Walter und sein Glücksminister

Eines Abends kam Walter von der Arbeit nach Hause. Er parkte sein Auto am Straßenrand vor dem Haus, nahm seine Aktentasche, seinen Hut und seinen Regenschirm, und während er die Stufen zu seiner Haustüre emporstieg, suchte er nach seinem Haustürschlüssel.

Im Hausflur kamen zwei Ingenieure in weißen Kitteln an ihm vorbei. Sie waren im Gespräch vertieft. Als sie an Walter vorbeikamen, blickten sie auf.

„Ahaah!“, rief der erste Ingenieur aus. „Walter, nicht wahr?“

„Kommen Sie mit, kommen Sie mit“, sagte der Zweite und nahm Walter am Arm mit ins Wohnzimmer.

Es war aber nicht das Wohnzimmer. Umbaumaßnahmen fanden im Flur statt. Auf der Leiter standen Monteure und schweißten Leitungen zusammen. Die Tür zum Wohnzimmer war mit einem Plastikvorhang bedeckt. Der erste Ingenieur schob den Vorhang zur Seite und gemeinsam betraten sie den Raum.

Bevor Walter weiter nachfragen konnte, stand er in einem großen, kreisrunden Saal, von dem aus zahlreiche Türen zu benachbarten Räumen führten. Der Saal war hell beleuchtet. Viele Menschen liefen beschäftigt von einer Türe in die nächste. Manche von ihnen waren in Eile, andere nicht. Sie redeten miteinander, als sei alles recht wichtig. Er sah seine Frau, wie sie von einem Zimmer ins andere ging.

„Hallo, Schatz“, winkte sie ihn zu und war schon wieder verschwunden.

„Kommen Sie, kommen Sie“, sagte der Ingenieur.

„Wann ist der Count-Down?“, fragte der Erste.

„In einer Viertelstunde. Wir müssen uns beeilen“, antwortete der Zweite.

Mitten im Saal stand eine riesengroße Rakete. Die Triebwerke dampften aus irgendwelchen Ventilen. Das Dach hatte man für die Rakete geöffnet. Die Spitze ragte hoch in den abendlichen Himmel.

Walter staunte: „Mann, ist die hoch!“

„Ich heiße Mick“, sagte der erste Ingenieur und schüttelte Walter die Hand. „Wir müssen zuerst alle Räume besichtigen.“

„Ich bin Mark“, sagte der Zweite. „Wir sagen uns hier alle Du, ja?“

„Hier“, sagte Mick und öffnete die erste große Tür.

Es war eigentlich die Küchentür. Doch sie sah jetzt anders aus.

Im Raum standen zahlreiche, hohe Regale, die bis oben hin mit Büchern angefüllt waren. Gemälde, Bilder, Bücherstapel und Zettel lagerten vor den Regalen. Es war nicht möglich, weiter in diesen Raum vorzudringen.

„Die Bibliothek“, sagte Mark. „Schau dir das an. Deine Gedanken, absolutes Chaos. Nichts ist aufgeräumt.“

Einige Angestellte saßen um einen kleinen Tisch und aßen Spaghetti mit einer roten Soße.

„Wie kann man nur so leben?“, fragte Mick. „Völliges Durcheinander. Kein Wunder bist du in deinen Gedanken so eingefahren.“

„Komm weiter. Hier ist das Kommunikationszentrum.“ Sie gingen in den nächsten Raum.

Drinnen blinkten Bildschirme, als hätten sie Wackelkontakt. Die Menschen im Kommunikationszentrum saßen auf ihren Stühlen, starrten die Bildschirme an und schimpften vor sich hin.

„Hier findet keine Kommunikation mehr statt“, sagte Mark, „sondern Stillstand. Das war früher einmal ganz anders. Erinnerst du dich? Jetzt dringen nur noch negative Gedanken aus diesem Raum. Es sieht nicht gut mit dir aus, Walter.“

Langsam dämmerte es Walter, dass es sich wohl um ihn selbst handelte.

„Wo bin ich hier?“ fragte er.

„Das Observatorium“, sagte Mick. „Man sagt auch Sehzentrum dazu. Und was siehst du?“

Müde blickten die Angestellten in einen Fernseher. Man sah Werbung, von irgendwelchem Fertigfutter. Die beiden Fernrohre waren ausgeschaltet.

„Und hier, das Tonstudio.“

Ein Radio quäkte unablässig in der Ecke. Am Mischpult spielte jemand ziellos an den Knöpfchen und Reglern herum.

„Was du in dir aufnimmst, durch deine Augen und Ohren, dass beeinflusst deine Gedanken“, sagte Mark. „Das solltest du nicht zulassen, dass sie mit Müll betäubt werden.“

„Und hier das Sendezentrum. Aber du sendest nichts mehr. Walter! Wo ist deine Kreativität geblieben?“

„Die Messwarte“, sagte Mick und schüttelte den Kopf. „Du interessierst dich wohl für gar nichts mehr, außer essen, schlafen und arbeiten.“

Sie gingen weiter.

