Bruno gräbt sich durch die Welt

„Wenn du etwas nicht versuchst“, sagte der alte Herr Dachs, „dann wirst du es auch nicht erreichen. Du hast keine Garantie auf Erfolg, aber du hast dein Bestes getan, und dann kannst du dir nichts vorwerfen, wenn es nicht funktioniert.“

Heute wollte Bruno ein tiefes Loch graben.

„Heute will ich ein tiefes Loch graben“, sagte Bruno.

Bruno war der beste Lochgräber unter allen Maulwürfen.

„Wie tief soll das Loch werden?“, fragte Gustl, der Gockel.

Gustl konnte auch Löcher graben. Aber nur so tief, dass er sich hineinsetzen konnte.

„So tief, wie noch nie einer gegraben hat“, antwortete Bruno.

„Hundert Meter?“, fragte Micha, die Maus.

Auch Micha konnte Löcher graben. Aber nur so tief, dass sie ein Nest in die Erde bauen konnte.

„Noch tiefer“, sagte Bruno.

„Einen Kilometer?“, fragte Micha.

„Noch tiefer“, sagte Bruno. „Denn mein Großvater hat schon mal einen Kilometer tief gegraben.“

„Durch die Welt durch?“, fragte Klipper, der Klepper.

Klipper konnte überhaupt keine Löcher graben, deshalb kannte er sich nicht so gut aus.

„Genau“, sagte Bruno. „Durch die Welt durch. Das hat noch keiner geschafft.“

„Oh!“, staunte Klipper. „Bis du wieder am anderen Ende rauskommst?“

„Ja, bis ich wieder rauskomme“, antwortete Bruno.

„Wo kommst du denn dann wieder raus?“, wollte Micha wissen.

„In China“, antwortete Bruno.

„Und wenn du im Meer rauskommst?“, gackerte Gustl?

„In welchem Meer denn?“, fragte Bruno.

„Na, im Chinesischen Meer“, sagte Gustl.

„Dann werdet ihr nass“, behauptete Bruno.

Denn wenn man in ein Meer ein Loch gräbt, dann läuft das Meer aus. Und am anderen Ende wird man nass.

„Das weiß doch jedes Kind“, rief Bruno.

Bruno verabschiedete sich von seinen Freunden.

Er hatte seine Gräber-Ausrüstung dabei.

Da war zuerst seine Schaufel mit kurz gesägtem Stiel. Damit konnte er besser um die Kurven schaufeln.

Dann hatte er seinen Helm mit einer Grubenlampe. Normalerweise brauchen Maulwürfe keine Lampen. Aber diese Lampe brauchte er, um von seinem Gabelkompass abzulesen.

Damit er nicht in die falsche Richtung grub, hatte er nämlich seinen Spezial-Gabelkompass dabei.

Es war eine Gabel an einem Stück Faden. Alle guten Maulwürfe haben einen Gabelkompass.

„Was ist denn genau ein Gabelkompass?“, fragte Klipper.

Da Klipper nicht graben konnte, kannte er sich eben nicht so gut aus.

Wenn ein Maulwurf nach unten graben will, dann hält er die Gabel am Faden genau vor die Augen. Hängt die Gabel in Richtung Grubenhelm, dann geht es hinunter.

„Wie werden wir wissen, dass du am anderen Ende der Welt warst?“, fragte Gustl.

„Ich werde Fotos schießen“, versprach Bruno und zeigte seinen Fotoapparat.

Bruno fing an zu graben. Er grub einen Monat, eine Woche und einen Tag, bis zur Mitte der Welt.

Und als er weitergrub, hielt er wieder den Gabelkompass genau vor die Augen. Die Gabel zeigte in Richtung Füße.

„Jetzt geht es wieder nach oben“, sagte Bruno und grub noch einen weiteren Tag, eine Woche und einen Monat.

Es wurde immer heller. Plötzlich wurde Bruno nass.

