Walter trifft sich selbst

Eines Abends kam Walter von der Arbeit nach Hause. Er parkte sein Auto am Straßenrand vor dem Haus, nahm seine Aktentasche, seinen Hut und seinen Regenschirm, und während er die Stufen zu seiner Haustüre emporstieg, suchte er nach seinem Haustürschlüssel.

Doch nanu? Der Schlüssel passte nicht. Ei, sowas! Er probierte und probierte, bis er schließlich aufgab und klingelte.

Jemand öffnete ihm die Tür und Walter staunte: Es war er selber, der ihm die Türe aufmachte.

„Walter“, sagte der andere Mann. „Das ist schön, dich zu sehen, komm doch rein!“

„Hallo, Schatz“, rief seine Ehefrau Gerda aus der Küche. „Das Essen ist gleich fertig.“

„Guten Tag“, sagte Walter und freute sich, dass Besuch da war. „Das ist ja interessant: Sie sehen genau so aus, wie ich.“

„Ja, ich bin es. Ich meine, du bist es. Erkennst du mich wieder?“ Der neue Walter musste lachen, Gerda auch.

„Du kannst Walter Zwei zu mir sagen“, sagte der neue Walter.

„Der Schlüssel passte nicht, und ich musste klingeln“, sagte Walter.

„Ja, wir haben es austauschen lassen“, sagte Walter Zwei.

„Ich wusste nicht, dass es mich doppelt gibt“, sagte Walter. „Soll ich vielleicht nochmal wiederkommen? Dann sind wir drei.“

Gerda kam aus dem Wohnzimmer und freute sich.

„Grüß dich, mein Schatz“, sagte sie und gab ihm einen Kuss. „Wie war es heute?“

„Äh, ja, gut“, gab Walter zur Auskunft und schaute den fremden Mann an. Er war wirklich das exakte Ebenbild von Walter und er hatte sogar seine Hausschuhe an.

„Darf ich dir etwas anbieten?“ fragte Walter Zwei. „Einen Wein, Limo, Kaffee?“

„Das wollte ich dich auch gerade fragen“, antwortete Walter.

„Komm doch erst einmal rein.“ Walter Zwei klopfte ihm an die Schulter und führte ihn in das Esszimmer. Dort waren drei Teller gedeckt.

„Du bist sicher erstaunt, dich selbst hier anzutreffen, nicht wahr?“ fragte er.

„Ja, es ist eine Überraschung“, antwortete Walter. „Endlich sehe ich mich auch mal von hinten.“

Er blickte sich um. Die Wohnung war verändert. „Ich sehe, ihr habt umdekoriert.“

„Ach ja, das, weißt du, es hat nicht mehr gepasst“, antwortete Gerda. „Das alte Zeug musste endlich mal raus.“

„Es ist freundlicher und bunter, als bisher. Es gefällt mir.“

„Magst du Spaghetti mit Spinat?“ fragte Gerda.

„Unser Leibgericht“, sagte Walter Zwei.

Die beiden Walters und Gerda setzten sich zu Tisch und fingen an zu essen.

„Erzähl doch mal, wie ist es in deiner Arbeit?“ fragte Walter Zwei.

„Ja, äh, wie immer.“

„Und was machst du da genau?“

„Das solltest du aber selbst wissen“, lachte Walter. „Ich plane Heizungen und Lüftungsanlagen, Abwasserrohre und Kältemaschinen.“

„Natürlich weiß ich das“, sagte Walter Zwei. „Das habe ich früher auch gemacht.“

„Früher?“

„Ja, sagte Gerda. „Weißt du noch, als du damals nach Hause kamst und diesen Brief dabei hattest.“

„Er war von deinem Chef“, erklärte Walter Zwei.

„Ja, er bot dir einen höheren Posten an. Mit einem eigenen Firmenwagen und Gehaltserhöhung.“

„Du warst sehr stolz“, sagte Walter Zwei. „Darauf hast du jahrelang hingearbeitet. Das war ein verlockendes Angebot.“

„Ja“, erzählte Gerda weiter. „Wir beide haben uns sehr gefreut. Ich weiß es noch wie heute. Wir haben gejubelt und gelacht.“

Walter konnte sich gut erinnern.

„Ja, ich erinnere mich, das war vor etwa zehn Jahren und die Kinder waren noch ganz klein.“

„‚ … und freue mich auf eine gute und erfolgreiche Zusammenarbeit‘“, erinnerte sich Walter Zwei. „ So stand es im Brief: ‚Sie werden Ihren Schritt nicht bereuen…‘ “

Gerda lachte. „Das war wirklich gut: ‚… sie werden Ihren Schritt nicht bereuen‘. Heute wissen wir es natürlich besser, gell, Schatz?“

„Natürlich, sagte Walter Zwei. ‚… erfolgreiche Zusammenarbeit…‘. Damals haben wir es einfach noch nicht absehen können, was das bedeutete.“

„Aber klar doch“, sagte Walter. „Das war damals ein absolut fantastisches Angebot. Wir haben uns wirklich sehr darüber gefreut.“

„Wir spürten nicht die Bande, die einen einwickelten.“ Gerda klang verständnisvoll und herzlich.