„Der Serverraum. Hier steht eine Einhundert-Terabitanlage und du nutzt nicht einmal ein Prozent deiner Kapazität. Das ist sehr traurig, Walter.“

„Hier ist das Regierungskabinett“, sagte Mark. „Am besten fangen wir hier an.“

Im Regierungskabinett saß ein Vizepräsident an einem großen, grünen Tisch. Rundherum saßen Regierungsmitglieder.

„Willkommen“, sagte der Vizepräsident. „Gut, dass du kommst, Herr Präsident. Hier nimm Platz.“

Er bot Walter den Präsidentenstuhl an.

„In einer Viertelstunde soll die Rakete steigen, und wir haben nicht die geringsten Vorbereitungen getroffen“, sagte der Vizepräsident. „Alle unsere Leistungen sind blockiert. Wir brauchen jetzt eine klare Anweisung, was zu tun ist.“

Alle blickten Walter an.

„Nun, äääh“, Walter versuchte sich zu konzentrieren.

„Wir wollten dir keine Vorwürfe machen“, sagte Mark, der mit Mick ebenfalls Platz genommen hatte. „Aber wir können so einfach nicht mehr weitermachen, wenn du nicht etwas grundlegendes unternimmst.“

„Siehst du“, sagte der Vizepräsident. „Jedes Ministerium kann mühelos vor sich her existieren, ohne dass es auffällt.“

„Irgendwann einmal gibst du deinen Löffel ab, und das war‘s dann“, sagte Mick.

„Und nichts ist passiert“, bestätigte Mark.

„Du musst nur genügend Budget in deine Ministerien stecken, dann kannst du so lange leben, bis du stirbst“, sagte der Vizepräsident. „Aber so können wir niemals die Rakete abheben lassen.“

„Es wird dringend Zeit, dass du etwas veränderst“, sagte Mick.

„Hört ihr das? Sie wollen unsere Budgets kürzen. Rührt nur nicht unsere Budgets an“, beschwerte sich der Finanzminister.

„Ich brauche nur genügend Unterstützung für meine Streitereien“, rief der Kriegsminister.

„Wenn ich kein Geld für meinen Willen bekomme, übe ich Druck aus“, rief der Zwangsminister.

„Kürzt bloß nicht meine Vergnügungssteuer“, schimpfte der Freizeitminister, „sonst könnt ihr was erleben.“

„Das ist gemein. Ich wusste es, dass ihr mich nicht leiden könnt“, klagte der Jammerminister.

„Ich gebe nichts ab. Nichts von dem, was ich habe. Was ich habe, behalte ich“, rief der Kontrollminister.

„Wie kann ich ohne Budget vor meinen Nachbarn protzen? Ich brauche doch das dicke Auto und den Viergang- Rasenmäher“, rief der Geltungsminister.

„Ohne Unterstützung komme ich mir so minderwertig vor, habt Mitleid mit mir“, klagte der Selbstwertminister.

„Meine Rechthaberei ist in Gefahr. Wie soll ich den nächsten Prozess überstehen? Ich werde dagegen klagen“, postulierte der Rechtsminister.

„Bitte, bitte meine Herren“, rief der Vizepräsident. „Walter soll zu Wort kommen. Lasst ihn sprechen.“

„Nun, ääh“, sagte Walter leise. „Ich weiß, dass ich im Laufe der Zeit zu einem gewissen Stillstand gekommen bin, an dem ich nicht mehr weiter kam. Mein Leben hat sich nur noch im Kreis gedreht. Ich fürchte, dass wir so keine Rakete steigen lassen können.“

„Hallo!“

Ein kleines Männchen mit eine dünnen Stimme und einem grünen Hut meldete sich und winkte aus der letzten Reihe. „Entschuldigung, darf ich etwas sagen?“

„Wer bist denn du?“ fragte Walter.

„Ich bin dein Glücksminister.“

„Ich wusste gar nicht, dass ich einen habe. Hast du Referenzen vorzuweisen?“

„Ja, erinnerst du dich, als du das letzte Mal richtig glücklich warst? Zunächst schien alles falsch zu laufen. Du dachtest, du hättest nur noch Ärger und Probleme.“

„Du meinst, als es plötzlich aufhörte zu regnen?“

„Ja.“

„Die Welt war plötzlich wieder sauber und frisch. Ich roch die grünen Blätter und das feuchte Gras, und mir wurde bewusst, dass ich gar keine wirklichen Probleme hatte. Es waren nur kleine Sorgen. Die Sonne kam hinter den Wolken hervor und die Blätter an den Bäumen dampften im Licht. Ich konnte alle meine Sorgen über Bord werfen. Plötzlich war ich glücklich.“

„Das war meine Arbeit.“

„Wunderbar. Ich glaube, du kannst mir wirklich helfen.“

„Ja, natürlich.“

„Und wie?“

„Walter“, sagte der kleine Glücksminister. „Nimm es mir nicht übel, aber in dir stecken ziemlich dicke Blockaden, die du erst einmal befreien musst.“

„Welche Blockaden denn?“, fragte Walter.