„Ich glaube, ich bin im Chinesischen Meer gelandet“, überlegte Bruno.

Dann wurden auch seine drei Freunde nass.

„Ich glaube, Bruno ist im Chinesischen Meer gelandet“, sagte Gustl.

„Oh, weia“, rief Micha. „Kommt jetzt das ganze Meer durch das Loch zu uns geflossen?“

„Wie viel Wasser hat denn so ein Meer?“, fragte Klipper.

„Ich weiß nicht“, antwortete Gustl. „Es wird das Beste sein, wenn wir das Meer wieder in das Loch zurückschütten.“

Bei Bruno war das Wasser bereits ausgelaufen.

Dann sah er eine große, schwarze Kuh, die ihn anglotzte.

„Was bist du denn für eine große Kuh?“, fragte Bruno.

Doch die Kuh sagte nur: „Muh“.

Sie war ganz traurig, und eine dicke Träne kullerte ihr von einem Auge herunter.

„Kannst du mir sagen, wo wir hier sind?“, fragte Bruno.

Doch die Kuh sagte wieder nur: „Muh“.

Bruno zog seinen Fotoapparat hervor und schoss ein Foto von der Kuh.

„Ich glaube, sie kann mich nicht verstehen“, sagte sich Bruno.

„Doch, ich kann dich verstehen“, muhte die Kuh traurig.

„Ach, du kannst ja doch sprechen“, rief Bruno aus.

„Natürlich“, antwortete die Kuh.

„Was bist du denn für eine Kuh?“, wollte Bruno wissen.

„Ich bin keine Kuh, sondern ein trauriger Büffel“, sprach der Büffel.

„Warum bist du ein trauriger Büffel?“, fragte Bruno.

„Normalerweise bin ich ein lustiger Wasserbüffel, weil ich gerne im Wasser stehe“, antwortete der Büffel. „Aber jetzt stehe ich nicht mehr im Wasser, deshalb bin ich nur noch ein trauriger Büffel.“

„Ach so“, sagte Bruno. „Ich heiße Bruno, und wie heißt du?“

„Bung Kreis Herum“, antwortete der Büffel. „Sage einfach Bung zu mir.“

Bruno gab Bung die Kralle. Bung gab Bruno die Klaue.

„Was bist du denn für ein Tier?“, fragte Bung.

„Ich bin ein Maulwurf“, erklärte Bruno.

„Das ist lustig.“ Bung lächelte wieder ein wenig. „So etwas wie dich haben wir hier sonst nicht.“

Da kam ein Mensch vorbei. Es war ein Chinese. Der Chinese hatte einen langen Schnurrbart und einen großen runden Strohhut auf. Er war sehr aufgeregt.

„Da kommt Fleiss Man“, flüsterte Bung. „Er ist mein Bauer, und er ist sehr aufgeregt, weil sein Reisfeld ausgelaufen ist.“

„Oh“, lächelte Bruno. „Ich dachte, es wäre das Chinesische Meer.“

„Jetzt sind alle Reispflanzen trocken, und ich bin traurig.“

Der Chinese lief eilig hin und her und überlegte sich was.

„Dein Bauer überlegt sich was“, flüsterte Bruno. „Dem fällt bestimmt eine Lösung ein.“

„Ja“, antwortete Bung. „Aber das ist besonders schwierig, weil er sich das alles auf Chinesisch überlegen muss.“

Bruno schoss ein Foto von dem chinesischen Bauern.

In der Zwischenzeit, auf unserer Seite der Welt, holten Gustl, Micha und Klipper einen Eimer. Damit schöpften sie das Wasser wieder zurück in das Loch.

In China kam das Wasser wieder hinaus, und das Reisfeld war wieder gefüllt.

Bung stand erneut im knöcheltiefen Wasser.

„Juhuu“, rief Bung. „Ich bin wieder ein lustiger Wasserbüffel!“

Er freute sich und lachte. Auch der chinesische Bauer freute sich und lachte, denn er konnte aufhören, sich was zu überlegen.