„Weißt du noch“, schwärmte Walter. „Wir konnten seitdem öfter in Urlaub fahren, wir bekamen ein großes Auto, und wir konnten das Badezimmer renovieren.“

„Nicht zu vergessen, deinen Eintritt in den Golfclub“, antwortete Walter Zwei. „Ach, wie lange hattest du dir das gewünscht?“

„Es war doch alles in Ordnung“, sagte Walter. „Wir haben doch gut gelebt.“

„Ich habe damals ‚Nein‘ gesagt“, erklärte Walter Zwei.

„Du? Aber ich habe ‚Ja‘ gesagt“, staunte Walter. „Das ist interessant.“

„Und was hast du in der Zwischenzeit gemacht?“ wollte Walter Zwei wissen.

„Na ja, ich bekam ein neues Büro und viele Angestellte. Und dann habe ich das Büro geleitet, und wir haben viel gearbeitet, bis heute.“

„Und wo ist dein Leben?“

„Nun ja, die Arbeit hat mich ausgefüllt.“

„Pläne zeichnen? Mmh? ‚… erfolgreiche Zusammenarbeit…‘.“

„Klar, es könnte besser laufen. Ich komme immer spät nach Hause, und ich sehe kaum noch die Sonne, die Kinder auch nicht. Vor Sonnenaufgang fahre ich los und komme nach Sonnenuntergang heim, und dann die Wochenendarbeiten.“

„Weißt du“, sagte Walter Zwei. „Als ich ‚Nein‘ sagte, hat mich Gerda ganz schön geschimpft.“

„Oje, das tut mir Leid, Schatz“, antwortete Gerda. „Das wollte ich nicht.“

„Es dauerte auch nicht lange“, sagte Walter Zwei, „da konnte ich nicht länger in der Firma bleiben, weil ich ‚Nein‘ gesagt hatte. Mir wurde gekündigt, und ich musste mir etwas anderes suchen.“

„Ah, da hatte ich es doch deutlich besser, findest du nicht?“

„Anfangs schon. Aber dann setzten wir uns zusammen: Gerda und ich. Und dann haben wir uns beide überlegt: Was möchte ich sein?“

„Was möchte ich sein?“ fragte Walter. „Was ist denn das für eine Frage?“

„Was ist das, was für mich Leben bedeutet?“ antwortete Gerda. „Wir schrieben alles auf eine Liste.“

„Die ‚Pizza – Liste‘ nannten wir sie. Stell dir vor, dein Leben ist ein runder Teig und du darfst alles drauf tun, was dir gefällt, wie auf eine Pizza.“

„Wir wollten das Leben genießen, die Sonne sehen“, sagte Gerda.

„Der Käse war die Freizeit. Die Salami der Beruf. Die Tomaten waren unsere Kinder. Und so weiter. Wir setzten unser Leben zusammen, wie den Belag einer Pizza. Alles, was uns wichtig war.“

„Wir brauchten keine so hohen Ansprüche, aber dafür mehr Zeit für uns beide.“

„Und vor allem auch Zeit für unsere Kinder.“

„Der schönste Golfplatz ist eine Lichtung im Wald.“

„Die schönste Jacht ist ein Gummiboot auf dem See.“

„Ja, klar“, verteidigte sich Walter. „aber ein bisschen mehr Luxus ist doch auch nicht verboten.“

„Wir spüren die Bande nicht“, sagte Gerda, „die uns einwickeln. Immer mehr, immer mehr. Wir machen uns abhängig, wir binden uns und wir lassen uns gefangen nehmen. Und dann stecken wir eines Tages mitten in der Arbeit und im Zwang und wir können nicht raus, weil uns die Monatsraten der Bankkredite dazu zwingen.“

„Und die Leasingraten des Autos.“

„Mit der ‚Pizza – Liste‘ haben wir Klarheit bekommen, was wir wirklich wollten“, sagte Walter Zwei.

„Und vor allem, was wir nicht wollten“, ergänzte Gerda.“

„Wir haben uns neu gestaltet.“

„Und wir leben heute so, dass wir uns wirklich frei fühlen.“

„Das Geld ist nebensächlich“, sagte Walter Zwei. „Es reicht zum Leben.“

„Das Glück ist wichtig, und davon haben wir genug.“

„Ja“, bestätigte Walter. „Das sieht man an eurer neuen Wohnungseinrichtung.“

Walter stand auf. „Ich muss noch meine Brille aus dem Auto holen, ich glaube, ich habe sie vergessen.“

Als Walter vom Wagen zurückkam, probierte er nochmal, ob der Schlüssel in die Haustüre passte. Und tatsächlich: Der Schlüssel passte.

„Hallo, Schatz“, rief Gerda aus der Küche. „Das Essen ist gleich fertig.“

Von Walter Zwei fehlte jede Spur.

Gerda kam ihm entgegen und gab ihm einen Kuss.

„Grüß dich, mein Schatz“, sagte sie. „Wie war es heute?“

„Gut, gut“, sagte Walter. „Ich habe heute ein Angebot bekommen, Abteilungsleiter zu werden.“

„Das ist ja fantastisch“, freute sich Gerda. „Und wann fängst du an?“

„Gar nicht“ antwortete Walter. „Ich habe bereits ‚Nein‘ gesagt.“