„Nun, du stehst dir selbst im Weg. Ich glaube, dass es wichtig ist, dich erst einmal zu befreien.“

„Aber ich weiß nicht, wie das geht. Wie kannst du mir dabei helfen?“

„Du musst dein Kabinett auflösen.“

„Was?“ riefen die Minister. „Unverschämtheit. Du willst wohl das ganze Budget für dich allein haben!“

„Das ganze Budget für den Glücksminister?“, riefen die Minister aus. „Das ist eine bodenlose Frechheit.“

„Ja, ich glaube, wenn ich mich erst einmal befreien will“, sagte Walter, „dann muss ich mich von all meinen Ministern befreien.“

„Nein, bitte nicht“, klagten die Minister.

„Doch, ihr seid alle entlassen. Ihr dürft jetzt gehen. Auf Wiedersehen.“

Traurig verließen die Minister das Kabinett.

„Auf Wiedersehen, Krieg. Auf Wiedersehen, Macht, Gier, Vergnügungssucht, Geltungssucht, Rechthaberei und Jammerei“, freute sich Walter und winkte ihnen nach.

„Auf Wiedersehen“, klagten die Minister und machten die Türe hinter sich zu.

„Das war gut“, lobte ihn der Vizepräsident. „Ohne Minister regiert es sich viel leichter.“

„Aber in deinen Abteilungen ist noch sehr viel Unordnung“, sagte Ingenieur Mick.

„Das kriegst du so schnell nie hin“, ergänzte sein Partner Mark. „Wir haben nur noch siebeneinhalb Minuten bis zum Start.“

„Doch“, freute sich Walter. „Mit meinem Glücksminister schaffe ich das in der Zeit.“

Walter ging mit seinem Glücksminister in den großen Saal. Er klopfte an ein Mikrofon, so dass seine Stimme über die Lautsprecheranlage laut vernehmbar war.

„An alle Abteilungen, hört mir mal bitte zu!“, rief Walter. „Wir haben ein ganz tolles Projekt, dass wir in sieben Minuten diese Rakete steigen lassen wollen. Könnt ihr mir alle dabei helfen?“

„Weiß nicht, neee“, antworteten die Mitarbeiter mürrisch. „Lieber doch nicht.“

„Passt mal auf“, rief Walter. „Wenn jeder von euch seine Maschinen einschaltet, und wenn jeder von euch darauf achtet, was der andere macht, dann sind wir wie eins. Dann können wir die Welt so wahrnehmen, wie sie ist, dann können wir sie erleben, sie fühlen, sie hören und sehen. Und jeder von uns kann erleben, was der andere erlebt. Alle Sinne sind aufeinander eingestellt. Ist das nicht einfach wunderbar?“

„Meint der das echt?“, fragten sich die Mitarbeiter. „So entschlossen haben wir ihn ja noch nie erlebt.“

„Ja“, rief Walter. „Und das, was wir erleben, kann nur Freude sein. Es kann nur Glück sein. Ich habe alle griesgrämigen Minister rausgeschmissen. Ich brauche sie nicht mehr. Wir alle sind ohne sie glücklich.“

„Also, wenn er es wirklich meint“, sagten die Mitarbeiter, „dann wollen wir es doch wenigstens probieren.“

„Geht ran an eure Schaltzentren und Zentralen“, rief Walter, „schaltet sei ein! Lasst sie laufen! Freut euch! Lacht, seid fröhlich! Ist das nicht wunderbar?“

Und dann schalteten die Mitarbeiter ihre Maschinen ein.

„Fertig zum Abheben: Z e h n,   n e u n,   a c h t   s i e b e n   s e c h s …

„Es ist so schön“, lachte Walter.

F ü n f,   v i e r,   d r e i,   z w e i,   e i n s …

„Hahaha“, Walter lachte und umarmte seinen Glücksminister.

N u l l,   u n d   l o o o o s !

Es rauchte und qualmte, und dann hob sich die Rakete in die Luft.

Und Walter lachte und war glücklich. Er tanzte mit dem Glücksminister und mit seinem Vizepräsidenten. Er tanzte mit den Ingenieuren und den fleißigen Mitarbeitern. Walter fühlte sich einfach froh und leicht. Sein ganzer Körper war eins. Alle seine Sinne waren aktiv. Er lauschte und blinzelte, er fühlte und roch und schmeckte. Alles zur gleichen Zeit. Alles war wie neu und frisch.

Die Rakete verließ das Haus und jagte in hoher Geschwindigkeit den Sternen entgegen.

„Dies ist das Glück“, lachte Walter.

Und als er seine Haustüre aufsperrte, und alles war so, wie er es früher kannte, da lachte er noch mehr und war dankbar für dieses Erlebnis.