Doch plötzlich machte der Chinese ganz große Augen, denn er sah, dass ihm sein Reisfeld wieder auslief.

Fleiss Man jammerte ganz fürchterlich. Da hatte er eine tolle Idee.

Er nahm schnell seinen großen, runden Strohhut vom Kopf und deckte damit das Loch zu.

Bruno schoss ein noch ein Foto vom Bauern Fleiss Man.

Doch der Strohhut war nicht dicht, und das Wasser lief trotzdem aus.

„Muh“, brummte Bung, der wieder nur ein trauriger Büffel war. Eine große Träne kullerte ihm von einem Auge herunter.

„Wenn ich nicht im Wasser stehe, werde ich immer ganz traurig“, sagte er. „Viel lieber wäre ich jetzt wieder ein Wasserbüffel.“

Das Wasser war wieder weg, und die drei Freunde Gustl, Micha und Klipper, auf unserer Seite der Welt, wurden wieder nass.

„Das Meer ist ganz schön hartnäckig“, rief Micha.

„Langsam habe ich genug“, gackerte Gustl.

„Wir wollen das Wasser hier nicht haben“, piepste Micha.

„Komm“, rief Klipper. „Wir schöpfen es wieder zurück. Aber das ist das letzte Mal.“

„Und wie verhindern wir, dass es wieder zurückfließt?“, fragte Gustl.

„Ich habe eine gute Idee“, antwortete Klipper. „Lasst mich nur machen.“

Zum Glück für Bung und dem chinesischen Bauern kam das Wasser zurück in das Reisfeld.

Bung rief „Juhuu!“ Und Fleiss Man strahlte vor Freude.

Doch der Bauer machte sich Sorgen, was passieren würde, wenn das Wasser wieder auslief.

Da hatte Bung eine tolle Idee.

„Ich setze mich einfach auf das Loch“, lachte er. „Dann bleibe ich für immer ein lustiger Wasserbüffel.“

Bruno schoss ein Foto von Bung.

„Aber vorher musst du mich schnell wieder in das Loch hinein lassen“, rief Bruno. „Dass ich wieder nach Hause kommen kann.“

Das durfte er auch.

„Auf Wiedersehen, Bruno“, sagte Bung.

„Auf Wiedersehen, Bung. Auf Wiedersehen, Fleiss Man“, rief Bruno.

Bruno benutze seinen Gabelkompass, um ganz sicher wieder nach Hause zu gelangen.

Unterwegs machte er eine interessante Entdeckung:

„Das ist aber merkwürdig“, sagte er.

Denn mitten in der Erde, genau am Mittelpunkt, da konnte sich der Gabelkompass nicht entscheiden, ob er nach oben oder nach unten zeigen sollte. Er schwebte.

„Mein Gabelkompass schwebt“, überlegte Bruno, „Warum?“

Es war schwer für ihn, eine Antwort zu finden.

„Die Erdanziehung macht alle Körper schwer. Wenn ich auf der Erde stehe, dann werde ich von der Erde angezogen und kann stehen.

Das geschieht daher, weil die Erde ganz besonders schwer ist, und ich bin so leicht und mein Gabelkompass auch. Und Schweres zieht Leichtes an.

Aber im Mittelpunkt der Welt ist alles Schwere wieder ausgeglichen. Da sind alle Seiten rundherum schwerer und ziehen nach außen und nur halb so stark wie an der Oberfläche. Im Inneren wirkt keine Kraft mehr, die mich nach innen zieht. Alles zieht mich nach außen. Und dann schwebe ich. In der Mitte der Welt ist also nicht die größte Anziehungskraft, sondern die geringste.“

Bruno ging weiter, und als er an seinem Einstiegsloch ankam, sah er einen riesengroßen Pferdepopo, der das Loch verstopfte.

„Jetzt zeige ich euch“, sagte Bruno, „was man mit meinem Gabelkompass noch machen kann.“