Esel?“ fragte Trampas.

„Nein, eigentlich nicht. Wir haben einen Traktor. Wisst ihr wie er macht? Brrummm. Er kann einen unheimlich großen Wagen ziehen, mit Strohballen drauf. Wisst ihr, wie schwer so ein Wagen ist? Habt Ihr schon mal Strohballen gesehen?“

„Habt Ihr auch einen Hund?“ wollte Hiker wissen.

„Ja, wir haben die alte Mama Sita. Sie ist unheimlich alt, aber noch total rüstig. Bestimmt könnt ihr gute Freunde werden. Sie freut sich immer total, wenn Gäste kommen. Freut ihr euch auch auf Gäste? Ich liebe Gäste. Ihr könnt auch für immer bleiben. Kommt. Ich zeige euch meinen Bauern.“ Esmeralda führte die beiden zum Bauernhaus.

„Jetzt müsst ihr laut rufen“, sagte sie.

Trampas und Hiker riefen: „Ii aahh!“ und „Waff waff!“

Don Peppis Kinder kamen heraus. Ein kleines Mädchen und ein Junge.

„Schaut mal, wer hier ist!“ riefen sie.

Don Peppi und seine Frau kamen auch aus dem Haus. Sie staunten wirklich nicht schlecht.

„Mama, sind die süüüß!“ riefen die Kinder. „Dürfen wir sie behalten?“ Sie streichelten Hiker und Trampas.

„Ich weiß nicht, wem sie gehören“, sagte Don Peppi. „Aber sie dürfen so lange wohnen, wie sie wollen.“

Hiker und Trampas freuten sich.

„Ein Bällchen“, lachte Hiker. Schnell rannte er zum Bällchen, legte es den Kindern vor die Füße, rief „Waff!“ und sofort fingen sie an, mit ihm zu spielen.

„Komm, wir gehen auf die Wiese“, sagte Esmeralda zu Trampas. „Kennst du das Lied: ‚Im Frühtau zu Berge‘? Es geht so: I m   F r ü h t a u   z u   B e r g e, la laa lalala. Ist das nicht schön? Kennst du auch ein Lied?“

Und so ging die Wanderschaft mit Hiker und Trampas zu Ende. Ob wir noch einmal von ihnen hören werden? Wer weiß. Jedenfalls scheinen sie ein schönes Plätzchen gefunden zu haben. Jede Veränderung ist eine Veränderung zum Guten. Man muss es nur zulassen.

Und eins ist wichtig: Wir dürfen nicht vergessen, wer wir sind.

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